WIEN/LINZ (geme). Der Eindruck, die Kirche entwickle sich immer weiter nach rechts – vor allem nach Ernennung von Gerhard Maria Wagner zum designierten Weihbischof von Linz –, bewegt Österreich. Tatsächlich wird der Rechts-außen-Flügel in der Kirche aber auf nicht mehr als zehn bis 15 Prozent geschätzt, sagt Pastoraltheologe Paul Zulehner. Dieser Flügel ist allerdings bis in höchste römische Kreise bestens vernetzt und hat durch Kath.net und Gloria.TV auch eine starke mediale Präsenz. Ein großer Teil der Liberalen hat sich dagegen nach Rückschlägen in der Vergangenheit (etwa dem Ignorieren der Forderungen des Kirchenvolksbegehrens 1995 mit einer halben Million Unterschriften sowie dem Totlaufen des Dialogs für Österreich) zurückgezogen. „Um fliegen zu können, braucht die Kirche aber starke Flügel auf beiden Seiten, nun verkümmert einer davon zusehends“, sagt Pastoraltheologe Zulehner. Insgesamt könnte das zu einer Schrumpfung führen, so Zulehner, der eine Entwicklung „von einer gesellschaftlich wichtigen und breit verankerten Kirche hin zu einer Sekte in der Bedeutungslosigkeit“ sieht.
Dass sich der konservative Kurs zunehmend durchsetzt, liegt aber auch daran, dass er ganz bewusst eingesetzt wird, um liberalen Entwicklungen (Laienpredigt oder der in Linz geübten Praxis der Laientaufe), die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil auftraten, entgegenzusteuern. Das heißt: Personelle und kirchenpolitische Entscheidungen wie die Ernennung Wagners zum Weihbischof von Linz (auch die damalige Installation von Kardinal Hans Hermann Groër und Diözesanbischof Kurt Krenn in Wien und St. Pölten vor rund 20 Jahren) oder die Rehabilitierung der ultrarechten Pius-Bruderschaft dienen dem Ziel, die Rechten wieder mit ins Boot zu holen.
Die Erzkonservativen stören sich an der Liturgie-Reform, am Drängen der Laien in die Seelsorge, am hohen Wert der Religionsfreiheit, am Dialog mit Nichtchristen, an der ökumenischen Öffnung. Sie glauben, dass ein kleiner Kreis streng gläubiger Katholiken, Reklerikalisierung und straffe Hierarchien die Kirche eher voranbringen als breitere, aber als beliebig empfundene gesellschaftliche Verankerung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2009)

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