WIEN. Fußball als Vorwand für Nationalismus – diesen Vorwurf erheben nun Kurdenvertreter. In einer Aussendung klagen Vertreter von Feykom, dem Verband der Kurdischen Vereine in Österreich, über Angriffe auf kurdische Einrichtungen. So soll unter anderem vor dem Spiel der Türkei gegen Deutschland ein kurdischer Verein in Linz attackiert worden sein.
„Vor dem Spiel haben sich 50 bis 70 Leute zusammengetan, sind mit den Autos vorgefahren und haben Parolen wie ,Die Türkei gehört den Türken‘ skandiert“, sagt Feykom-Vorstandsmitglied Ender Karadas im Gespräch mit der „Presse“. Dann sei das Vereinslokal mit Steinen beworfen und ein Kurde verprügelt worden – er soll ins Krankenhaus eingeliefert worden sein. Als die Exekutive einschritt, seien die Türken wieder weggefahren. Laut der Aussendung der Kurden sei es zu drei Festnahmen gekommen.
„Autokorso ja, Vorfall nein“
Die Version der Linzer Polizei klingt allerdings viel weniger dramatisch: „Die Türken sind natürlich am Lokal vorbeigefahren, ein ganzer Autokorso“, sagt Polizeijuristin Bettina Kreuzhuber. Doch habe es keinen Vorfall gegeben, bei dem die Exekutive hätte einschreiten müssen. „Natürlich haben wir im Vorfeld überlegt, was passieren könnte“, so Kreuzhuber, „und haben deshalb direkt vor dem kurdischen Verein einen ganzen Einsatzzug positioniert.“
Kleinere Rangeleien habe man beobachtet, doch sei es entgegen der Aussendung der Kurden zu keinerlei Festnahmen gekommen, so Kreuzhuber. Auch, dass ein Verletzter im Krankenhaus behandelt worden sei, zweifelt die Polizeijuristin an – in einem solchen Fall hätte es eine Anzeige geben und die Polizei informiert werden müssen.
Nicht ganz außer Acht lassen darf man bei derartigen Vorfällen, dass Kurden auf türkischen Nationalismus besonders sensibel reagieren. „Es gibt die Befürchtung, dass in Ländern, die sich ohnehin schon durch einen starken Nationalismus auszeichnen, der Fußball noch für eine weitere Steigerung sorgt“, sagt Migrationsexperte Kenan Güngör. Und gerade Kurden würden hier häufig Ziele von Angriffen und deswegen große Befürchtungen hegen.
Und dass die Türken für Nationalismus besonders anfällig sind, ist auch kein allzu großes Geheimnis – auch, wenn sie gar nicht mehr in der Türkei sondern etwa in Österreich und Deutschland leben. Der deutsche Islamwissenschaftler Udo Steinbach, der für einen Vortrag am Samstag in Wien ist, sieht in der Verherrlichung des Türkentums, wie sie von vielen Organisationen gepredigt wird, sogar eine große Gefahr für die Integration (s. Interview rechts) – auch abseits sportlicher Großereignisse werde die türkische Fahne immer wieder geschwungen.
Sympathiebonus durch EM
Türkisch-nationalistische Kreise haben aber im Verlauf der Fußball-EM ohnehin nur eine geringe Rolle gespielt. Im Vordergrund standen friedliche Feiern, die den Türken sogar massive Sympathien in der Bevölkerung eingebracht haben. Die Polizei musste nur in einigen wenigen Fällen einschreiten, von den befürchteten Ausschreitungen war keine Spur.
Experten wie Hikmet Kayahan, Obmann des europäischen Anti-Rassismusnetzwerks, sehen es jedenfalls als positiv, dass der Diskurs über die Türken sich von Schlagworten wie Kopftuch, Minaretten oder Frauenrechten entfernt habe. Ob der Sympathiebonus, den die türkische Minderheit in Österreich durch die Fußball-EM bekommen hat, allerdings nachhaltig wirke, müsse sich erst zeigen.
■Angriffe auf kurdische Lokale soll es laut dem Dachverband der kurdischen Vereine bei den EM-Feiern der Türken gegeben haben. Laut Polizei habe es jedoch keine Festnahmen gegeben, so wie auch keine Verletzten.
■Sympathie: Experten glauben, dass die friedlich feiernden Türken in der Bevölkerung Sympathien erworben haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2008)

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