Wien. Für Hermann Knoflacher, den streitbaren Verkehrsplaner, ist die Sache klar: „Das Essverbot in öffentlichen Wiener Verkehrsmitteln kommt – früher oder später.“ Der TU-Verkehrsprofessor ist auch Vorsitzender des Fahrgastbeirates der Wiener Linien, und dort wurde das heikle Thema bereits mehrmals diskutiert – und nicht nur das: Es wurde bereits ein interner Beschluss für ein solches Verbot gefasst.
Bei der Beiratssitzung vergangene Woche war das Essverbot erneut auf der Tagesordnung. „Die Beschwerden wegen exzessiven Essens in den Öffis und die damit verbundene Geruchsbelästigung haben massiv zugenommen“, meint Knoflacher zur „Presse“. „Es ist in vielen Städten dieser Welt möglich, dagegen etwas zu unternehmen – nur bei uns offenbar nicht.“ So gebe es in London ein ausdrückliches Essverbot, auch in einigen deutschen Städten (siehe Bericht unten). Und beim Rauchen habe es ja auch in Wien schon funktioniert; mittlerweile sei das Rauchverbot weitgehend akzeptiert.
30.000 Kunden werden befragt
Der Fahrgastbeirat existiert seit fünf Jahren und ist ein beratendes Gremium, das aus 16 Personen der verschiedensten Bereiche (Studenten, Pensionisten etc.) zusammengesetzt ist. Der Beirat kann aber nur empfehlen, entscheiden müssen die Wiener Linien. Dort gibt man sich derzeit zwar noch zögerlich, die Signale der Unzufriedenheit hat man aber doch schon registriert.
Denn seit einigen Wochen läuft unter – per Zufall ausgewählten – 30.000 der insgesamt 340.000 Jahreskartenbesitzer eine schriftliche Umfrage unter dem Titel „Kundenzufriedenheit zum Thema Sauberkeit“. Darin wird unter anderem gefragt, was der Kunde von einem Essverbot halte. Die Aktion läuft noch einige Wochen und muss danach noch ausgewertet werden.
Und dann? „Wenn von Kundenseite extremer Druck käme, da etwas zu verändern, müssen wir uns etwas einfallen lassen“, sagt Wiener-Linien-Sprecher Johann Ehrengruber. Geklärt werden müsse dann aber, wie man es kommuniziert („Man kann so ein Verbot nicht von einem Tag auf den anderen aussprechen“), wie man es kontrolliert und welche Sanktionen es gebe.
Möglich ist auch, dass man eine Zwischenstufe wählt und wie schon einmal mit einer Kampagne Aufklärung betreibt. Ehrengruber selbst ist eher gegen ein solches Verbot: „Die U-Bahn ist urbaner Lebensraum, da sollte man mehr tolerieren.“ Was die Wiener besonders aufregt, ist weniger das Essen in der U-Bahn an sich, sondern vor allem der penetrante Duft – besonders jener, der von den immer mehr verbreiteten Kebabs, den Pizzaschnitten und auch den traditionellen Wiener Leberkässemmeln ausströmt. Dazu gibt es auch zahlreiche Beschwerden über die Verschmutzung, wenn fetttriefendes Verpackungsmaterial auf den Sitzen liegen bleibt. Das Problem ist in den letzten Jahren größer geworden. Mit ein Grund: Gerade rund um U-Bahnstationen wurden viele Schnellimbissläden errichtet.
In 45 Buslinien existiert Verbot
Mit 45 Bussen sind in Wien auch die „Wiener Lokalbahnen“ unterwegs und bedienen im Auftrag der Wiener Linien eine Reihe von Buslinien (80A, 67A, 37A etc.). Dort wurde das Essverbot schon vor etwa drei Jahren eingeführt – in Absprache mit den Wiener Linien. Gekennzeichnet ist das Verbot mittels Piktogrammen.
„Das betrifft natürlich Dinge, die wirklich eine Belästigung sind“, sagt Sprecher Josef Seemann. „Wenn ein kleines Kind mit einer Semmel einsteigt, sagt sicher niemand etwas.“
Größere Probleme habe es noch nicht gegeben, manchmal müsse der Fahrer auf das Verbot verweisen. Und dann beschwerten sich einige Leute. „Aber die meisten Beschwerden kommen von der anderen Seite. Wenn Pizzaschnitten besonders g'schmackig riechen, wenn Eis am Boden trieft oder Getränkedosen aufgemacht werden und dabei herumgespritzt wird“, sagt Seemann.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2009)
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