Josef Tröls schlägt in seinem Ordner nach: Knapp einhundert Studenten aus China wohnen hier, im Julius-Raab-Heim nahe der Kepler-Uni in Linz. Auch im Sommer der Olympischen Spiele in Peking bleiben viele von ihnen noch im sonst eher sommerlich verlassen wirkenden Heim, sagt Tröls: „Wilde Partys feiern die Chinesen nicht. Sie kochen aber oft gemeinsam.“
Ziemlich „aromatisch“, wie er meint, das rieche man dann im ganzen Haus. Sonst seien sie angenehme Heimbewohner: fleißig, ruhig, höflich. Tröls kümmert sich hier um alles, was gerade so anfällt: „Es wird gerade umgebaut. Von oben bis unten.“ Man sieht es: Auf den Gängen stapelt sich Baumaterial, zwei Arbeiter schaffen Schutt aus einem Saal im Erdgeschoss.
Wei Iza aus dem ersten Stock trägt ein pinkes Baumwollkleid und öffnet barfuß die Tür. Ja, ein wenig stolz sei sie schon, dass die Spiele in Peking stattfinden. Sie möchte, dass die Welt endlich ein anderes Bild Chinas bekommt.
„Medien sind nicht objektiv“
„Die Menschen wissen nicht viel über China“, meint sie, „was sie glauben zu wissen, entspricht oft nicht der Realität. Auch die Medien sind nicht objektiv.“. Ob die 27-Jährige wisse, dass die Medien oft in ihrer Arbeit behindert würden? Propaganda, meint Iza, so schlimm sei es gar nicht. Sie habe jetzt aber wirklich keine Zeit mehr. Yan will erst gar nicht soviel dazu sagen. Sie studiert Mechatronik in Linz, einmal im Jahr fährt sie nach Hause. Die Spiele werde sie wahrscheinlich im Internet ansehen, sagt sie, während sie ihre Einkäufe in ihrem Fach in der Gemeinschaftsküche verstaut. „Die Küche sauber halten. Geschirr sofort abspülen. Müll bitte trennen“, steht auf Deutsch und in englischer und chinesischer Übersetzung auf gerahmtem Buntpapier. Überschrift: „Küchenordnung“. Zwei Essstäbchen bleiben als einsame Zeugen der chinesischen Community, die hier wohnt, auf der Küchanablage liegen, als Yan in ihrem Zimmer verschwindet.
Weiter unten wartet Hnidang Yang auf seinen Lift. „Eine Feier ist nicht geplant“, sagt er. „Den Einzug in dieses merkwürdige Gebäude zu Beginn der Olympischen Spiele, in das Vogelnest“, werde er sich aber sicher ansehen. Mit Freunden aus China, vor dem Fernseher oder vor dem Computer, aufgeteilt in kleinere Gruppen, denn in den Studentenheimzimmern hätten nicht alle auf einmal Platz. Tischtennis werde er auch nicht auslassen, da seien seine Landsleute ja Favoriten.
Olympia ist nicht Politik
Der 28-Jährige stammt von der Südküste Chinas, studiert angewandte Mathematik. Seit drei Jahren ist er schon in Linz. Zur Zeit werde er oft auf den Umgang Chinas mit Tibet angesprochen. Da mit konfrontiert schüttelt er den Kopf, versteht die Aufregung nicht – das habe doch nichts mit Olympia zu tun. Und es sei ohnehin keine Frage: „Tibet ist ein Teil Chinas. Das ist ja ganz klar.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2008)

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