Sie nennen Ihren Sterntalerhof ein Hospiz – kommen die Menschen zum Sterben hierher?
Peter Kai: Der Sterntalerhof ist ein Hospiz im ursprünglichen Sinn. Wir verstehen uns nicht als Sterbehaus, sondern als Rasthaus für Menschen, die aufgrund einer lebenslimitierenden oder lebensbedrohlichen Erkrankung im Familienkreis in eine Krise geraten. Oder z.B., weil sie jemanden aus der Familie verloren haben.
Sie sind kein Spital, kein Pflegeheim – was bieten Sie diesen Familien?
Das Thema des Abschieds kann angesprochen werden. Das ist ganz wichtig. Die Situation ist oft so spannungsgeladen, dass die Angehörigen nie miteinander in ein Gespräch kommen. Bei uns wird das zum Thema gemacht. Wir nehmen uns sehr viel Zeit, mit der Familie zu reden. Sodass sie einander das sagen können, was ihnen am Herzen liegt. Ich spreche die Ressourcen an: Welche Quellen der Kraft haben sie? Ich versuche, das zu heben, das bewusst zu machen.
Schon als Krankenhausseelsorger hatten Sie vor allem mit sterbenskranken Kindern zu tun. Sind kranke Kinder wirklich so groß und stark, wie man so oft mit Bewunderung feststellen kann – oder ist das nur die Interpretation von uns Erwachsenen?
Die Kinder sind wirklich so toll. Sie sind Experten. Was ihnen dabei hilft, ist, dass sie erleben: Auch wenn ich krank bin, bin ich unendlich wertvoll für die Familie – es ist denen wichtig, dass ich weiterlebe. Sie haben ein Netz, das sie nicht im Stich lässt. Bei älteren Menschen fällt das oft weg. Die fragen: Was kann ich noch, wem nütze ich denn noch? Kinder haben das Gefühl: Ich bin gewollt. Kinder erbringen Höchstleistungen. Sie halten Therapien aus, wo wir als Erwachsene ärgste Probleme haben. Auch die Kleinsten schon. Die reifen stündlich, wo wir Jahre brauchen.
Wie wird ein Kind mit dem Tod fertig?
Der Tod hat je nach Alter eine ganz unterschiedliche Bedeutung. Kleinere Kinder haben nicht das Gefühl, dass die Zeit enden könnte. Bei größeren kommt schon die Reifung. Sie haben nicht so sehr die Angst vor dem, was danach ist, sondern vor Einsamkeit, vor Schmerzen und was mit der Familie sein wird. Sonst sind sie sehr souverän. Ich habe immer wieder Kinder erlebt, die Vortoderlebnisse hatten. Ein Mädchen, das nie religiös erzogen wurde, hat Engel gesehen. So real, wie sie mich gesehen hat. Oder sie sehen jemanden, der schon vorher verstorben ist.
Wehren sich die Kinder gegen das Sterben?
Schlimm ist der Tod auf der Intensivstation – das wünscht sich niemand. Aber wenn man eine normale Atmosphäre schafft, habe ich noch kein Kind gesehen, das wirklich gekämpft hat. Die gehen mit Frieden und Lächeln; sie müssen etwas unglaublich Schönes sehen. Und sie gehen sehr bewusst. Ich habe meine Angst vor dem Tod nicht durch das Theologiestudium, sondern erst durch die Kinder überwunden.
Wie werden Sie selbst mit dem Schmerz fertig?
Ich nehme mir Anleihe bei den Kindern. Dann hilft mir sicher der Glaube, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Tatsache ist, dass uns Jesus das versprochen hat und die Kinder mir das vorgemacht haben. Und wir haben ein fantastisches Team, wo man darüber reden kann, wo die anderen ihre Trauer zeigen können und nicht stark sein müssen.
Man muss sich nicht verhärten?
Abgrenzung bedeutet für mich nicht, sich nicht verletzen zu lassen oder nicht traurig, verzweifelt sein zu dürfen. Sondern es heißt: loslassen können danach. Auch wieder zur Freude finden. Es nutzt dem anderen auch nichts, wenn ich keine Freude mehr erlebe. Eine gesunde Trauerarbeit dauert fünf bis acht Jahre. Und da erfahren die Menschen von draußen schon nach sechs Wochen: Bitte hören wir doch mit dem Thema auf! Wir lernen rechnen und schreiben, aber wir lernen nicht leben, mit Gefühlen umgehen.
Wie gesund ist denn ein intensives Gedenken an ein verstorbenes Kind? Wenn etwa das Kinderzimmer so bleiben muss, als ob das Kind noch lebt?
Ich kann ein Zimmer so lassen, wie es war, wenn es nicht mein Person-Sein zerstört. Wenn das aber mit Angst verbunden ist, ist es krankhaft. Wenn ich mich gerne erinnere, passt es. Eine gesunde Trauer – Schmerz zulassen, aber auch loslassen – ist optimal. Auch Rituale, die der Familie guttun, sind sinnvoll, z.B. einen dritten Teller für den toten Sohn decken, ist sinnvoll.
Tun sich Eltern leichter, das Sterben eines Kindes anzunehmen, wenn sie gläubig sind?
Es gibt eine sehr erdige Spiritualität, die den Tod als Tatsache annimmt. Aber in der auch die Hoffnung drin ist: Das ist nicht das letzte Wort. Diese Leute können klagen, weinen, auch Gott beschimpfen. Die können sehr gut damit umgehen. Der Glaube trägt sie. Dann gibt es die, die die Religion als Leistung ansehen und dann enttäuscht sind. Die tun sich wahnsinnig schwer. Sie verlieren dann oft den Glauben – und ich hoffe, dass sie einen positiveren finde. Ich tue mir leichter mit Fernstehenden. Die sind oft für das väterliche, gütige Gottesbild offener.
Kommt oft die Frage: Wieso macht Gott so was mit mir, mit uns? Was ist sein Plan?
Ja, die kommt öfter. Da sage ich: Ich weiß keine Antwort. Es gibt keine Antwort. Die einzige Antwort ist vielleicht: Weil wir einen Gott haben, der selbst diesem Leid nicht ausgewichen ist und der uns gezeigt hat, dass das nicht das Endresultat ist. Dass nicht das Unrecht, die Skrupellosigkeit, die Kaltblütigkeit oder die Krankheit das letzte Wort hat, sondern dass es etwas gibt, was stärker ist.
Hat das Leiden einen Sinn?
Das Leiden an sich nicht. Wenn ich mich falsch verhalten habe und dadurch leide, dann schon. Aber dort, wo zum Beispiel Krebs ist, da verliert es seinen Sinn. Ich glaube aber, dass es einen Sinn gibt trotz der Krankheit, trotz des Leides. Dass nichts umsonst ist, glaube ich schon. Etwa für die Frage: Wie gehe ich mit den noch lebenden Kindern um?
Zweifeln Sie manchmal an Gott?
Ja, freilich. Aber Gott sei Dank gibt es den Gott, an dem ich zweifle, nicht wirklich. Das ist eben dieser Antreibergott, der einem ein schlechtes Gewissen oder Schuldgefühle macht. Für mich kommt immer mehr der Gott der Bibel durch, der „Fürchte dich nicht“ oder „Ich bin bei dir“ sagt. Der aber nicht ein Waserl ist, nicht sagt: „Ist eh alles wurst, was du getan hast“, sondern der mich in Eigenverantwortung nimmt.
Sie sagen, bei Jugendlichen und Erwachsenen weckt die Krankheit schon auch Zweifel an Gott. Was sagen Sie ihnen?
Ich habe die 21-jährige Inge begleitet, mit Leukämie, die gesagt hat: Warum kann ich nicht ein normales Leben führen? Ich habe ihr gesagt, sie darf eine Wahnsinnswut auf diesen Gott haben. Ich habe sie eingeladen, einen Psalm an diesen Gott zu schreiben. Das hat sie getan, und der war ordentlich geschmalzen. Den habe ich dann auch zum Begräbnis gelesen. Denen zu sagen: „Gott weiß schon, warum“, das wäre Zynismus.
Warum sind Sie eigentlich Krankenhausseelsorger geworden?
Ich bin alles zufällig geworden. Ich habe in Innsbruck die Krankenpflegeschule gemacht, weil ich eine Wette verloren habe. Dann bin ich Religionslehrer geworden, habe nachts aber oft geträumt, ich gehe ins Krankenhaus zurück. Das ist dann auch so gekommen – wieder durch Zufälle. Begonnen habe ich in der Orthopädie Gersthof beim Prof. Martin Salzer, Spezialist für bösartige Knochentumore bei Kindern. Der Mensch hat mich fasziniert – so könnte ich mir den lieben Gott vorstellen.
Wie stellen Sie sich denn Ihre eigene Auferstehung vor?
Die Kinder haben das beschrieben mit einer wunderschönen Blumenwiese, dass sie mit einem Luftballon schweben: Leichtigkeit und Schönheit. Ich stelle mir vor, dass ich endlich mal meinen Chef persönlich kennenlerne – die Person gewordene Liebe. Das ist sicher faszinierend. Und das Zweite: Dass ich all die Kinder, die ich begleitet habe, wiedersehe und dass das eine Gaudi ist. Der Himmel wird ja als Hochzeitsmahl beschrieben, ich hoffe dass ich einen guten Appetit mitnehme. Es muss sehr schön sein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2009)

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