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Extremsport: Warum Normalbürger die Herausforderung suchen

15.08.2008 | 18:36 |  ANDREAS WETZ (Die Presse)

Ob 8000er oder Ironman: Der Trend zur Qual boomt. Sportpsychologe: „Uns geht es einfach zu gut.“

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Veranstalter sogenannter Extremsport-Events reiben sich die Hände: Noch nie zuvor war der kollektive Wunsch nach totaler physischer und psychischer Verausgabung so groß wie heute. Gleichzeitig regt sich – insbesondere nach Unfällen wie zuletzt auf dem 8611 Meter hohen K2 – immer häufiger (die öffentliche) Kritik: „Wozu soll das eigentlich gut sein?“ „Die Presse“ suchte nach Antworten.

Quasi verbrieft scheint inzwischen, dass die Zahl der Sportler – die meisten betreiben es als Hobby während ihrer Freizeit, nur sehr wenige als Beruf – stark steigt. Ein paar Beispiele: Standen im Jahr seiner Erstbesteigung (1953) mit Edmund Hillary und Tenzing Norgay gerade einmal zwei Personen auf dem schmalen Gipfel des Mount Everest, drängten sich dort im Vorjahr 628. Auch der erste Ironman-Triathlon (3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren, 42 km Laufen) in Klagenfurt ging 1998 mit bescheidenen 124 Startern über die Bühne. Inzwischen ist die Teilnehmerzahl aus organisatorischen Gründen auf 2000 begrenzt. Für den nächsten Wettkampf im Sommer 2009 waren alle Plätze binnen 92 Minuten vergeben, die Nachfrage überstieg das Angebot bei weitem. Doch was sind die Gründe?

 

Abenteuer statt Vollkasko-Leben

Andreas Marlovits, der als Sportpsychologe mit zahlreichen Hobby- und Weltklassesportlern gearbeitet hat, nennt den vermutlich wichtigsten. „Integrierten Mitgliedern westlicher Zivilisation geht es einfach zu gut“, sagt er. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs seien die wirklich existenzbedrohenden Risiken weitgehend aus dem Alltag eliminiert worden. Kritiker haben dafür den zynisch geprägten Begriff der „Vollkasko-Gesellschaft“ geschaffen. Marlovits: „Doch der Mensch braucht von Natur aus die Herausforderung, weshalb viele Wohlstandsbürger nun in Form von sportlichen Grenzerfahrungen ihr Glück suchen.“ Umgekehrt kämen die Bewohner der südamerikanischen Favelas gar nicht auf solche Ideen. „Denen ist der tägliche Kampf ums eigene Überleben Abenteuer genug.“

Auf der Suche nach intensiven Erlebnissen sind jedoch immer neuere (und spektakulärere) Ideen und Vorhaben gefragt. Reichte bis vor wenigen Jahren noch ein Marathon, um Eindruck zu schinden, muss es heute schon deutlich mehr sein. Längst vergleichen Manager bei Meetings nicht nur Bilanzen, sondern auch ihre ganz persönlichen Ironman-Zeiten miteinander. 76-jährige Pensionisten erklimmen mit der Hilfe von Bergführern den 8848 Meter hohen Mount Everest, und ehemalige Post-Bedienstete laufen binnen 20 Stunden 100 km quer durch die Antarktis. Welche Wahnsinnstat folgt als nächstes? Marlovits: „Die Grenzen nach oben hin sind offen.“ Nachsatz: „Zumindest solange der menschliche Körper dabei noch mitspielt.“

 

„Wollen nicht als reiche Trottel dastehen“

Wenn Körper, Geist oder Material versagen, fordert Extremsport sehr häufig Schwerverletzte oder Tote. Am 13. Juli etwa verstarben beim Zugspitz-Berglauf in Ehrwald zwei Sportler an Erschöpfung und Unterkühlung. In der knapp 3000 Meter hohen Gipfelregion schneite es, im Tal jedoch waren viele mit kurzen Leibchen und Hosen gestartet. Jetzt prüft die Staatsanwaltschaft, wer dafür verantwortlich war (Teilnehmer, Veranstalter etc.).

Während das Medienpublikum nicht versteht, warum sich Menschen in derartige Ausnahmesituationen begeben, liefern Kritiker wie der Südtiroler Reinhold Messner schnelle Antworten: Die Schuldigen sind seiner Meinung nach entweder unerfahrene und Trophäen-gierige Wohlstandsbürger oder verantwortungslose Reiseveranstalter, die, wie im Fall des jüngsten Unglücks auf dem K2 (elf Tote), für viel Geld vermeintliche Anfänger ins Hochgebirge zerren. Tatsächlich scheint die Wahrheit etwas komplizierter zu sein.

„Ja, seit einigen Jahren kommen immer mehr Leute zu uns, die die höchsten Berge der Welt erklimmen wollen“, sagt dazu der oberösterreichische Bergsteiger und Bergführer Walter Laserer, der mit seinem Familienunternehmen Kundenexpeditionen in alle möglichen Gebirge und Regionen der Welt organisiert. Aber: „Diese Leute haben kein Interesse daran, nur als reiche Trottel da zu stehen, die sich einen Gipfel sprichwörtlich ,kaufen‘. In Wahrheit sichern sie sich bei uns gegen Bezahlung nur die Beratung eines erfahrenen Bergführers, der ihnen das Rüstzeug dazu vermittelt, ihr Ziel auch zu erreichen. Die große Mehrheit der Bergführer und ihrer Kunden handelt absolut verantwortungsvoll.“

 

Helden von einst werden Kritiker

Gerade beim Unglück auf dem K2 hält es Laserer für unpassend, das Bergdrama auf die Unerfahrenheit der Opfer zurückzuführen. Den verstorbenen Norweger Rolf Bae etwa kannte Laserer persönlich. „Erfahrung hatte der genug, und die anderen Opfer vermutlich auch, ansonsten wären sie an diesem so schwierigen Berg gar nicht so weit gekommen. Allerdings machen manchmal auch die besten Leute Fehler, oder es geschehen Unglücke wie Lawinenabgänge, die einfach nicht zu hundert Prozent vorherzusagen sind. Das wird bei der Diskussion darüber leider allzu oft vergessen.“

Ein weiteres Argument dafür, dass sich zahlungskräftige Kunden nicht leichtfertig, sondern in der Regel bestens vorbereitet ins Hochgebirge begeben, ist das Geld. Laserer: „Niemand, der sich nicht entsprechend darauf vorbereitet hat, investiert mehrere zehntausend Euro in eine Himalaya-Expedition.“

Dass ausgerechnet die alternden Stars der Szene die Hobbysportler von heute für ihr Tun kritisieren, hält sowohl Sportpsychologe Marlovits als auch Bergführer Laserer für zynisch. Laut Rupert Kisser, Experte für Freizeitunfälle beim Kuratorium für Verkehrssicherheit, trugen Leute wie Messner (das Gleiche gelte auch für andere Sportarten) dazu bei, dass immer mehr Menschen ihre Grenzen ausloten wollen. „Normale Bürger bewundern die Kühnheit ihrer Vorbilder und entschließen sich irgendwann dazu, es ihnen gleichzutun.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2008)

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2 Kommentare
Gast: Es
17.08.2008 16:16
0 0

Schon wieder....

"dass die Zahl der Sportler – die meisten betreiben ES als Hobby" Ich empfehle www.vhs.at, dort gibt es sehr günstige Deutschkurse.

Gast: Martin S
16.08.2008 00:56
0 0

76jährige Pensionisten erklimmen...

Naja - haben anscheinend vorher sehr bequem als Beamte in Ö gearbeitet - da bewegt man sich ja nicht...