WIEN. Während die Justiz gegen ihn ermittelt, geht der prominente Kinderpsychiater Max Friedrich in die Gegenoffensive. Zuletzt waren Vorwürfe laut geworden, wonach Friedrich als Gerichtsgutachter bei der Befragung eines Missbrauchs-Opfers Suggestivfragen gestellt habe (DiePresse.com berichtete). Im „Presse“-Gespräch verteidigt der am AKH tätige Vorstand für Kinder- und Jugendpsychiatrie seine Art der Befragung. Diese sei „schonend und behutsam“.
Wie berichtet war in Klagenfurt ein 35-Jähriger wegen schweren sexuellen Missbrauchs seiner vierjährigen Tochter verurteilt worden. Dem Gericht lag ein Gutachten von Friedrich vor, das dieser nach Befragung des Opfers verfasst hatte. Nach seinem Schuldspruch boxte der Kindesvater eine Wiederaufnahme des Verfahrens durch – und wurde prompt freigesprochen. Der vom Gericht zusätzlich zugezogene Münchner Psychiater Norbert Nedopil hatte starke Zweifel an der Friedrich-Expertise geäußert.
Ein ähnlicher Fall hatte sogar dazu geführt, dass die Staatsanwaltschaft Klagenfurt ein Ermittlungsverfahren gegen Friedrich einleitete. Ein wegen sexuellen Missbrauchs von Unmündigen zu fünf Jahren Haft verurteilter Mann setzte sich nach Verbüßung der Strafe für eine Wiederaufnahme des Verfahrens ein. Und er erstattete Anzeige gegen Friedrich. Dieser habe ein falsches Gutachten erstellt. Daher wird besagtes Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der falschen Beweisaussage geführt. Darauf stehen bis zu drei Jahre Haft. Dass es wirklich zum Prozess kommt, ist sehr unwahrscheinlich, zumal der Staatsanwalt dem Psychiater die vorsätzliche Erstellung eines falschen Gutachtens nachweisen müsste.
Zu laufenden Verfahren will sich Friedrich nicht äußern. Er erinnert aber daran, dass er bereits 1991 die europaweit einzigartige Video-Befragung von Sex-Opfern durchgesetzt habe. Dabei werden die Opfer im Vorfeld einer Gerichtsverhandlung von einer qualifizierten Person (eben oftmals von einem Psychiater oder einem Psychologen) vor laufender Videokamera befragt. Die Prozessparteien (Verteidiger, Ankläger) können Fragen anregen, kommen aber selber nicht in den Befragungsraum.
„Ich bin voll im Geschäft“
Zur Kritik, er hätte Suggestivfragen gestellt, ergänzte Friedrich, dass er oftmals Kinder auf das eigentliche Thema (sexueller Missbrauch) hinlenken müsse, da diese sonst nie auf die schlimmen Vorfälle zu sprechen kommen würden. Auch den Vorwurf, er trete vor Kindern mitunter herrisch auf und wirke eher als Respektsperson, denn als Kumpel, weist Friedrich zurück. Er stelle sich als der vor, der er ist. Schließlich schulde er dem Kind eine Erklärung, warum er im weißen Mantel dasitze.
Geben die Strafrichter mittlerweile anderen Gutachtern den Vorzug? Friedrich: „Ich bin voll im Geschäft.“
■Gegen Kinderpsychiater Max Friedrich wird wegen einer Anzeige ermittelt, die ein vermeintlicher Sex-Täter eingebracht hatte. Dieser meint, Friedrich habe ein falsches Gutachten erstellt. Im „Presse“-Gespräch kontert Friedrich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2008)

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