"Judenhassergemeinde": Serfaus bleibt koscher

16.05.2009 | 17:48 |  von STEFFEN ARORA (Die Presse)

Weil eine Pension Juden ablehnte, geriet der Tiroler Ort als "Judenhassergemeinde" weltweit in die Medien. Ein Lokalaugenschein.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Ein Dorf versteht die Welt nicht mehr. Seit einer Woche müssen die Serfauser von der „Süddeutschen Zeitung“, über den „Guardian“ bis zur US-Online-Postille „Huffington Post“ als vermeintliche Antisemiten Prügel einstecken. Grund ist das Medien zugespielte E-Mail einer Pensionsbetreiberin, die „aufgrund schlechter Erfahrungen“ einer jüdischen Familie kein Zimmer vermieten wollte.

In Wahrheit ist Serfaus seit Jahren beliebte Sommerdestination jüdisch-orthodoxer Urlauber aus aller Welt. Und der Ort hat sich auf diese anspruchsvolle Gästeschicht eingestellt. Der Run der Jüdisch-Orthodoxen auf Serfaus begann vor vier Jahren im Hotel „Alte Schmiede“. Die Betreiberinnen, Mutter Birgit und Tochter Sonja Purtscher, erhielten eine E-Mail-Anfrage vom israelischen Reiseveranstalter Tour Olam. „Es war ein E-Mail an verschiedene Empfänger. Sie suchten Hotels für jüdisch-orthodoxe Reisegruppen. Wir fanden das interessant“, erinnert sich Juniorchefin Sonja Purtscher, die umgehend antwortete. In weiterer Folge kam die Tour-Olam-Chefin samt Rabbi vorbei. „Wir haben eine sehr große Küche, daher konnten wir problemlos die Anforderungen, wie getrenntes Spülen für Fleisch- und Milchgeschirr, erfüllen.“ Man wurde schnell handelseins, seitdem ist die Alte Schmiede jeden Sommer, im Juli und August, exklusiv für jüdisch-orthodoxe Gäste reserviert – großteils Familien mit mehreren Kindern. Die Auslastung des Hotels beträgt in dieser Zeit fast 96 Prozent.

Der Hotelbetrieb ist im Sommer ganz auf die Bedürfnisse der jüdisch-orthodoxen Gäste ausgerichtet. Vor den ersten Urlaubern kommt ein Rabbi von Tour Olam und trifft Vorbereitungen: Das Restaurant im Erdgeschoß wird zur Synagoge. Die Küche, alle Gerätschaften, Besteck, Geschirr reinigt der Rabbi rituell, um sie koscher zu machen. Die koscheren Lebensmittel werden teils von Tour Olam aus Belgien oder Frankreich geliefert. „Was möglich ist, kaufen sie bei regionalen Anbietern“, erklärt Sonja Purtscher. Allein während des Sabbats ist es etwas komplizierter: „Da dürfen sie keine elektrischen Geräte bedienen. Wir schalten dann im gesamten Haus vorab das Licht ein, der Lift ist außer Betrieb, und die automatischen Türen am Eingang bleiben offen.“ Nicht nur in der Alten Schmiede, auch in zahlreichen anderen Serfauser Hotels und Pensionen verbringen während der Sommermonate Jüdisch-Orthodoxe aus aller Welt ihre Ferien. Dem trägt der „Nah&Frisch“-Markt im benachbarten Fiss mit einer „Koscher-Ecke“ Rechnung. Und auch die Serfauser Bäckerei Althaler bäckt im Sommer koscher. „Das ist aufwendig“, wie Philipp Althaler erklärt. Denn hier muss ebenfalls vorab der Rabbi die Gerätschaften reinigen. Zudem musste Althaler eine Liste mit seinen Lieferanten zusammenstellen, die auf Koscher-Tauglichkeit überprüft wurden. Schließlich muss der Bäcker bei Arbeitsbeginn, zu nachtschlafender Zeit, den Rabbi rufen: „Weil laut jüdisch-orthodoxer Regeln nur der Rabbi den Ofen anfeuern darf.“ Althaler hat damit kein Problem. Er befürchtet, dass heuer die Jüdisch-Orthodoxen ausbleiben könnten: „Wegen der ganzen Negativpresse. Das wäre sehr schade.“

Auch die Purtschers hoffen, dass die Schlagzeilen nicht abschrecken. Fast täglich rufen besorgte Jüdisch-Orthodoxe an: „Sie fragen, ob wir in Serfaus noch koscher sind.“ Die Purtschers beruhigen ihre lieb gewonnenen Kunden. Bäcker Althaler meint zur Kritik: „Das ist unfair, weil wir uns wirklich bemühen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2009)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

29 Kommentare
 
12
0

wenn ich ...

die gruppe nicht haben will, gibts kein koscheres geschirr und die sache erledigt sich von selbst.
es muss in wahrheit als um was anderes gehen, vermute ich.

Gast: Beobachter
20.05.2009 16:39
0

Der Experte fehlt!

Warum postet hier nicht unser Experte Aaron Fishhof?

Er hätte sicher zufriedenstellende Antworten auf unsere Fragen parat!

Re: Der Experte fehlt!

...der macht grad urlaub an der klagemauer!:)

Gast: steuerzahler aus österreich
20.05.2009 14:20
0

jaja

wen würde es interessieren wenn ich nach israel fahre und dort verlange dass im hotel das licht abgedreht wird und alle blutkonserven der stadt nicht ausgeliefert werdern weil ich bahai bin. oder jehova.....

mir scheint dass die zeitungsbranche sehr einseitige berichte verfasst.

mir scheint dass die medienberichterstattung sehr einseitige berichte verfasst

wieso wohl?

das fragt sich ein österrreichischer steuerzahler der eine institution vermisst die es ihm ermöglicht seine meinung frei und offen kund zu tun

das volk sind wir! liebe leute!

und noch eins, mir ist es wurscht ob die dort urlaub machen oder nicht, als hotelbesitzer würde ich aber so einen zikus aus persönlichen gründen nicht mitmachen.
und das ist zu akzeptieren!

jeder der österreich besucht soll sich auch an unsere kultur anpassen. ich finde es auch nicht toll dass in öfftenlichen bädern die bezahler der bäder ausgeschlossen werden damit andere baden können. das ist einfach gegen den grundgedanken und wohl nicht im sinne des erfinders.


0

Re: jaja

warum soll der hotelier kein geschäft damit machen?

was ich mich frage warum nur der schmafu von gerade dieser religösen gruppe in den medien ist. das geht mich nämlich langsam auf den keks.
und irgendwann liest man dann die zeitung nicht mehr, oder geht auf die nachrichten von BR.

Antworten Antworten Gast: wasauchimmer
18.06.2009 11:06
0

Re: Re: jaja

eines scheint ihr nicht zu verstehen. die anderen hotels und pensione werden ja nicht auf koscher umgestellt, die gäste schlafen nur dort. jeder kann sein leben führen wie er will! das hotel/pension die keine jüdischen gäste wollte war auch nicht gebeten worden IRGEND ETWAS anderes als das normale zu tun: zimmer vermieten. punkt. aus. und das waren die nicht bereit zu tun. das hotel das koscher geführt wird ist aus eigenen willen der eigentümer ein gutes geschäft zu machen. das sind ZWEI VERSCHIEDENE PAAR SCHUHE

0

Re: Re: Re: jaja

das meine ich ja.
die unternehmer müssen sich an die gesetze halten, dass gilt für "alle".

wenn jetzt einer ein geschäft wittert darf er natürlich spez. dienstleistungen anbieten, wenns anderer nicht macht, verdient er vielleicht mit einem single-hunde-hotel sein brot. der gast darf sich dann aussuchen und wählen.

und genauso darf der hotelier seine gäste aussuchen.
meine frage war warum es eine bestimmte religiöse gruppe immer in die medien schafft?
keine medium schreibt, wenn wieder mal wo motorradfahrer abgewiesen werden.


Wenn man sich das alles für Menschen antun will, welche einem absurden Glauben huldigen und es sich rechnet : Gut!!

Aber ich würde das abelehnen und das ist auch mein gutes Recht!

Comperdell

Campus pratellum meint wie die tirolische Puite oder das germanische Point eine geschützte Nutzfläche. Statt eines Zauns haben wir hier um 2.000 Meter Höhe unten den Bannwald und oben den Fels. Dazwischen werben Ladis, Fiss und Serfaus mit einer österreichweit sonnenreichsten ostgewandt schrägen Hochfläche, die auch kulturell und archäologisch belegt als Siedlungsraum österreichweit kaum zu übertreffen ist. Mit einer Förderkapazität von 60.000 skifahrenden Rindviechern (Bauern haben immer von Kühen auf Touristen umgestellt) pro Stunde erreicht Serfaus alleine den italienischen Spitzenwert des Kronplatz bei Bruneck, und auch sonst will man eher mit den Besten in Tessin und Südtirol verglichen werden als mit nicht ladinischen also germanisch dominierten Alpenländern. Eigentlich müßten Sprachwissenschaftler für das Inntal südlich Landeck oder vom Kauner- bis zum Pitztal eine alte Sprache der Ladiner und eine der Jenischen wieder beleben, weil hier die deutsche Sprache überhaupt nicht zur Landschaft und schon gar nicht zur Kultur paßt. Auch wenn brave Jenische im Zuge der Gründung des Staates Israel beinahe völlig als Arbeitsscheue, schlechte oder falsche Juden oder weiße Zigeuner ausgerottet wurden von den germanisch anmutenden Gehilfen, sollte uns wieder eine Möglichkeit gegeben werden, die vielen lateinischen Wörter der Jenischen mit der Herkunft aus dem Land im Gebirge zu belegen, und gleichzeitig mit braven antinationalistischen Juden in Serfaus die Hebräismen des Jenischen.

Franz Ferdinand

bereiste als Schwindsüchtiger nicht nur die halbe sondern die ganze Welt: zumindest hat er auf der SMS Kaiserin Elisabeth die Erdkugel umrundet und 14.000 Exponate für das Völkerkundemuseum mitgebracht. Das kann sich durchaus messen mit der Leistung Glasers, der in Konkurrenz zu Theo Herzl den Süden Jemens zum neuen Israel machen wollte und zur Finanzierung seines Spleens unendlich viele behauene Steine nach Wien verkaufte. Aber der tragisch zum Auslöser des Ersten Weltkriegs verklärte Erzherzog der Habsburger hat in der ganzen Welt nicht das Heilige Land für seine Lunge gefunden sondern in...? Na? In Serfaus hat er mit den unendlich vielen feuchten Hängen um die Maltrischwiesen ein Klima gefunden, das ihn fragen ließ, wie der liebe Gott Tuberkulosekranken so einen Gefallen machen konnte. Und so hat er Untersuchungen über die Besonderheit dieser klimatischen Verhältnisse in Auftrag gegeben, und so ist der Tourismus dort begründet, und so ist er auch jetzt jüdisch wieder gefunden worden. Ich bekunde ja immer meine Verbundenheit mit dem Vormärz-Ferdinand, weil ich auch so ein Fallsüchtiger bin. Und so denke ich, daß die Epilepsie auch bei Gütinand dem Fertigen von der familiären Schwindsucht gekommen sein könnte. Sonne und Feuchtigkeit habe ich im Chiemgau gefunden, aber Serfaus ist auch für mich der Himmel. Ich würde gerne auch die jetzt touristisch tote Zeit dort beleben mit Matschwandern + Apergehen: Gummistiefel mit Lederschaft im Schneeschuh. Im Mai die Schneefelder suchen

Gast: pour le merite
18.05.2009 09:56
0

Wie wär¿s mit Urlaub am Gaza Streifen?

Die Strände dort sollen koscher und menschenleer sein, sagt man.

Re: Wie wär¿s mit Urlaub am Gaza Streifen?

...dort wird geschächtet, was das zeugs hält!

Es ist das Hausherrnrecht

Unangenehmen Leuten die Tür zu weisen .Das da natürlich die Nazikeule ausgepackt wird ist in Zeiten wie heute die normale Reaktion und diese Keule der Völkerverständigung ist auch den Medien geläufiger als die Rechtschreibung.

0

Re: Es ist das Hausherrnrecht

wen eine frau abgewiesen worden wäre, wärs halt eine frauenfeindliche pension gewesen.
wozu glauben sie sind diese gesetze da?
so kann man in die privatsphäre eingreifen und das volk checkt es nicht.

WAS waren es denn für Vorkommnisse,

die die Wirtsleute bewogen haben, an d i e s e Familie nicht zu vermieten?
Wenn ich zu Hause einen unangenehmen Gast habe, bitte ich ihn auch zu gehen.
Die Vermieter und Wirte in Serfaus haben sich doch wirklich angestrengt und Mühe gegeben, ihren Urlaubsgästen den Urlaub gut zu gestalten. Ja, sie haben sogar zusätzliche Mühen - koscher kochen, backen... - auf sich genommen!
Also, i c h möchte gern den Grund wissen für den Rausschmiß!

Re: WAS waren es denn für Vorkommnisse,

Ich kenne von meinen eigenen Reisen Probleme mit Israelis - allerdings sind das immer junge Männer, die gerade ihren Militärdienst abgeleistet haben und jetzt auf den Putz hauen wollen. Und das ist mir vor allem in Südostasien begegnet, im klassischen Strandurlaub; in Thailand sind viele kleine Hostels nicht erfreut über israelische Kunden, weil es zu oft zu Streitereien und Ausschweifungen kommt.

In Serfaus, mit der Familienurlaubsstruktur, würde mich das doch sehr wundern, deshalb will ich auch wissen was passiert ist.

Gast: lancer
17.05.2009 19:47
0

gilt für alle Religionen....

...für rational denkende Menschen, nicht wirklich nachvollziehbar. "Gott" sei Dank, kann in Österreich ja derzeit jeder glauben was er will. Ich hoffe, wir können uns diese Freiheit erhalten !

Gast: ga-stein
17.05.2009 17:59
0

gäste aus aller welt - herzlich willkommen

grundsätzlich soll jeder hotelier seine belegung frei wählen.
die idee in der zwischensaison mit neuen gästen eine nahezu 100 % auslastung zu erreichen, ist genau der richtige weg.gerade tirol könnte neue wege beschreiten und müßte froh sein,wenn wir unseren einzigen/wichtigsten wirtschaftszweig ausbauen können.

Gast: Damaliger Student
17.05.2009 14:52
0

Bitter aber wahr !

Ich habe in den sechsiger Jahren in der Uni-
Innsbruck studiert. Leider muss ich sagen, dass
schon damals die Tiroler nicht unbedingt sehr
auslaenderfreundlich waren. (Die Deutschen
ausgenommen).

Antworten Gast: Gastname
17.05.2009 17:41
0

Re: Bitter aber wahr !

Der Rechtschreibung nach zu schließen hast du nie fertigstudiert

Antworten Gast: wien-urlauber in tirol
17.05.2009 16:31
0

Re: student

wien war in den 60igern bei tirolern ebenfalls als ausland.

die deutschen waren in wahrheit zwar nicht beliebt, wurden aber wegen ihrer harten DM verhätschelt


Antworten Antworten Gast: .........
25.06.2009 11:31
0

Re: Re: student

Wien hat den Tirolern 1809 auch nicht geholfen......

Gast: propaganda
17.05.2009 13:35
0

*judenhassergemeinde*



1 anruf = sippenhaftung für ein ganzes dorf!


Wenn ich da so lese,

was alles notwendig ist, um sogenannte gläubige Juden unterzubringen, verstehe ich die Ablehnung der Buchung voll und ganz. Ich hätte nicht anders gehandelt.

Man stelle sich vor, eine rk. Familie will in Haifa ein Zimmer buchen, vorerst kommt aber ein rk. Priester, mach alles katholisch, segnet das Kochgeschirr und den hoffentlich knusprigen Schweinsbraten . . . .
Na, den Aufschrei möcht ich hören!

wie meist bei solchen Meldungen

es ist genau umgekehrt und daher nichts dran.
Man kann es doch einer Pesionsbetreiberin nicht verüblen, keine orthodoxen Juden beherbergen zu wollen, denn es mutet doch eigenartig an, dass Fremde, die nicht mit dem Eselswagen kommen, Probleme haben, am Samstag (Shabbath) nicht durch eine automatische türe zu gehen und den Lichtschalter und List nicht bedienen zu können. Die moderne Hygienevorschriften ablehnen und altertümliche wiedereingeführt haben wollen, aber kein Problem haben, mit dem Flugzeug und Auto zu fahren.
Freud hat schon gewußt, warum es soviele Neurotiker gibt, manche machen einen Glauben daraus.

Re: wie meist bei solchen Meldungen

Ich sehe das auch so.

 
12

Wetter

  • Aktuelle Werte von
    12:00
    Wien
    10°
    Steiermark
    Oberösterreich
    Tirol
    Salzburg
    Burgenland
    10°
    Kärnten
    Vorarlberg
    Niederösterreich

Jetzt Panorama-Newsletter abonnieren

Der tägliche Überblick mit den wichtigsten Meldungen zu den Themen Chronik, Wien und Umwelt. Kostenlos.

Newsletter bestellen

Code schwer lesbar? » Neu laden

AnmeldenAnmelden