Die Welt der vielen jungen Männer

Sie sind jung, sie sind viele – und sie kommen meist allein: Männliche Flüchtlinge werden zunehmend als Problem wahrgenommen. Die "Presse am Sonntag" hat acht von ihnen getroffen.

„Wir gehen nicht so oft raus“, sagen die vier afghanischen Flüchtlinge in ihrer Unterkunft in der Vorderen Zollamtsstraße im dritten Wiener Gemeindebezirk.
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„Wir gehen nicht so oft raus“, sagen die vier afghanischen Flüchtlinge in ihrer Unterkunft in der Vorderen Zollamtsstraße im dritten Wiener Gemeindebezirk.
„Wir gehen nicht so oft raus“, sagen die vier afghanischen Flüchtlinge in ihrer Unterkunft in der Vorderen Zollamtsstraße im dritten Wiener Gemeindebezirk. – Stanislav Jenis

 Zumindest in Krems war am Ende alles ganz anders. „Wirbel um Flüchtlinge in der Damen-Sauna“ hatte es dort in der Vorwoche geheißen, der Vorfall floss ein in die Debatte um Schwimmbäder, Piktogramme und Zutrittsverbote. Diese Woche meldeten sich dann zwei junge Österreicher mit exjugoslawischen Wurzeln zu Wort. Sie seien es gewesen, die irrtümlich in die (gemischte) Sauna abgebogen seien – und wollten nun verhindern, „dass weiter Flüchtlinge für etwas kritisiert werden, was sie nicht gemacht haben.“

Eine hyper-sensible Stimmung, die allerorts Belästiger wittert, das ist die eine Seite. Auf der anderen: tatsächliche Straftaten, von den Übergriffen in Köln bis zu Vergewaltigungen auch in Österreich durch Asylwerber und Migranten. Dazwischen: Junge Männer, die in einer fremden Welt gelandet sind und hier eine Debatte über das arabische respektive muslimische Frauenbild ausgelöst haben.

„Man kann Köln und die darauffolgenden Ereignisse als Anlass zur Debatte über Frauenrollen und sexuelle Gewalt nehmen“, sagt dazu Nahost-Expertin Tyma Kraitt. „Aber nicht als Paradebeispiel.“ Viele junge Männer befänden sich in einem Identitätskonflikt. Die Traditionen, die sie mitbekommen hätten und die neuen Möglichkeiten, die sie in Österreich bekommen, würden zu Schwierigkeiten führen. Aber: „Es ist ein Fehler, alle muslimischen Länder in einen Topf zu werfen.“

So sei die Situation in Syrien zum Beispiel nicht mit jener in Afghanistan zu vergleichen. Syrien sei vor dem Krieg ein säkularer Staat gewesen, in dem Frauen in der Öffentlichkeit stark präsent waren. Durch die Unsicherheit des Krieges hätten sich jedoch in Syrien und dem Nachbarland Irak sehr konservativ und religiös gefärbte Rollenbilder durchgesetzt.

Doch was denken die jungen Männer selbst? Die „Presse am Sonntag“ hat acht Afghanen, Syrer und Iraker getroffen und mit ihnen über ihr Verhältnis zu Frauen gesprochen.

Noor Mohammad Amirzadah (23), Kabul, Afghanistan

Noor ist seit knapp vier Monaten in Wien. In Kabul hat er sechs Monate lang Informatik studiert, dann musste er eigenen Angaben zufolge wegen einer Frau flüchten: „Ich habe mich verliebt, ihr Name war Zainab.“ Die beiden hätten ohne das Wissen von Zainabs Vater geheiratet und miteinander geschlafen. Als Zainabs Familie dies herausfand, blieb Noor nichts anderes übrig, als zu fliehen: „Die hätten mich sonst umgebracht“, sagt er. Falls er in Österreich eine Freundin findet, will er, dass sie sich verschleiert, „aber wenn sie unbedingt will, kann sie auch ohne Hijab auf die Straße gehen“. Falls er eines Tages eine Tochter hat, dürfe sie zwar jeden Beruf ausüben, den sie will. Ihn würde es aber „sehr stören“, wenn sie Sex vor der Ehe hätte.

Alhamza Altlinany (19), Basra, Irak

Alhamza ist aus Basra geflüchtet, weil schiitische Milizen ihn zum Dienst an der Waffe zwingen wollten. Falls er in Österreich heiratet, wäre ihm die Religion seiner Partnerin nicht wichtig, sagt der Iraker. Seinem Vater jedoch schon, doch der sei nun zu weit weg, um ihn dabei zu beeinflussen. Zu den Ereignissen in Köln sagt er: „Es ist eine Schande, dass es so viele ungebildete und unzivilisierte Menschen aus dem arabischen Raum gibt.“

In Basra hatte Alhamza eine Art platonische Beziehung: Er habe vor rund einem Jahr bei einem Treffen zwischen seiner und einer anderen Familie eine junge Frau kennengelernt. Da man sich in seiner Heimatstadt jedoch nicht einfach allein mit einer Frau treffen könne, sondern nur in Begleitung, habe er mit ihr monatelang eine Beziehung geführt, die nur aus Gesprächen am Telefon bestand. Er sei froh, dass er jetzt in Österreich ist, „weil es hier Freiheit gibt“.

Karrar Ahmed Alsaadi (20), Bagdad, Irak

Karrar hat ebenfalls seine Heimat verlassen, weil schiitische Milizen ihn zum Kämpfen zwingen wollten. Nachdem er von einer Miliz ein Monat entführt worden war, beschloss er, sich auf den Weg in die Türkei und von dort aus nach Europa zu machen und ist nun seit vier Monaten in Wien. Er sagt, er komme aus einer „liberalen“ Familie: Bei Entscheidungen in der Familie hatte stets seine Mutter und nicht sein Vater das Sagen. Kurz nach seiner Ankunft in Wien habe er sich in eine österreichische Flüchtlingshelferin verliebt, die beiden sind seitdem zusammen. Zu den Kölner Übergriffen sagt er: „Seitdem kommen einige Helfer nicht mehr in mein altes Flüchtlingscamp.“

Saif Rahman Khialzadh (25), Laghman Provinz,
Afghanistan

Saif war fünf Jahre lang in einer Spezialeinheit der afghanischen Armee. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und zwei Söhne. Seine Familie ist in Afghanistan geblieben. Geflüchtet ist er wegen den Taliban-Milizen, die ihn mit dem Tod bedroht hätten. „Nur weil Frauen hier nicht verschleiert sind, ist es nicht leichter, mit ihnen eine Beziehung zu beginnen“, sagt der 25-Jährige.

Falls so etwas wie in Köln in seiner Heimat passiert wäre, hätten „die Täter nicht überlebt“, sagt er: „Entweder die Polizei oder die Familien der Opfer hätten sie umgebracht.“ So sei dort die Kultur.

Abdul Monir Karimi (25), Ghazni, Afghanistan

Abdul war wie Saif in einer Spezialeinheit der afghanischen Armee und ist vor den Taliban geflüchtet. Wie sich Frauen in Wien kleiden, findet er „noch immer etwas komisch“, er werde sich jedoch mit der Zeit daran gewöhnen. Abdul wolle eine österreichische Freundin finden, er mache sich allerdings keine Illusionen: „Ich glaube, es ist leichter, in Österreich eine Frau zu finden“, sagt der Afghane. „Aber mit einer Frau zusammenzuleben ist hier wahrscheinlich genauso schwer wie in Afghanistan.“

Die Täter von Köln hält er für „Tiere“, dass manche Schwimmbäder im letzten Monat Asylwerbern ohne Begleitperson den Zutritt verwehrt haben, findet er „traurig“. „Ich kann auch allein ins Schwimmbad gehen“, sagt der 25-Jährige, „ich brauche keinen, der auf mich aufpasst.“ Was ihn jedoch momentan am meisten störe, sei, dass er nicht arbeiten darf.

Habib Ullah Mollakhel (18), Laghman Provinz,
Afghanistan

Habib ist ausgebildeter KFZ-Mechaniker, seine Freunde nennen ihn „Gangster“. Einer der Gründe dafür sei, dass er sich in Afghanistan sexuell ausleben wollte, ohne zu heiraten; kein einfaches Unterfangen in seiner Heimat.

Deshalb, so erzählt er, habe er oft mit seinem Toyota Frauen besucht, die ihn auf Facebook angeschrieben haben. „Für den Fall, dass ich erwischt werde, hatte ich immer ein Gewehr zur Verteidigung im Auto.“ Auf die Frage, ob er in Österreich Frauen kennenlernen will, sagt er: „Ich muss nicht hinter Frauen her sein, die kommen auf mich zu.“

Niemeh Dabbas (24), Damaskus, Syrien

„In Damaskus kleiden sich Frauen fast genau so wie hier“, sagt der junge Mann christlichen Glaubens, der seit knapp drei Monaten in Wien ist. „Vor dem Krieg in Syrien konnte man dort auch ohne Probleme am Abend in Clubs gehen. Frauen kennenzulernen ist aber in Wien einfacher“, sagt Niemeh.

Er will, dass, wenn er eines Tages eine Tochter hat, sie Ärztin, Anwältin oder Ingenieurin wird. Zur Sexualität sagt er: „Ich werde meine Kinder so erziehen wie meine Eltern es bei mir getan haben: Sobald ich erwachsen war, durfte ich meine eigene Einstellung dazu haben.“

Ahmad Mansour (28), Aleppo, Syrien

Ahmad hat als Koch gearbeitet, seine wahre Leidenschaft sei jedoch zu singen, verrät er. Im nun völlig zerstörten Aleppo hatte er eine Band, mit der er jahrelang arabische Musik gemacht hat.

Geflüchtet ist der Syrer nach eigenen Angaben, weil er nicht in die Armee des syrischen Regimes eingezogen werden wollte. „Vor dem Krieg weiß ich aus Syrien nichts, was mit Köln vergleichbar ist; jetzt passiert so etwas dort regelmäßig“, erzählt der 28-Jährige. Auch Ahmad wünscht sich, dass seine zukünftige Ehefrau ein Kopftuch trägt, doch dazu zwingen, sagt er, würde er sie nicht.

FRAUENBILD

Zur Rolle der Frau haben junge Männer, die nach Österreich geflohen sind, unterschiedliche Ansichten. „Die Presse am Sonntag“ bringt einen Überblick.

In der Silvesternacht kam es in Köln beim Bahnhof und vor dem berühmten Dom zu zahlreichen sexuellen Übergriffen gegenüber Frauen. Die Täter wurden als junge, in Gruppen auftretende Männer, mutmaßlich aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum stammend, beschrieben. Die Polizei hatte die Lage nicht unter Kontrolle. In den Tagen danach langten immer mehr Strafanzeigen ein, mittlerweile sind es mehr als tausend.

Anmerkung der Redaktion

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2016)

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