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Kernforschung: Atom-Unfall als Weckruf für Seibersdorf

04.08.2008 | 18:24 |  GEORG RENNER (Die Presse)

Nach dem Plutonium-Unfall will die Atomenergie-Behörde mehr Geld für ihr Labor in Niederösterreich.

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Seibersdorf, der am besten auf Radioaktivität kontrollierte Ort Österreichs. „Wenn hier etwas mit strahlendem Material passiert, ist das, als ob in der Feuerwehrzentrale ein Brand ausbricht“, zeigt sich Michael Hlava, Sprecher der Austrian Research Centers (ARC), zuversichtlich. Und passiert ist etwas: Bei dem „Untermieter“ des ARC, im Labor der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, die seit 1962 einen 15.000 Quadratmeter großen Teil des Areals um den symbolischen Preis von einem Euro im Jahr gemietet hat, ist in der Nacht auf Sonntag eine Flasche mit rund 0,2 Gramm in Säure gelöstem Plutonium leck gegangen.

Überdruck habe die versiegelte Flasche in einem Safe zum Bersten gebracht, heißt es von der IAEA, Fremdeinwirkung wird ausgeschlossen. Eine Untersuchung des Unfallhergangs ist noch im Gange, sicher ist bereits, dass aus dem Labor keine Radioaktivität nach außen gelangt ist. Nur innerhalb des zum Zeitpunkt des Vorfalls leeren und seither abgeriegelten Gebäudes schlugen die Luftfilter Alarm. Weder die Messungen der IAEA noch jene des Umweltministeriums stellten außerhalb des Labors schädliche Strahlung fest.

 

IAEA will 27 Millionen Euro

Trotzdem, der Vorfall lenkt gerade dieser Tage, da die Debatte um Für und Wider der Atomkraft erneut auflebt und sich Berichte über radioaktive Zwischenfälle häufen, mediale Aufmerksamkeit auf das Labor in Seibersdorf. Aufmerksamkeit, die die IAEA-Führung zu nutzen weiß: Deren Vizedirektor Werner Burkart hat am Montag erneut mehr Geld von den 144 Mitgliedsstaaten gefordert, um das Labor zu modernisieren. Schon im vergangenen November hatte IAEA-Chef Mohamed ElBaradei erklärt, dass 27,2 Millionen Euro an Investitionen nötig seien, um das Labor am Stand der Technik zu halten. Einer der Punkte, die nach ElBaradeis Plänen verbessert werden sollten, betraf die Sicherheit der Anlage. Die damals kritisierten Mängel hätten nichts mit dem jetzigen Vorfall zu tun, sagt Peter Rickwood, Sprecher der IAEA. Bei den Vorschlägen im November sei es um externe Sicherheit gegangen; darum, den Diebstahl radioaktiven Materials zu verhindern. Dennoch: Der Unfall sei ein „Weckruf“, die Modernisierung der Anlage anzugehen, hofft Vizedirektor Burkart.

In den 25 Jahre alten Labors werden regelmäßig Proben aus Atomkraftwerken und Krisenregionen untersucht. 2003 wurde in Seibersdorf nachgewiesen, dass der Irak keine Massenvernichtungswaffen besaß. 180 Mitarbeiter arbeiten in den IAEA-Labors, der Zugang wird sowohl von der österreichischen Polizei als auch dem eigenen Sicherheitspersonal der internationalen Organisation, die ihren Sitz in der Wiener UNO-City hat, überwacht.

 

„Nicht überbewerten“

„In Seibersdorf arbeitet man mit tausenden Proben“, erklärt Gerhard Winkler vom Institut für Isotopenforschung und Kernphysik der Universität Wien. Man solle den Vorfall nicht überbewerten, die Gefahr sei überschaubar. Plutonium sende schwache Alphastrahlen aus und sei in geringer Konzentration nur dann schädlich, wenn es in den Körper gelange, etwa eingeatmet werde. Labors wie jenes der IAEA filtern ihre Abluft aber so, dass Strahlung nicht nach außen gelangen könne.

Das bestätigt auch der für Strahlenschutz zuständige Sektionschef im Umweltministerium, Günther Liebl: Rund um das Forschungszentrum Seibersdorf seien nie erhöhte Strahlungswerte gemessen worden, das werde regelmäßig überprüft. Und auch in Seibersdorf gibt man sich gelassen: Bürgermeister Paul Renner (VP) spricht von einem Zwischenfall, der die Gemeinde nicht weiter beunruhige. Die IAEA betreibe eine sehr offene Informationspolitik, das Forschungszentrum erfülle alle Auflagen und sei ein Gewinn für die Gemeinde – der auch Arbeitsplätze schafft. Meinung Seite 27

AUF EINEN BLICK

Die IAEA, die internationale Atomenergiebehörde, die 2005 mit dem Friedensnobelpreis aus-gezeichnet wurde, betreibt seit 1962 ein Labor für radioaktive Stoffe in Seibersdorf, 35Kilometer südöstlich von Wien. Dort gelang 2003 der Nachweis, dass der Irak keine Massenvernichtungswaffen besitzt. Am Sonntag explodierte in einem Kasten eine Flasche mit rund 0,2 Gramm Plutonium wegen Überdrucks. Drei Räume wurden kontaminiert, dank der Sicherheitssysteme gelangte keine Strahlung nach außen.

Plutonium ist ein giftiges, alpha-strahlendes Schwermetall, das als Kernbrennstoff oder zur Herstellung von Bomben verwendet werden kann. Bei Einnahme verursacht es im Organismus schon in kleinen Mengen Krebs und Gewebeschäden. [AP]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2008)

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7 Kommentare
Gast: Lichtblick
05.08.2008 16:58
0 0

keine Strahlung

Im übrigen betonen die Behörden, dass es auch bei Handymasten keine Strahlungswerte über dem EU Richtwert von 10.000.000 µW/m2 (aus dem Jahre Schnee) gibt.

Gast: Questioner
05.08.2008 09:50
0 0

Ironie?....ich fürchte nicht

Ich hoffe, dass Ihr Beitrag ironisch gemeint ist, sonst kann ich nur sagen......Sie haben Sorgen!

Da wird Plutonium in fahrlässiger Weise freigesetzt....angeblich nur in den Laborgebäuden. Kenne das (veraltete) Labor nicht, nur jeder, der selbst in einem Labor, das radioaktive Stoffe behandelt, gearbeitet hat, darf die Aussage, dass sämtliche Materialien 100%ig zurückgehalten wurden jedenfalls anzweifeln. Eine solche Filtertechnik wäre mir mir nicht bekannt.

Plutonium in AT, richtig, was hat das hier überhaupt zu suchen (kommt nur in winzigen Spuren natürlich vor)?, also wie kommt AT und seine Einwohner dazu, PU auf seinem Territorium zu dulden......ach ja, nun fällt es mir ein....UNO....exterritorial

Eine Blamage für die IAEO.....wer Polizist spielen will und sich mit seiner Dienstwaffe ins Knie schießt, wirkt lächerlich und dilettant.
Eine Blamage für AT, da es diese Organisation beherbergt und eine Blamage für den Strahlen- und allgemeinen Sicherheitsschutz

Gast: Harrer
05.08.2008 09:34
0 0

So kommt es, so musste es kommen,

wenn man Forschungsinstitute jahrelang der "Kompetenz" der Freiheitlichen ausliefert. Vom einstmals gepriesenen Forschungslabor - zum Chaosinstitut. So chaotisch, wie die Chaospartei, die es ruiniert hat.

Evelyne
05.08.2008 09:31
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Der Herr Burkhart

ist Generaldirektorstellvertreter und nicht Vizedirektor. Hoffentlich ist der Rest des Textes nicht ähnlich abgewertet.

Antworten Gast: Zuschauer
05.08.2008 13:45
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Re: Der Herr Burkhart

Wenn schon ein Foto, dann sollte man den Ort des Geschehens richtig einzeichnen. So wie es im Arikel geschah ist es das Kantinengebäude und nicht die Plutonium-Labs.

Gast: Ludwig Ammer
04.08.2008 23:49
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Weil

außer meiner Vermutung mit der CO2-Bildung in Salpetersäure nach dem Auflösen des Plutoniums kaum eine weitere Möglichkeit gedacht werden braucht, frage ich mich aber schon, wie die nötige Kohle da in die Säure kam. Meine Frau sagt: da hat wohl ein Vollkoffer mit schlecht eingestellter Propangasflamme die 'Flasche "desinfiziert". Ich will immer an alle Möglichkeiten denken, aber meine Frau denkt gleich einmal an den naheliegendsten praktischen Fehler. Wir brauchen mehr gute Frauen in Naturwissenschaften!

Gast: Ludwig Ammer
04.08.2008 23:12
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Pfusch mit System

oder Pfusch vor dem Feierabend? Wahrscheinlich hat der Mitarbeiter die Flasche gleich nach dem Auflösen des Plutoniums in sehr wahrscheinlich Salpetersäure versiegelt und hat nicht mehr an die Veröffentlichung von Bokelund, Caceci und Müller aus dem Jahr 1980 gedacht, wo beschrieben ist, wie mit jedem organischen Material (Filz/Kohle) eine weitere CO2-Bildung stattfindet. Stimmts, oder hab¿ ich Recht? Ich habe als Hilfswissenschaftler einmal bei meinem Professor Fischer bei den Forstwirten in Freising verlangt, daß er Studentinnen wirklich durchfallen läßt bei der Chemieprüfung im Labor nach einem zweisemestrigen Grundstudium, weil die gefährlich unbedarft auch die Hilfsangebote für eine 'Wiederholungsprüfung gedanklich wie Kleinkinder verarbeitet haben. Die haben mit Abitur keinen Dreisatz ,machen können, und die haben sich einen Dreisatz auch nicht mehr lernen lassen. Ich habe darauf hin Weihenstephan verlassen, weil gesagt wurde, daß die Damen eh nur Papas 'Erbe verwalten müßtem: Pf