Zahl der Delogierungen steigt um fast 50 Prozent

992 Wiener Gemeindebau-Mieter verloren 2008 ihre Wohnungen. Häufigster Grund: Mietzins-Rückstand.

Wien. Die weltweite Wirtschaftskrise erreichte 2008 offenbar auch das Biotop des sozialen Wohnbaus in Wien. Eine aktuelle Statistik von Wiener Wohnen zeigt, dass die Zahl der zwangsweisen Delogierungen um fast 50 Prozent gestiegen ist. Exakt mussten im Jahr 2007 noch 676 Mieter auf Anordnung ihre Gemeindewohnungen verlassen. 2008 waren es 992.

Der häufigste Grund für Delogierung ist das Nichtbezahlen des Mietzinses. Konkret war das im Vorjahr in 898 aller in Gemeindewohnungen registrierten Delogierungsverfahren so. Deutlich seltener führten Verlassenschaften (33) und „sonstige Gründe“ (61) wie etwa Belästigung der Nachbarn zum Wohnungsverlust.

Erstaunlich ist der dramatische Anstieg der Delogierungen auch deshalb, weil sich gerade Mieter von Gemeindewohnungen auf vergleichsweise günstige und kulante Bedingungen ihres Vermieters, die Gemeinde Wien, verlassen können. Verfahren bei Gericht werden frühestens nach der zweiten schriftlichen Mahnung eingeleitet. Parallel dazu gibt es Mechanismen, die vor dem endgültigen Verlust der Wohnung schützen sollen. Allein im Vorjahr hat die Gemeinde 117 Millionen Euro an Mietbeihilfe zur Verfügung gestellt, ebenfalls ein Angebot der Stadt ist die kostenlose Delogierungsprävention. Erst wenn die letzten Sicherheitsmechanismen versagen, müssen zahlungsunfähige (oder zahlungsunwillige) Mieter auch Gemeindewohnungen verlassen. Alles andere „würden weder die anderen Gemeindemieter, noch Bewohner von privaten Althäusern verstehen“, heißt es im Büro von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig.

 

Zahl der Hilfesuchenden steigt

Wie sich die schwierige wirtschaftliche Gesamtsituation auf die Delogierungen von Mietern von Privatwohnungen ausgewirkt hat, dazu gibt es (noch) keine verlässlichen Zahlen. Grund: Ihre Zahl wird in Österreich nämlich in keinem Bundesland einheitlich erfasst. Allerdings bestätigen Sozialarbeiter, dass auch am freien Wohnungsmarkt zumindest die Nachfrage nach günstigem Wohnraum in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat. Die „Wohnungsdrehscheibe“ der Volkshilfe, die in Wien insbesondere Familien bei der Suche nach möglichst preiswerten Wohnungen unterstützt, registrierte seit ihrer Gründung einen Kundenzuwachs von anfangs 323 auf 1431 jährlich. Allerdings: „Ob das mit der aktuellen Wirtschaftskrise oder einfach mit unserem gestiegenen Bekanntheitsgrad zu tun hat, können wir derzeit noch nicht sagen“, so Projektleiterin Philippa Tscherkassky.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2009)

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