Stetten. Mehr als 15.000 längliche Austern stecken auf engstem Raum in der zerklüfteten Felsstruktur, Beleuchtung wirft seltsame Schatten auf die Muscheln, die hier vor 16,5 Millionen Jahren auf einem Riff zu liegen gekommen sind: Versteinerte Zeugen eines Tsunamis, der die Grenzen zwischen Meer und Festland neu definierte, wo heute die 1200-Einwohner-Gemeinde Stetten im Weinviertel liegt.
Geht es nach einigen findigen Touristikern, soll das Stettener Riff jetzt zur größten Touristenattraktion der Region werden: Ab Samstag steht die „Fossilienwelt Weinviertel“ Besuchern offen, 35.000 im Jahr werden mindestens erwartet. In einer neu errichteten Halle über dem 400 Quadratmeter großen Austernriff – weltweit das größte seiner Art – soll durch Multimedia-Shows, Führungen und spielerisches Erleben der paläontologische Hintergrund vermittelt werden. Fünf Millionen Euro hat sich das Konsortium hinter dem Themenpark – dazu gehören das Land Niederösterreich, Raiffeisen und die benachbarten Gemeinden – die Fossilienwelt kosten lassen.
Eine riskante Investition, bedenkt man das bisherige Schicksal von Themenparks in Österreich: Mit wenigen Ausnahmen sind jene Projekte, die überhaupt realisiert wurden, gescheitert oder vegetieren am Existenzlimit vor sich hin.
Mangels Besucherinteresses zugrunde gegangen sind etwa die mystisch angehauchte „Anderswelt“ in Heidenreichstein, die Westernstadt „No Name City“ in Wöllersdorf oder der „Blue Dome“-Wasserpark im Salzkammergut. Ist Österreich zu klein für erfolgreiche Fantasiewelten?
Natur statt Kunstwelt
„Freizeitparks sind vor allem in Ländern erfolgreich, die von der Natur nicht allzu begünstigt sind“, sagt der deutsche Tourismusforscher und Themenparkexperte Heinz Scherrieb – in den Niederlanden boome das Modell beispielsweise. Österreich hingegen habe genügend natürliche Erlebnisräume, sodass künstliche Welten nicht interessant seien: „Im Sommer fahren die Menschen an nahe Seen, im Winter auf die Berge – die brauchen keine Anderswelt“, so Scherrieb.
Hinzu kommt, dass österreichische Freizeitparks im internationalen Vergleich zu klein sind, um als eigenständiges Reiseziel angepeilt zu werden. Verglichen etwa mit Disneyland, wo Millionen Besucher mehrere Tage lang über Nacht bleiben, muten die heimischen Attraktionen geradezu winzig an: „Die sind eher ein Schlechtwetterprogramm“, stellt Christian Mikunda fest, der sich als Mediendramaturg mit der Einrichtung von verschiedenen Erlebniswelten beschäftigt hat.
Zuletzt kranken Erlebnisparks in Österreich daran, dass es – teilweise gravierende – Managementfehler gebe: „Bei manchen Parks hat man den Eindruck, dass sich die Planer vor allem die eigenen Träume erfüllen wollten anstelle jene der Kunden“, meint Scherrieb. Gerade in Krisenzeiten gelte es aber, den Besuchern Authentisches zu bieten, so der Experte: In der Rezession wachse das Bedürfnis, in der Freizeit etwas „Echtes“ zu erleben statt in eine Fantasiewelt zu fliehen.
Das Rezept der (wenigen) erfolgreichen Themenparks in Österreich ist daher die Anbindung an natürliche oder wirtschaftliche Gegebenheiten: Die Swarovski-Kristallwelten in Wattens etwa, die in das Konzern-Marketingkonzept eingebunden sind. Oder die niederösterreichische Landesgartenschau in Tulln, die an die Renaissance der Gartenkultur anknüpft.
Auf diesen Überlegungen will auch die Stettener Fossilienwelt aufbauen: Authentizität sei gegeben, weil das Riff tatsächlich in Stetten stehe und somit keine Kunstwelt aufgebaut worden sei. Und wie schon in der Maissauer „Amethystwelt“, die von derselben Geschäftsführung verwaltet wird, hofft man, sich nicht nur über Eintrittsgelder zu erhalten: Ein Shop soll die Fossilienwelt in die schwarzen Zahlen bringen. Verkauft werden ... Perlen.
■Die Fossilienwelt Weinviertelin Stetten bei Korneuburg ist ab heute für Besucher geöffnet. In der 400 Quadratmeter großen Halle führt eine Multimediashow in die Geschichte des weltgrößten Austernriffes ein, Kinder können paläontologische Grabungen üben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2009)

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