"Judenhassergemeinde": Serfaus bleibt koscher

Weil eine Pension Juden ablehnte, geriet der Tiroler Ort als "Judenhassergemeinde" weltweit in die Medien. Ein Lokalaugenschein.

Sonja Purtscher
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Sonja Purtscher
(c) Die Presse (Arora)

Ein Dorf versteht die Welt nicht mehr. Seit einer Woche müssen die Serfauser von der „Süddeutschen Zeitung“, über den „Guardian“ bis zur US-Online-Postille „Huffington Post“ als vermeintliche Antisemiten Prügel einstecken. Grund ist das Medien zugespielte E-Mail einer Pensionsbetreiberin, die „aufgrund schlechter Erfahrungen“ einer jüdischen Familie kein Zimmer vermieten wollte.

In Wahrheit ist Serfaus seit Jahren beliebte Sommerdestination jüdisch-orthodoxer Urlauber aus aller Welt. Und der Ort hat sich auf diese anspruchsvolle Gästeschicht eingestellt. Der Run der Jüdisch-Orthodoxen auf Serfaus begann vor vier Jahren im Hotel „Alte Schmiede“. Die Betreiberinnen, Mutter Birgit und Tochter Sonja Purtscher, erhielten eine E-Mail-Anfrage vom israelischen Reiseveranstalter Tour Olam. „Es war ein E-Mail an verschiedene Empfänger. Sie suchten Hotels für jüdisch-orthodoxe Reisegruppen. Wir fanden das interessant“, erinnert sich Juniorchefin Sonja Purtscher, die umgehend antwortete. In weiterer Folge kam die Tour-Olam-Chefin samt Rabbi vorbei. „Wir haben eine sehr große Küche, daher konnten wir problemlos die Anforderungen, wie getrenntes Spülen für Fleisch- und Milchgeschirr, erfüllen.“ Man wurde schnell handelseins, seitdem ist die Alte Schmiede jeden Sommer, im Juli und August, exklusiv für jüdisch-orthodoxe Gäste reserviert – großteils Familien mit mehreren Kindern. Die Auslastung des Hotels beträgt in dieser Zeit fast 96 Prozent.

Der Hotelbetrieb ist im Sommer ganz auf die Bedürfnisse der jüdisch-orthodoxen Gäste ausgerichtet. Vor den ersten Urlaubern kommt ein Rabbi von Tour Olam und trifft Vorbereitungen: Das Restaurant im Erdgeschoß wird zur Synagoge. Die Küche, alle Gerätschaften, Besteck, Geschirr reinigt der Rabbi rituell, um sie koscher zu machen. Die koscheren Lebensmittel werden teils von Tour Olam aus Belgien oder Frankreich geliefert. „Was möglich ist, kaufen sie bei regionalen Anbietern“, erklärt Sonja Purtscher. Allein während des Sabbats ist es etwas komplizierter: „Da dürfen sie keine elektrischen Geräte bedienen. Wir schalten dann im gesamten Haus vorab das Licht ein, der Lift ist außer Betrieb, und die automatischen Türen am Eingang bleiben offen.“ Nicht nur in der Alten Schmiede, auch in zahlreichen anderen Serfauser Hotels und Pensionen verbringen während der Sommermonate Jüdisch-Orthodoxe aus aller Welt ihre Ferien. Dem trägt der „Nah&Frisch“-Markt im benachbarten Fiss mit einer „Koscher-Ecke“ Rechnung. Und auch die Serfauser Bäckerei Althaler bäckt im Sommer koscher. „Das ist aufwendig“, wie Philipp Althaler erklärt. Denn hier muss ebenfalls vorab der Rabbi die Gerätschaften reinigen. Zudem musste Althaler eine Liste mit seinen Lieferanten zusammenstellen, die auf Koscher-Tauglichkeit überprüft wurden. Schließlich muss der Bäcker bei Arbeitsbeginn, zu nachtschlafender Zeit, den Rabbi rufen: „Weil laut jüdisch-orthodoxer Regeln nur der Rabbi den Ofen anfeuern darf.“ Althaler hat damit kein Problem. Er befürchtet, dass heuer die Jüdisch-Orthodoxen ausbleiben könnten: „Wegen der ganzen Negativpresse. Das wäre sehr schade.“

Auch die Purtschers hoffen, dass die Schlagzeilen nicht abschrecken. Fast täglich rufen besorgte Jüdisch-Orthodoxe an: „Sie fragen, ob wir in Serfaus noch koscher sind.“ Die Purtschers beruhigen ihre lieb gewonnenen Kunden. Bäcker Althaler meint zur Kritik: „Das ist unfair, weil wir uns wirklich bemühen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2009)

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