Ist es eigentlich schon peinlich, über St. Pölten zu schreiben? „Da kann man ja auch eine Geschichte über einen Parkplatz in Vösendorf machen“, kommentierte zynisch ein Kollege (er darf das, weil er in St.Pölten geboren ist). Nichts ist in Österreich mehr Synonym für Provinz als die Worte „St. Pölten“. Sogar das Autokennzeichen der Stadt – P – scheint dafür zu stehen.
Natürlich ist es leicht, sich über die niederösterreichische Landeshauptstadt lustig zu machen. Man kann trefflich Witze reißen über „Stinkpölten“, über „Sankt Blöden an der Trottel“ und über die Hornochsen, die dort zwischen Viehofen und Ochensburg wohnen. Viele Schriftsteller taten es: Julian Schutting spottete über die „Sangdblöddner“, Jörg Mauthe walzte seinen Hohn auf einen Roman aus („Die große Hitze“).
Schon in den 1970er-Jahren reimte Hanne Rohrer im TV: „Dem Mutigen bangt selten, warum graut dir vor Sankt Pölten.“ Kurt Bergmann, damals Abteilungsleiter im ORF, musste sich öffentlich dafür entschuldigen. Die Aufregung war ähnlich groß wie über den Verhaltensforscher Otto Keonig, der in „Rendezvous mit Tier und Mensch“ den Vergleich anstellte, dass es „heute nicht einmal mehr so viel Moschusochsen gibt, wie St.Pölten Einwohner hat“. So platt, befand einst das „Spectrum“ der „Presse“, könne eine Pointe und so ekelhaft ein Kalauer gar nicht sein, dass man unter der Beifügung des namens St.Pölten nicht Heiterkeitsstürme entfachen könnte.
All diese Beispiele hat Thomas Karl, Leiter der Kulturabteilung der Stadt St.Pölten, in einem klugen Beitrag zusammengefasst. Er schrieb die Einleitung zur Ausstellung „Stadt im besten Alter“, die seit Freitag im Stadtmuseum läuft. Anlass ist ein Jubiläum: Am heutigen Sonntag wird St.Pölten 850 Jahre alt. Bischof Konrad II. von Passau hat ihr 1159 das Stadtrecht verliehen – lange vor Enns (1212) und noch länger vor Wien (1221). Warum also schafft man es dann seit 850 Jahren nicht, Stadt zu sein?
„Mit was wollen S' uns denn vergleichen?“, fragt die Kellnerin im „Cinema Paradiso“, einem Kaffeehaus auf dem weitläufigen Rathausplatz St.Pöltens samt Hollywoodschaukel, in dem sogar internationale Zeitungen zur Lektüre aufliegen. „Wien samma net.“
Und damit sind wir schon beim größten Problem der Stadt. Man vergleicht St. Pölten stets mit Wien, dabei wohnen hier gerade einmal 51.000 Menschen – so viele, wie man in viereinhalb Großfeldsiedlungen unterbringen könnte. Auf der Autobahn lässt man die Stadt auf dem Weg nach Wien links liegen (im wahrsten Sinn des Wortes) und noch nie ist jemand am trostlosen Bahnhof St.Pölten aus einem Schnellzug nach Wien gestiegen. Im Vergleich mit Wien ist auch Klagenfurt, Graz, Linz oder Innsbruck tiefste Provinz. Und trotzdem macht man sich über diese Städte nicht lustig (na ja, vielleicht über Klagenfurt). Aber die sind eben auch weit weg von der Bundeshauptstadt, und nicht nur knappe 70 Kilometer.
Spottende Einwohner. Die, die am lautesten über die Stadt spotten und lästern, haben sich vermutlich noch nie von der Westautobahn herabgelassen in die Mariazeller Straße. Denn so schiach und provinziell, wie alle Vorurteile sagen, ist St.Pölten nicht. Eine derart schöne Altstadt muss man erst einmal finden. Die Fassade des Instituts der Englischen Fräulein ist ein Traum für alle Barockfans, und in den Gassen der Fußgängerzone gibt es noch die typischen netten, kleinen Geschäfte, die einer Kleinstadt ein sympathisches Flair geben.
Das Problem St.Pöltens war immer, dass es Wien sein wollte. Man baute Theater um Theater – mittlerweile hat man drei – und zwang den Einwohnern Kultur auf: Legendär sind die Geschichten aus den 1960er-Jahren, als man am Landestheater pro Woche fünf, sechs verschiedene Opern und Operetten gab. So versessen war man darauf, alles zu bieten, was man eine halbe Autostunde weiter in Wien auch bietet, dass man sogar Wagner-Opern aufführte – mit nur zwei Hörnern! Heute verweist man stolz darauf, dass bis zu 60Prozent der Besucher des Festspielhauses aus Wien kommen (man könnte diese Zahlen freilich auch so interpretieren, dass es die St. Pöltner nicht interessiert).
Das zweite große Problem St.Pöltens sind seine Einwohner. Sie selbst haben die negativste Meinung über ihre Heimat. Die Stadt, schrieb der Essayist Karl Michael Kisler, stelle ihr Licht unter den Scheffel „und löscht es dann auch noch aus“. Noch nie hörte man einen Innsbrucker schlecht über Innsbruck reden. Aber jedem St. Pöltner kann man abfällige Bemerkungen über seine Stadt entlocken. Entschuldigend soll das „So ist halt St.Pölten“ vermutlich sein, wenn bei der Eröffnung im Klangturm nur ein paar Dutzend Menschen anwesend sind. Auch wenn eine andere Stadt wahrscheinlich auch nicht viel mehr Einwohner begeistern hätte können.
„Wir sind besser als unser Ruf“, sagt Matthias Stadler. Er muss das freilich sagen: Er ist Bürgermeister von St.Pölten. „Viele Wiener glauben nicht, wie angenehm es hier ist. Eine schöne Wohnsituation, viel Kultur, und zugleich sicher.“ Wenn einst 2011 die Zugverbindung ausgebaut ist, dann komme man in 22 Minuten von Wien nach St.Pölten. Dann würden, glaubt Stadler, auch mehr Wiener in St. Pölten wohnen. Der Gedanke, dass im Gegenzug mehr St. Pöltner nach Wien ziehen könnten – wie etliche Ärzte im Landeskrankenhaus –, kommt ihm nicht.
Kein Wort über das Regierungsviertel? Nein, über das ist alles schon gesagt. Einer bezeichnete es böse als „Kleinbukarest“. Es ist monumental, dem Regierungsstil des Landes eben angepasst. Und es ist ausgestorben: Wenn der letzte Wiesel-Bus abgefahren ist, ist die Antarktis im Vergleich ein belebter Ort. Aber welcher Beamter bleibt schon freiwillig länger an seinem Arbeitsplatz?
St. Pölten muss sich nicht genieren. Es ist eine ganz normale Landeshauptstadt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es geht nicht unter wie die zwei Hörner in der Wagner-Oper.