Endstation Hauptbahnhof?

Wie Shoppingcenter die Landschaft prägen: Über Booms und Blasen aus Ruinen - Filmemacherin Ulli Gladik im Gespräch.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Gut 14 Tage alt und schon voll in Betrieb. Wer kauft ein, wer eilt zum Zug? Man meint, man könnte es am Gehtempo erkennen. Das Einkaufszentrum am neuen Hauptbahnhof gleicht jedem anderen, bloß die Aufgänge zu den Gleisen, die Monitore und das Blau der ÖBB lassen es als Einkaufszentrum neuen Typus erkennen – ein Innenstadtcenter mit Bahnanschluss.

„Nur am Manner-Store in der Eingangshalle erkennt man, dass wir in Wien sind“, sagt Filmemacherin Ulli Gladik bei einem Gespräch in Wiens jüngstem Einkaufszentrum. Sonst? „Eine Nullachtfünfzehn-Passage“, glatte Flächen, polierte Glasfronten, bekannte Shops und Marken. Gladik hat sich in den vergangenen Jahren etliche solcher Zentren angesehen, in Österreich, Deutschland, Kroatien oder Bulgarien. Mit „Global Shopping Village. Endstation Kaufrausch“ hat sie eine umfassende, sorgfältige Dokumentation der modernen Einkaufswelt gestaltet.

„Mich hat die Frage angetrieben: Wie verändern diese Einkaufszentren Städte, Architektur, Baukultur, Landschaft?“, sagt Gladik. In ihrer Heimat, im steirischen Murau, konnte sie diesen Wandel deutlich beobachten. „Seit Ende der 1990er-Jahre sind rund um die Stadt etliche Fachmarktzentren entstanden, die Händler in der Altstadt haben sukzessive aufgegeben”, so Gladik. Der typische Wandel, der in vielen Kleinstädten in den vergangenen zwei Jahrzehnten stattgefunden hat. Städte verlieren ihre Funktion. Fachmarktzentren an Kreisverkehren, von Weitem sichtbar durch große Werbetürme, prägen die Landschaft. „Die Entwicklung kennt man. Spannend sind für mich die Interessen dahinter: wie Entwickler arbeiten, wie die Blase in Osteuropa entstand.“ Dort, wo längst nicht der Bedarf an Geschäften, sondern bloß Geld, das veranlagt werden will, die Entwicklung, den Boom und letztlich die Blase vorantrieb.

Gladik erzählt von bulgarischen Städten mit fünf Shoppingcentern, davon eines, das funktioniert. Der Rest verfällt. Ruinen einstiger Konsumtempel prägen die Landschaft. Auch in den USA, Mutterland der Malls, stehen heute mehr als 500 Einkaufszentren leer. Um die „Dead Malls“ entstand ein kleiner Kult, Bilder schaurig-verlassener Ruinen füllen Blogs und Websites. Und diese Entwicklung hat Österreich schon erreicht: Seit Ende August steht das Uno-Shopping-Zentrum bei Linz bis auf eine Apotheke leer, die Wiener Gasometer funktionieren als Einkaufszentrum längst nicht mehr, etliche Fachmarktzentren stehen leer. „Es bleibt die Frage: Was macht man mit diesen leer stehenden Flächen heute? Sie verursachen Folgekosten, die zuvor niemand bedacht hat“, sagt Gladik.

 

Hohe Dichte an Zentren

Österreich weist mittlerweile eine rekordverdächtig hohe Dichte an Einkaufszentren auf – auch Wien. Der deutsche Einkaufscenter-Entwickler ECE – in Wien verantwortlich für die Zentren am West- und Hauptbahnhof – etwa setzt heute eher auf innerstädtische Einkaufszentren. Der Erfolg scheint ECE recht zu geben. Auch heimische Handelsexperten rechnen der Bahnhof-City Hauptbahnhof dank des großen neuen Viertels, das rundum entsteht, fast eine Erfolgsgarantie aus. Eine gute Entwicklung? Die Innenstadtcenter, so Gladik, „können gut sein“, wenn sie klein sind, sich an die Stadt anschließen, das vorhandene Sortiment ergänzen. Bloß wenn in Innenstädten, wie auf Industriebrachflächen in Deutschland, riesige Malls entstehen, die sich komplett abschotten – man fährt mit dem Auto in die Tiefgarage, erledigt alle Einkäufe, isst vielleicht noch dort, geht gar ins Kino, steigt ins Auto und fährt wieder –, bringe das der Stadt nichts. Im Gegenteil.

Walter Brune, jener deutsche Architekt und Stadtentwickler, der das Entstehen moderner Einkaufszentren mitgeprägt hat und sich heute für den Erhalt lebendiger Innenstädte einsetzt, argumentiert im Film, innerstädtische Shoppingcenter seien nur dann berechtigt, wenn sie neues Sortiment bringen. Nicht, wenn sie mehr vom Selben bringen, Einkaufsstraßen aussterben lassen.

Auch ECE muss sich die Kritik gefallen lassen, dass sich die Belebung der Innenstädte, die der Konzern mit seinen Zentren verspricht, weitgehend nur in diesen Zentren abspielt. In Wien scheint der Boom ohnehin vorbei, der Markt gilt als gesättigt, große neue Zentren sind nicht geplant. Nutzt Gladik selbst Einkaufszentren nach der langen Recherche darüber noch? „Aber ja, sicher“, sagt sie. Weil sie interessant sind, „als künstliche Orte mit ihrem eigenen Flair“. Und weil sie praktisch sind, vor allem aber, weil es oft auch keine andere Möglichkeit mehr gibt einzukaufen.

ZUR PERSON

Ulli Gladik, geb. 1970 in Bruck an der Mur, hat die Schule für künstlerische Fotografie bei Friedl Kubelka absolviert und an der Akademie der bildenden Künste in Wien studiert. Heute lebt Gladik als freischaffende Künstlerin, Fotografin und Filmemacherin in Wien. Ihre Doku „Global Shopping Village. Endstation Kaufrausch“ läuft derzeit in heimischen Kinos.

www.globalshoppingvillage.at [ Roßboth]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2014)

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