WIEN (APA/m.s.). Brigitta Sirny, die Mutter von Natascha Kampusch, hat ihren Zivilprozess gegen den pensionierten steirischen Richter Martin Wabl gewonnen. Sie wollte erreichen, dass Wabl nicht länger behaupten darf, sie sei an einem möglichen sexuellen Missbrauch sowie an der Entführung ihrer Tochter beteiligt gewesen. Deshalb hatte sie eine Unterlassungsklage eingebracht („Die Presse“ berichtete).
Die beiden waren schon mehrfach prozessual aneinandergeraten. Bei dem nunmehrigen Verfahren wurde auch Natascha Kampusch als Zeugin gehört. Sie hat ihre Mutter entlastet. Details der Einvernahme des Entführungsopfers wurden vom Gericht nicht bekannt gegeben – die Aussage fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Wegen des Medienandrangs hatte das für die Causa zuständige Bezirksgericht Gleisdorf zeitweise im – größeren – Grazer Zivillandesgericht getagt.
Wer kannte Wolfgang Priklopil?
Für Aufsehen hatte eine Bekannte der Klägerin gesorgt. Als Zeugin gab diese an, Brigitta Sirny müsse den Entführer ihrer Tochter, Wolfgang Priklopil, gekannt haben. Der Mann sei vor der Entführung, 1998, im damaligen Lebensmittelgeschäft der Klägerin aufgetaucht. Brigitta Sirny hat derartige Äußerungen stets zurückgewiesen.
Im Urteil von Richter Jürgen Schweiger heißt es nun, dass Wabl „zu keiner Zeit auch nur über einigermaßen zureichende Anhaltspunkte für einen begründeten Verdacht“ verfügte. Außerdem ist von „Selbstüberschätzung des Beklagten“ die Rede. Der Wahrheitsbeweis für seine Äußerungen sei ihm „vollkommen misslungen“, daher sei er verpflichtet, „die bereits oftmals wiederholten Behauptungen zu unterlassen“.
Urteil noch nicht rechtskräftig
Allerdings: Rechtskräftig ist das Urteil noch nicht. Martin Wabl hat nun vier Wochen Zeit, dagegen zu berufen. Sollte er das tun, ist wieder die Klägerin am Zug, die dann ebenfalls vier Wochen Zeit hat, darauf zu antworten.
Der Prozess war schon vor Jahren im Sinne von Brigitta Sirny rechtskräftig entschieden worden. Da Natascha Kampusch im Jahr 2006 die Flucht nach achteinhalbjähriger Gefangenschaft glückte, forderte Wabl (Eigendefinition: „Gerechtigkeitsfanatiker“) eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Er sah eine Aussage des Opfers als neues Beweismittel – einer Fortsetzung des Verfahrens wurde daraufhin stattgegeben.
Wirbel verursachte im September der Zeugenauftritt jenes Mannes, der mit dem Entführer Wolfgang Priklopil bis kurz vor dessen Selbstmord Kontakt hatte: Ernst H. kam mit dunkler Brille und verbarg sein Gesicht hinter einer Aktentasche. „Wenn er frei von jeder Schuld ist, braucht er sich vor Gericht ja nicht unkenntlich machen“, fand der Vater von Natascha Kampusch, Ludwig Koch. Als H. den Gerichtssaal verließ, wurde er von Koch tätlich angegriffen, worauf H. schrill und anhaltend nach der Polizei rief.
Im Rahmen der nun wieder aufgenommen Ermittlungen zur Frage nach etwaigen Mittätern des Jahrhundertfalls gilt H. – er hatte mit Priklopil eine Baufirma – als einer der möglichen Verdächtigen. Sein Anwalt Ernst Schillhammer bestätigte der „Presse“: „Wir warten nun, bis die Polizei mit uns in Kontakt tritt. Wir rechnen mit einer baldigen Einvernahme.“
■Prozess-Schlappe für den pensionierten steirischen Richter Martin Wabl. Er war von der Mutter von Natascha Kampusch, Brigitta Sirny, auf Unterlassung geklagt worden. Er darf nun nicht mehr behaupten, Sirny sei an der Entführung beteiligt gewesen. Wabl kann gegen das Urteil berufen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2008)

Fall Kampusch: Eine Entführung, 10 Jahre Aufregung
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