Gesellschaft: Stadt, Land – und nichts im Fluss

Lang gingen Soziologen davon aus: Die Unterschiede zwischen Stadt und Land lösen sich auf. Aber nicht erst die Präsidentenwahl zeigt: Die Kluft der Werte wird sogar größer.

Oesterreich, Land Salzburg, Zell am See von der Schmittenhoehe aus gesehen
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Oesterreich, Land Salzburg, Zell am See von der Schmittenhoehe aus gesehen
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Wiener sind gern auf dem Land. Fürs Wochenende, im Waldviertel oder am See. Sie suchen Ruhe, meiden meist den Kontakt. Umso größer der Schreck für viele am Wahlsonntag, als sie die politisch eingefärbte Österreich-Karte sahen: alles blau, mit wenigen grünen Punkten – Wien und die Landeshauptstädte. Warum, fragten sich diese Großstädter, denken und fühlen die Leute dort draußen so anders als wir? Und viele Landbewohner starren voll Misstrauen auf die „Schickeria“ der Kapitale, auf Van-der-Bellen-Chöre in U-Bahn-Stationen. Der Graben zwischen urbanen und ruralen Werten tut sich auf. Gähnend und gefährlich.

Hier also die liberalen, weltoffenen Städter, dort die konservative, dem Fremden abholde Landbevölkerung: Ist das nicht eine zum Klischee erstarrte Weisheit? Schon Ferdinand Tönnies, der Urvater der deutschen Soziologie, stellte „Gemeinschaft und Gesellschaft“ gegenüber. Kleine, homogene Gruppen, von der Familie bis zum Dorf, können ihre intensive Solidarität noch auf die Norm des Gleichseins gründen, auf nivellierende Sitten und subtile Sanktionen für Abweichler. Komplexe Gruppen müssen lernen, wie man sich auf engem Raum aneinander reibt, ohne heiß zu laufen. Um ihre Interessen auszugleichen, bilden sie eine neutrale Arena des Öffentlichen, mit formalen Regeln der Toleranz und Pluralität. Die weiter existierenden Gemeinschaften empfinden diese Regeln als Zumutung von außen.

Spätere Soziologen ließen das Thema fallen, warfen den alten Hut zum Müll. Sie hatten gute Gründe zu glauben, der urbane Lebensstil erobere die Fläche: Die Landwirtschaft verlor ihre Bedeutung. Erwerbstätige pendeln in die Stadt. Distanzen schrumpfen. Fernsehen und Internet tragen die ganze Vielfalt von Lebensformen in die gute Stube. Wenn die Welt zum virtuellen Dorf wird, hat das reale Dorf ausgedient. Aber es gab auch immer Mahner. Vor 40 Jahren stieß Claude Fischer auf die „kritische Masse“, die ein Gemeinwesen überschreiten muss, damit sich das typisch urbane Gebrodel von Subkulturen bildet. Daraus schloss der US-Soziologe: Die Stadt-Land-Differenz hält an. Vielleicht wird sie noch größer: Die Stadt wirkt als Magnet für unkonventionelle Menschen, wie auch für gut Gebildete, die dort mehr verdienen. Ihre Gegensätze inspirieren kulturelle Innovationen, die auf dem Land ausbleiben. Die Entfremdung nimmt zu – und schlägt sich in Wahlergebnissen nieder.

 

Kulturkampf in Amerika

Nicht nur in Österreich. Der Kulturkampf in Amerika tobt seit den 1980er-Jahren. Es geht dort um Waffenbesitz, Schulgebet, Todesstrafe, Abtreibung und Homo-Ehe. Die Fronten zwischen Republikanern und Demokraten verlaufen nicht, wie die Wahlberichterstattung suggeriert, zwischen den Bundesstaaten. Fast alle größeren Städte stimmten 2012 für Obama, selbst im streng konservativen Texas. Auch wenn Statistiker mitberücksichtigen, dass in Städten mehr Schwarze und Latinos leben, bleibt der Befund: Die Größe des Wohnortes prägt die politische Einstellung.

Steckt hinter dieser Konfliktlinie eine andere, die wohlbekannte zwischen Reich und Arm? Geht es gar nicht um die geografische Randlage, sondern um die ökonomische? Da passt vieles nicht zusammen: Wohlhabende Tourismusgemeinden sind FPÖ-Hochburgen. Bayern ist die reichste Region Deutschlands und zugleich die strukturkonservativste. Ausgerechnet Spanien mit seinen 20 Prozent Arbeitslosen kennt keinen Rechtspopulismus. Nein, das Sein bestimmt nicht das Bewusstsein. Es geht um Werte. Sogar bei der Jugend, wie heimische Studien zeigen. Die Balken gehen auseinander bei der Frage, wen die Jugendlichen nicht als Nachbarn wollen: Muslime, Ausländer, Roma, Schwule.

Dennoch zog einst Friedrich Dürrenmatt, zweifellos ein Progressiver, hinaus aufs Land. In dieser Nachbarschaft fühlte sich der Schweizer Schriftsteller wohler, „der Vielfalt des Lebens näher“ als in einem Stadtviertel, dem „Ghetto nach Einkommensklasse“. Sind der Schützenverein und der Kirchenchor auf Dauer sogar bessere Schulen der Toleranz? Dort finden ganz unterschiedliche Menschen zueinander, nur weil sie zufällig in der gleichen Gemeinde leben. Dann passiert, was ältere Reiseführer für entlegene Regionen versprechen: Die Leute gehen nicht offen auf Fremde zu. Aber wenn sie jemanden ins Herz schließen, dann für immer.

In den Städten sind soziale Kontakte unverbindlicher. Hinter der Toleranz steckt oft Gleichgültigkeit, kein Mehr, sondern ein Weniger an Empathie. Im Aneinander-Vorbeileben formieren sich Gruppen von Gleichgesinnten, aber auch zwischen ihnen lässt sich wechseln. „Facebook light“ nennt das Markus Freitag. Dabei trägt gerade der Schweizer Politologe das Dorf zu Grabe: Wo Gasthäuser, Postämter und Bahnschalter zusperren, werde der ländlichen Gemeinschaft der Boden entzogen. Wenn der Marktplatz verwaist, wächst die Einsamkeit: Das Internet wird auf dem Land viel stärker genutzt als in der Stadt.

Für Matthias Horx ist die Flucht in die Metropolen trotz allem die Versicherung für eine friedliche Zukunft. Der Trendforscher hat die Bedrohung der Menschheit durch Fundamentalismus im Blick. Er hofft auf die „globale Urbanität“, durch das weltweite Anwachsen der Großstädte, „in denen Menschen unterschiedlicher Religion und Kultur zusammenleben, ohne sich zu massakrieren“. Wenn die Stadt wirklich Brutkasten sozialer Innovation ist, mag noch mehr glücken: feste Formen von Gemeinschaft, die aus der anonymen Gesellschaft erblühen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2016)

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