Stadtbild: Die vergessenen Architekten Wiens

Wie im Fall des Hundertwasser-Hauses wurde auch bei der Benennung anderer Gebäude auf die beteiligten Architekten"vergessen". So könnte die Wotruba-Kirche heute genauso gut Wotruba-Mayr-Kirche heißen.

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(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Etwa 50 Touristen sind es an diesem grauen Montagmittag, die das kunterbunte Hundertwasser-Haus in der Kegelgasse in Wien-Landstraße in Augenschein nehmen. Und das ist wenig: „Vergangenen Samstag bin ich um neun in der Früh nicht aus der Tür gekommen“, berichtet eine Bewohnerin. Über das Jahr verteilt bekommt sie Besuch von knapp einer Million Menschen.

Nach dem Entscheid des Wiener Handelsgerichts muss der Architekt Josef Krawina, der den eigentlichen Baukörper entworfen hat, künftig (mit-)genannt werden. Dabei ist der Streit um die Namensgebung des wohl berühmtesten Gemeindebaus der Welt nur die Spitze des Eisbergs. Denn fast immer, wenn Künstler Gebäude errichten, greifen sie auf das Wissen von Architekten zurück. Namentlich wird das jedoch selten gewürdigt. Weitere prominente Beispiele sind Loos-Haus, Arik-Brauer-Haus und Wotruba-Kirche (siehe Foto).„Das Recht auf Namensnennung nach dem Urheberrecht ist ein sehr starkes“, sagt Armin Bammer, Rechtsanwalt und Experte für Urheberrecht. Voraussetzung sei jedoch, dass der Architekt eine entsprechende „eigentümliche geistige Leistung“ erbringe. In der Praxis bedeutet das, dass die alleinige Umsetzung der Vorstellungen des Künstlers in einen der Bauordnung entsprechenden Plan noch nicht ausreicht. Bammer: „Aber sobald er eigene Entwürfe einbringt, hat er ein Recht auf Namensnennung.“

 

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Laut Harald Böhm, er ist in Besitz der Krawina-Rechte und betreibt gleichzeitig einen Souvenirshop im Hundertwasser-Krawina-Haus, sei dies der Fall. „Krawina hatte ernst zu nehmende ökologische und sozial relevante Gedanken für das ursprüngliche Projekt“, sagt er.

 

Der „Fall“ Wotruba-Kirche

Aber auch andere Architekten gerieten in Vergessenheit. Alleine hätte Adolf Loos für sein Loos-Haus (Michaelerplatz) nämlich keine Genehmigung bekommen: Er war nicht Mitglied der Architektenkammer und holte sich deshalb den ebenfalls prominenten Ernst Epstein als Bauleiter ins Boot. Auch das Arik-Brauer-Haus in der Mariahilfer Gumpendorfer Straße wäre ohne den Architekten Peter Pelikan nie realisiert worden.

Laut Rechtsanwalt Bammer ist eine Nennung des Mitschöpfers nur dann nicht nötig, wenn sich Künstler und Architekt darauf vorher vertraglich geeinigt haben.

Im Fall der nach dem Bildhauer Fritz Wotruba benannten Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit in Wien-Mauer war das nicht der Fall. Seit der Fertigstellung im Jahr 1976 nämlich fühlt sich Fritz Mayr übergangen. „Dabei wurde mein Name in den allerersten Publikationen sogar noch erwähnt“, sagt Mayr heute. Persönliche Streitigkeiten mit der Mäzenin Margarethe Ottillinger machten das Gebäude jedoch zur Wotruba-Kirche. So soll diese vor der Anbringung eines Gedenksteins sogar damit gedroht haben, bei einer Namensnennung von Mayr den Geldhahn zuzudrehen.

Der Architekt wollte die namentliche Anerkennung seiner Miturheberschaft schließlich rechtlich durchsetzen, der beauftragte Anwalt trat jedoch nach kurzer Zeit von seinem Mandat zurück; angeblich hätte er mit geschäftlichen Nachteilen zu rechnen gehabt. Mayr ließ die Sache schließlich ruhen.

Böhm nicht – und ging über Jahre durch alle Instanzen. Dass das Hundertwasser-Haus nun umbenannt werden muss, sei übrigens eine Fehlinterpretation. Es gehe nur darum, dass der Name Krawinas bei jeder kommerziellen Nutzung genannt werden müsse. Bei jedem Maler sei das selbstverständlich, dasselbe müsse auch für Architekten gelten.

In einem weiteren Verfahren werde es nun um die Tantiemen aus der versäumten Namensnennung und nicht lizensierten Nutzungen des Hauses gehen. Böhms Prozessgegner, die Hundertwasser-Stiftung, spricht von 200.000 Euro. Böhm will sich auf keine Summe festlegen.

Unter Touristen ist all das kein Thema. „Die meisten sind erstaunt, wenn sie erfahren, dass Hundertwasser nicht der Architekt war“, erzählt eine Souvenirshop-Verkäuferin. Dass sich auch jemand über Josef Krawina erkundige, komme selten vor. Inzwischen hat sich eine Touristengruppe aus Weißrussland vor dem Haus versammelt. Reiseführerin Olga Weiß erzählt den Gästen vom Disput. Krawina habe sehr viel zum Haus beigetragen, meint sie. Eine Nennung seines Namens wäre deshalb nur gerecht. „Es geht ja nicht nur um die Kunst, es geht ja auch um den Bau. Aber muss man da jetzt alle Reiseführer ändern?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2008)

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