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Überwachung: Im Königreich der Vereinigten Kameras

19.06.2008 | 19:02 |  ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse)

In Österreich droht sich die private und staatliche Videoüberwachung massiv auszubreiten: Wie Kameras das Verhalten der Bürger kontrollieren – am Beispiel Großbritannien.

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In George Orwells Roman „1984“ werden die Menschen nicht nur allzeit beobachtet, sondern auch von einer Stimme zurechtgewiesen, etwa wenn sie die Morgengymnastik nicht ordentlich ausführen. Für uns unvorstellbar? Die nordenglische Hafenstadt Middlesbrough lässt ihre Kameras sprechen: „Hier CCTV! Dies ist eine Warnung! Sie befinden sich in einer alkoholfreien Zone! Bitte unterlassen Sie das Trinken! Sie werden aufgenommen!“ Folgt man nicht, kann man sein Bild wenige Tage später in der Lokalzeitung wiederfinden, mit der Bitte an die Bevölkerung, die Person zu identifizieren. Ein großer Erfolg, sagt man. Die Innenstadt ist nun ganz bettlerfrei.

In Kürze sollen im österreichischen Parlament die Weichen für eine fast schrankenlose Ausweitung der privaten Videoüberwachung gestellt werden. Eine Novelle des Datenschutzgesetzes erlaubt es praktisch jedem, Überwachungskameras installieren – die Polizei darf auf alle Bilder zugreifen. (siehe Gastkommentar S.45). Gleichzeitig suchen Direktoren um Erlaubnis an, Überwachungskameras zu installieren, weil sie mit den Schülern nicht mehr zurande kommen. Immer und überall beobachtet werden – auch in Österreich rückt dieser Alptraum ein Stück näher. Anlass für einen Blick nach Großbritannien.


Bis zu fünf Millionen Kameras

Im Königreich der Vereinigten Kameras wird jeder Brite täglich mehrere hundert Mal gefilmt, die Zahl der Kameras wird auf bis zu fünf Millionen geschätzt.

CCTV („closed circuit television“) werden die Videoüberwachungssysteme genannt, für deren Ausbau zeitweise bis zu drei Viertel des Budgets für Kriminalitätsprävention ausgegeben wurde. Am meisten Kameras befinden sich in der Londoner Innenstadt, dort überwachen sie zwecks Mautkontrolle auch den gesamten Verkehr. Infrarotkameras scannen die Nummernschilder, die vom Computer gespeichert werden, herkömmliche Kameras filmen Autos und Insassen, auch für polizeiliche Ermittlungen. Der nächste Plan: auch nicht angegurtete oder mit dem Handy telefonierende Autofahrer von den Kameras aufspüren zu lassen.

Was die Kriminalitätsbekämpfung betrifft, nannte der Leiter der zuständigen Abteilung von Scotland Yard, Mike Neville, die Videoüberwachung in London kürzlich ein „Fiasko“, sie sei viel zu teuer und kaum wirksam. Wer kann auch Millionen Aufnahmen pro Tag sichten, selbst wenn man, wie in England, private Sicherheitsdienste einspannt? Das Problem ist lösbar, bald wird die noch in den Kinderschuhen steckende Software zur Gesichtserkennung so weit sein, automatisch die Aufnahmen mit digitalen Fotos der Einwohner abzugleichen (die bereits heute für die biometrischen Reisepässe abgegeben werden); und Programme zur Verhaltenserkennung werden automatisch „verdächtige“ oder unerwünschte Bewegungen erkennen.

Einstweilen sucht man nach freiwilligen Spitzeln – und findet sie. Im Problemviertel Shoreditch startete 2006 ein Projekt, das es 20.000 Menschen rund um die Uhr ermöglichen sollte, über Kabelfernsehen auf die in der Gegend angebrachten Überwachungskameras zuzugreifen und ihre Nachbarn zu beobachten. Auf dem Kanal werden auch gleich Bewohner an den Pranger gestellt, die in der Vergangenheit auffällig waren und daher mit Verhaltensauflagen (das sogenannte „naming and shaming“) belegt wurden.

Britische McDonald's-Filialen wiederum nehmen den Begriff „Fast Food“ sehr ernst: Kunden müssen mit Post und Bußgebühr rechnen, wenn sie 45 Minuten statt der erlaubten 40 Minuten geparkt haben: Die Kameras haben Auto und Nummernschild erfasst, Fahrzeughalterdaten bekommt die Firma von den Behörden.


Die Heimat Jeremy Benthams

Großbritannien ist nicht nur die Heimat George Orwells, sondern auch Jeremy Benthams, der im 18. Jahrhundert für den Staat ein Architektur-Modell zur totalen Überwachung sehr vieler durch sehr wenige entwickelte: das Panopticon. Benthams Grundgedanke dabei war: Es müsste in einem solchen Gebäude gar nicht jeder jederzeit überwacht werden; die bloße Möglichkeit, in jedem Moment beobachtet zu werden, bringe die Menschen dazu, sich normgemäß zu benehmen.

Aber wer bestimmt über die Norm und ihre Einhaltung? Heute ist nicht mehr nur der Überwachungsstaat zu fürchten, sondern auch die Überwachungsgesellschaft: Jeder überwacht jeden. Für den liberalen Philosophen John Stuart Mill ist die „soziale Tyrannei“ sogar noch gefährlicher – weil sie „weniger Fluchtmöglichkeiten bietet, viel mehr in die Einzelheiten des Lebens eindringt und die Seele selbst versklavt“.

Noch gibt es nicht so viele Überwachungskameras in Österreich, und ihr Effekt ist kaum zu spüren. Beunruhigend sind sie trotzdem, schon aus einem einzigen Grund: Man gewöhnt sich an sie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2008)

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6 Kommentare
Gast: Gast
21.06.2008 00:06
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Kameras führen zu Unsicherheit

Ich fühle mich durch die zunehmende Überwachung immer weniger sicher und meide auch zunehmend die U-Bahn. Leider haben Kameras keine Kriminaltiätsmindernde Wirkung, wie Londons Polizeichef erst kürzlich zugab. Zusammen mit immer schlechter werdendem Datenschutz und der Ungesissheit, wer künftig alles Daten über mich verwenden und missbrauchen kann, werden die Kameras aber zu einer realen Bedrohung. Langsam denke ich darüber nach, mir Berücken und fabige Kuntaktlinsen zuzulegen.

Gast: P.Pacher
20.06.2008 11:23
0 0

Paranoi kann positive Seiten haben.

Angeblich glaubten die Menschen des Mittelalters, dass Gott ihnen permanent über die Schultern schaue. Das zwang sie zu "normgerechten Verhalten". Bei einem schwachen Staat und dem Reifegrad der damaligen Menschen (Grimms Märchen wurden sogar noch für Erwachsene geschrieben) war dieses paranoide Verhalten für das Funktionieren der Gesellschaft wohl unerlässlich. Ich will nicht sagen dass wir all wieder der Kirche beitreten sollten, aber irgendwie scheint diese, die Natur des Menschen besser als die aufgeklärten Utopisten verstanden zu haben.

Insider
20.06.2008 10:05
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Kehrseite der Medaille

In Europa fühlen sich mittlerweile sehr viele Menschen nicht mehr sicher. Kameras sind die Antwort auf zuviel gedankenlose Liberalität. Wenn Menschen aus unterschiedlichen Kulturen unbedingt zusammenleben müssen, gibt es Reibungspunkte. Wir sind auf dem besten Weg in eine unlenkbare Gesellschaft. Wer diese Entwicklung wollte soll nicht jammern und mit den Konsequenzen leben. Es wäre höchst an der Zeit, dass in der EU grundlegend darüber nachgedacht wird, in welche Richtung Europa gehen soll. Will es sozialen Frieden oder Einwanderungschaos? Sozialer Friede erfordert materielle Abstriche, indem verstärkt in Bildung und Umwelt in die Herkunftsländer der Immigranten investiert wird. Dass so manche korrupte Regierung dieser Länder dabei zum Handeln veranlasst werden müsste, versteht sich von selbst. Das schmerzt jedoch mächtige Multis und westliche Politiker. Folge: Es passieren meistens nur Alibihandlungen. Wo es weder Verantwortungsbewußtsein noch Moral gibt, werden Kameras installiert.

Bombur
19.06.2008 23:18
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Solche...

Überwachunsmaßnahmen sind der ware Feind unserer Freiheit nicht Terroristen oder Religionen, unsere Feinde kommen aus unseren eigenen Reihen mit dem Vorwand "Sicherheit" ohne Rücksicht auf Verluste uns ausspionieren wollen wo es geht.

Antworten Gast: Hr.Lehrer
20.06.2008 06:55
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schlimm, schlimm

Ein wahrer Feind für viele ist auch die deutsche Rechtschreibung und die richtige Grammatik. Selbst Millionen Kameras können die Falschschreiber wie unseren Bombur nicht von ihrem normfernen Treiben abhalten.

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ach wo ausspionieren

in den Kellergängen lagern sich ausrangierte Möbel bis zur Decke, Untermieter in einer Substandardwohnung, die einen öst. Hauptmieter hat, denen ein Haustorschlüssel zu teuer ist, zerstören im 3-Tagerhytmus das Hauseingangsschloss, Grafiti von zweifelhafter Qualität aber eindeutiger Aussage in den Gängen, wenn die Farbe zu teuer war, dann halt in den Stuck graviert, wöchentlich ein Einbruch, Fahrradraum, Keller od. Wohnung. Fassadenpinkler, öfter 2- denn 4-beinig, so mancher Sch...haufen auf der Dachbodenstiege sicher von einem 2-beinigen Hund.

Leider, ich bin auch ein Kamerafreund, aber ein klein wenig hilft's die Menschen ohne Kinderstube im Zaum zu halten.

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