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Polizei-Entwarnung: Kein Anstieg von Frauenhandel

25.06.2008 | 19:06 |  JUTTA SOMMERBAUER (Die Presse)

Die Polizei registrierte keine Fälle, man habe das Problem vorab überschätzt. Die Kritiker sind der Meinung, dass der Opferschutz nicht ausreicht.

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Wien. Es ist die Geschichte einer Aufregung – und Abregung. Wie in Deutschland vor der WM befürchtete man in Österreich vor der Euro einen Anstieg von Frauenhandel und Zwangsprostitution. Und nun – fast am Ende der Euro?

Die Polizei gibt Entwarnung. Tenor: Man habe das Problem vorab überschätzt. In Kärnten ist der Polizei während der Euro „kein Fall von Menschenhandel“ zu Ohren gekommen, sagt Gottlieb Türk, Euro-Sprecher der Kärntner Polizei. Auch die legale Prostitution habe nicht zugenommen. Türk spricht von „maßloser Überschätzung“ und „zu hoher Erwartungshaltung“ der Bordell-Besitzer – „wie im normalen Gastgewerbe auch“. Auch in Wien kann die Polizei „keine einzige Amtshandlung“ mit Menschenhandel oder Schlepperei melden, die einen Euro-Bezug hätte, sagt Euro-Sprecher Walter Hladik. Gerhard Joszt vom Bundeskriminalamt und der Task Force Menschenhandel – einer Arbeitsgruppe aus Ministerien, NGOs und Polizei – geht davon aus, dass das deutsche Beispiel auch für Österreich gilt. „Wir haben derzeit keine konkreten Anhaltspunkte, dass es mehr Zwangsprostitution und Opfer von Menschenhandel während der Euro gibt.“ Soweit man sehe, arbeiteten alle Frauen freiwillig.


Frauen-NGOs: Kaum Euro-Fälle

Opfer von Zwangsprostitution hätten sich bislang „keine“ gemeldet, sagt Maria Rösslhumer vom österreichweiten Frauennotruf. Entwarnung möchte sie noch nicht geben. Denn: „Viele rufen erst später an.“ Bis Ende Juli dokumentiert man noch mögliche Euro-Fälle. Im Frauenhaus Klagenfurt habe man mit Opfern von Zwangsprostitution gerechnet, sagt Geschäftsführerin Ingrid Schwarzenbacher. „Wider Erwarten gab es aber keine Zugänge.“

Unter Insidern wird oft auf das „Vorbild Deutschland“ verwiesen. Dort kursierten vor der WM Zahlen von 40.000 erwarteten Zwangsprostituierten. Die Öffentlichkeit war geschockt, fast ein Dutzend Bewusstseins-Kampagnen durchgeführt, denen im Nachhinein von manchen zu Gute gehalten wurde, warum möglicherweise doch kein Anstieg von Fällen zu verzeichnen war. In Österreich ist man dagegen (fast) ohne aufsehenerregende Kampagnen ausgekommen. Sogar der einzige Schutzverband für die Opfer von Frauenhandel, die NGO Lefö, will Sexarbeit nicht „skandalisieren“. Frauen, die sich prostituieren, sollten nicht zu Opfern erklärt werden. Einzig die Kampagne „Sexarbeiterinnen haben Lust auf ihre Rechte“ läuft noch bis zum Ende der Euro – dabei geht es aber um die rechtliche Absicherung von Prostituierten.


„Männer sensibilisieren“

Verurteilte Menschenhändler gibt es in Österreich wenige: 2006 waren es gerade mal 18 Verurteilungen wegen Verstoß gegen den Paragraf 217 – „grenzüberschreitender Prostitutionshandel“. Österreich, Insel der Seligen? Nein, sagt Mary Kreutzer, Co-Autorin des Buches „Ware Frau“, das das Schicksal nigerianischer Zwangsprostituierter in Europa beschreibt. Betroffene fehle die Motivation, Menschenhändler anzuzeigen: Weil der Opferschutz zu schwach sei. Opfer von Frauenhandel haben 30 Tage Bedenkzeit, in der sie entscheiden müssen, ob sie den Menschenhändler anzeigen. In einem Verfahren müssen sie gegen ihn aussagen – ein gesicherter Aufenthaltstitel ist damit nicht verbunden. „Die Frauen können je nach Ermessen abgeschoben werden“, kritisiert Kreutzer.

Dass man das Fußball-Großereignis nicht für Bewusstseins-Kampagnen genutzt hat, sieht Kreutzer als „Versäumnis“. „Man sollte Freier für Opfer von Menschenhandel zu sensibilisieren“. Freier – „oft die einzigen Kontaktpersonen zur äußeren Welt“ – könnten lernen, die Notlage einer Frau zu erkennen: „Etwa wenn sie in Weinkrämpfe ausbricht oder offensichtlich geschlagen wird.“ Laut Kreutzers Recherche arbeiten viele der 400 in Wien gemeldeten nigerianischen Prostituierten zwar legal mit Kontrollkarte – aber nicht freiwillig: Sie müssen ihre „Transportkosten“ aus Afrika – mehrere 1000 Euro – abarbeiten und das Geld ihren Zuhälterinnen (!) aushändigen.

Nach der deutschen WM gab es sieben Verurteilungen wegen Menschenhandel, die mit dem Sportereignis in Zusammenhang standen. Aber noch ist die österreichische Euro ja nicht Geschichte.

AUF EINEN BLICK

Ähnlich wie vor der WM in Deutschland befürchtete man in Österreich einen Anstieg von Frauenhandel während der Euro.

Die Polizei verzeichnet keinen Anstieg von einschlägigen Fällen, Frauen-NGOs ebenso nicht.

Anders als in der Schweiz und in Deutschland vor zwei Jahren hat man in Österreich keine groß angelegten Kampagnen durchgeführt. Damit habe man die Chance vergeben, Männer zu sensibilisieren, sagen Kritiker.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2008)

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1 Kommentare
Gast: pi
26.06.2008 08:14
0 0

interessant: Betroffene fehle die Motivation, Menschenhändler anzuzeigen: Weil d Opferschutz zu schwach sei.er

Sonst schreien die NGOs immer gleich, wenn mal das Opfer geschützt wird und der Täter eine harte Strafe erwartet.
Hier ist alles anders!
Tja, sehr interessant...