25.05.2012 18:43 | Meine Presse Merkliste 0

Neue Grippe: Neue Studie gibt Entwarnung

02.09.2009 | 18:38 |   (Die Presse)

Das Ludwig Boltzmann Institut kritisiert in einer Studie, dass die Auswirkungen der Krankheit maßlos überbewertet werden. Die Kosten für die Vorsorge stünden in keiner Relation zum erwartbaren Nutzen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Seit Mitte April 2009 bekannt geworden ist, dass sich in Mexiko ein bisher nur unter Schweinen grassierendes Grippevirus auch unter Menschen verbreitet, hören die Alarmglocken nicht auf zu schrillen. Antivirale Medikamente sind ein Verkaufsschlager, Nationalstaaten investieren Milliarden von Euro in Schutzimpfungen gegen den vermeintlichen „Killer“. Einzig: Niemand weiß, wie gefährlich das Virus mit der Bezeichnung H1N1 (auch Neue Grippe oder Schweinegrippe genannt) wirklich ist.

Das Wiener Ludwig Boltzmann Institut (LBI) für Health Technology Assessment hält den gegenwärtigen Grippeaktionismus für „völlig unseriös“. Die Forscher haben weltweit nach objektivierbaren Daten zum Thema gesucht. Ihr Fazit: Todes- und Infektionsraten sind deutlich geringer als kommuniziert, veröffentlichte Opferzahlen mehr als nur fragwürdig. Insgesamt sei das Virus ernst zu nehmen, aber bei Weitem nicht so ernst, „wie es manche Politiker, Medien und deren Zuflüsterer tun“.

Die Forscher rund um Institutsleiterin Claudia Wild nennen konkrete Beispiele. Erst vergangene Woche hatte das Gesundheitsministerium via Boulevard der Bevölkerung eingeimpft, dass sich im kommenden Winter bis zu 2,4 Millionen Österreicher, das ist mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung, mit der Neuen Grippe infizieren könnten. Abhilfe schaffe nur der von der Republik beim Pharmariesen Baxter bestellte Impfstoff. Kosten für den Steuerzahler: 100 Millionen Euro (Quelle: Gesundheitsministerium).

Tatsächlich befällt das H1N1-Virus weniger Menschen als die „normale“ Grippe. In Australien etwa, wo mit dem Winter derzeit auch die typische Grippezeit zu Ende geht, ist die Infektionsrate sogar geringer als bei einer saisonalen Grippewelle (fünf bis 15 Prozent). Prognostiziert waren 22 bis 33 Prozent.

 

Seltsame Opferzahlen

Deutliche Kritik üben Institutsleiterin Wild, sie ist auch Mitglied des Obersten Sanitätsrates, und ihr Koautor Franz Piribauer an der mangelhaften Dokumentation über den Vorlauf der weltweiten Pandemie. So meldeten Großbritannien und Deutschland Ende August jeweils knapp 13.000 Infizierte seit der Entdeckung des Virus im Frühling. Während aber in Deutschland kein einziger Grippetoter beklagt wird, sind es im Königreich gleich 44. Wissenschaftlich erklärbar ist dieser Unterschied jedoch nicht, weder statistisch (Schwankungsbreite) noch medizinisch (unterschiedlich schwere Krankheitsverläufe bei gleichem Krankheitserreger). Auf Basis derart mangelhafter Daten Millioneninvestitionen zu tätigen bezeichnet Wild im Gespräch mit der „Presse“ als „aberwitzig“.

Und selbst wenn die Todeszahlen aus Großbritannien stimmen sollten (sie sind derzeit die höchsten in Europa), liefern sie keinen Grund zur Hysterie: Die saisonale Influenza fordert nach den Untersuchungen des US-amerikanischen Centers for Disease Control (CDC) pro 1000 Erkrankten durchschnittlich ein Todesopfer. Im Königreich sind es bei der Neuen Grippe derzeit 1,4.

Eine ganz andere Thematik greift eine aktuelle Forschungsarbeit auf, die an der Medizinuni Graz im Herbst 2008 erstellt wurde. Sie beschäftigt sich mit der volkswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Analyse der Influenza-Impfung. Demnach kostet jeder verhinderte Krankheitsfall das Gesundheitssystem 404,94Euro, jeder verhinderte Krankenhausaufenthalt kostet 25.365,30 Euro. Kosteneffizient ist demnach nur die Impfung von über 65-Jährigen, die pro geimpfter Person 58,64Euro spart. In Österreich gehören dieser Altersgruppe etwa 1,3 Mio. Personen an, das sind etwa 15 Prozent der Gesamtbevölkerung. Zum Vergleich: Der Vertrag mit Baxter sichert Österreich die Lieferung von 16 Millionen Impfdosen.

 

Fragwürdige Politberater?

Für Wild und ihr Team besteht daher ein eklatantes Missverhältnis zwischen der tatsächlichen Bedrohung und den Maßnahmen, die nun getroffen werden. Das ausschließlich der Politik vorzuwerfen sei unfair. „Der Gesundheitsminister ist auch nur ein vom öffentlichen Druck Getriebener, der reaktiv handelt“, sagt Wild. Man müsse jedoch hinterfragen, welchen Gruppen jene Experten nahestehen, die die Politik beraten und Medien Schreckenszahlen diktieren. Namen will Wild jedoch nicht nennen. „Da setze ich mich nicht in die Nesseln.“ Zu hinterfragen sei auch der empfohlene Einsatz (teurer) antiviraler Medikamente. Laut der Daten des amerikanischen CDC weisen bereits 98Prozent der Viren des H1N1-Stammes (Typ A) Resistenzen gegen das Medikament Tamiflu auf. Trotzdem wird es hierzulande empfohlen. Noch. Vergangene Woche wurden in Wien die ersten Fälle publik, in denen sich Kassenchefärzte weigerten, Tamiflu auf Rezept auszustellen, dem Druck der verschreibenden Ärzte aber schließlich nachgaben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2009)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

18 Kommentare
Gast: yvo
22.11.2009 21:19
0 0

Das Leben ist gefährlich

Das Leben ist gefährlich und endet mit dem Tod.
Das war immer schon so und wird auch immer so bleiben. Dass man aber die wertvolle Lebenszeit damit vergeudet sich jedes Jahr vor einem neuen Erreger zu fürchten ist irr.
Früher kannte man die Erreger nicht mal an denen man litt. Heute bekommt jeder einen Namen und füllt die Schlagzeilen, wenns nix Neues zu berichten gibt.

steinstark
03.09.2009 11:08
0 1

*kruzitürkennochmal*

jetzt hab ich waldsterben, sauren regen, tschernobyl, bse, sars, klimänderung, aids, vogelgrippe, genmanipulierte lebensmittel und was weis ich noch alles überlebt und auch die schweinegrippe soll ich unbeschadet überleben? auf nix ist mehr verlass :-(((

Antworten Gast: Marquis
03.09.2009 14:56
1 1

Re: *kruzitürkennochmal*

Your Death is reliable ! Note:
Life is a dangerous place, Nobody get`s out alive ! Foolproof !

Antworten antikarl
03.09.2009 14:09
1 1

Re: *kruzitürkennochmal*

Geben Sie bitte die Hoffnung nicht auf! Die nächste "Katastrophe" kommt bestimmt. Bin schon neugierig, was es diesmal wird. Vielleicht ein Riesenmeteorit. Das wäre etwas Neues. Vielleicht können wir in Zukunft darüber abstimmen, worüber wir uns "hysterisch" erregen oder fürchten wollen. Inzwischen noch viel Spaß am Weiterleben!

Gast: Agung
03.09.2009 10:52
0 1

Swine-Fu in GB

Warum in D keine Todesopfer und in GB 44 ?
Nun wenn in GB ein Patient mit Meningitis sich noch zusaetzlich mit H1N1 infiziert stirbt er an der Swine-Flu - laut Todesursache. In D verhaelt es sich anscheinend genau umgekehrt.
Mir ist in GB auch kein Fall bekannt das bis jetzt ein reiner H1N1 Todesfall zu beziffern waere.
Wer jedoch die Medien-Hysterie in GB kennt wird wohl einsehen das der Swineflu-Wahn meist in den Koepfen sitzt und nicht als toedliches Virus im Koerper.
Uebrigens haben die GB-healthauthorities 120 millionen Impfeinheiten geordert - 2fache Bevoelkerungsanzahl - da macht die Pharmazie einen ganz schoenen Umsatz.

Gast: Gast
03.09.2009 10:26
0 0

Journalismus

Journalismus!

Endlich mal wieder ein Zeitungsartikel der einen journalistischen Anspruch in einem qualitäts Blatt erheben darf.

Wären genau solche Artikel nicht der Auftrag der Medien, damit sich der breiten Öffentlichkeit (Konsumenten und Steuerzahler) die Möglichkeit auftut sich eine halbwegs objektive Meinung zu bilden.

Denn in der Vergangenheit hat man oft das Gefühl, dass die Medien auch die vermeintlichen Qualitätszeitungen die Interessen der Politik und der Konzerne als erweiterte Marketingabteilung abdrucken.

Ich (WIR) will (wollen) mehr davon, wo sind kritische Artikel zur Wirtschaftskrise, Klimaerwärmung, Kriegen, Integration, Kulturkampf und Sonstigem...

mfg
Gast

Antworten Gast: gast2
03.09.2009 13:07
0 0

Re: Journalismus

ich schließe mich voll udn ganz an.

Gast: Geschäftsmacherei
03.09.2009 08:14
0 1

Nicht unnütz und auf Kosten der Gesundheit und des Steuertopfes diese Impfhersteller reich machen

Kein einziger Toter in Deutschland.
Verlauf leichter als bei der normalen Grippe.
Bei normaler Grippe gibts Jahr für Jahr das x fache am Toten.

Impfstoff wirkt nur für Jetztzeit und ist wg Mutation in einem halben Jahr schon unwirksam

Kinder Schwangere Alte müssen vor unnützen Impfungen geschützt werden. Denn
WEGEN der Impfung erkranken die Leute.


Antworten Gast: Blondl
03.09.2009 10:53
1 0

Re: Nicht unnütz und auf Kosten der Gesundheit und des Steuertopfes diese Impfhersteller reich machen

Vorsicht: Deutschland hat mit eine der niedrigsten Obdukionsquoten.
Gut möglich, dass da einiges durch die Lappen geht - wird zumindest im Artikel nicht angesprochen.

Wer glaubt, mit einer Grippeimpfung imun zu werden, leigt eindeutig falsch!
Die Impfung kann bestenfalls schmerzhafte Nebenerscheinungen der Grippe ( hohes Fieber, Glieder- und Gelenksbeschwerden, Kopfschmerzen) lindern.
Keinesfalls ist die Impfung ein ausreichender Schutz überhaupt krank zu werden.
Übrigens: Jede Grippeschutzimpfung hinkt den Mutationen hinterher!!

Gast: fexi
03.09.2009 07:51
0 0

schon die vogelgrippe

war ein wollte sich nicht so recht ausbreiten und war daher ein wirtschaftlicher flop - jetzt versucht man¿s halt mit der schweinegrippe.

Antworten Gerald
03.09.2009 08:28
0 0

Re: schon die vogelgrippe

Da muss man schon differenzieren: Die Vogelgrippe hatte immerhin eine Mortalitätsrate von 40 - 50%, sie war also hochgefährlich. Glücklicherweise ist sie nur in Ausnahmefällen auf den Menschen übergesprungen. Die mediale Angstmache die betrieben wurde, war allerdings auch weit überzogen.

Die Schweinegrippe hingegen ist sogar noch harmloser wie gewöhnliche Grippewellen, eine Mortalitätsrate von 1-2% ist schlicht lächerlich gering. Die Schweinegrippe bringt vermutlich sogar mehr Nutzen als manche wahrhaben wollen. Durch so eine harmlose Variante ist die Bevölkerung in Zukunft schon vorimmunisiert gegen den H1N1-Stamm, d.h. es gibt dann auch schon einen guten Immunsystemschutz wenn die Schweinegrippe in Zukunft vielleicht zu einer agressiveren Variante mutiert.

Gast: Gast
02.09.2009 22:26
1 0

Schlecht informiert?

Großbritannien war mit Spanien eines der am stärksten und frühesten betroffenen Länder in Europa was die Schweinegrippe angeht. Was dazu führte, dass GB aufgrund des hohen administrativen Aufwands schon lange aufgehört hat, die Fälle alle im Labor untersuchen zu lassen oder auch nur zu zählen - von diesem Zeitpunkt an wurde nur noch geschätzt (und zwar im Bereich von rund 100.000 Fällen die Woche).

Das ECDC, von dem das Institut die Zahlen offensichtlich bezog, listet jedoch nur die Bestätigten. Deutschland war erst seit dem Beginn der Urlaubssaison stärker betroffen und hat die Fälle viel länger dokumentiert. D und GB sind in diesem Fall also nicht seriös vergleichbar.

Antworten megadoc
02.09.2009 22:39
2 1

Geschäft

Bin grundsätzlich zu Impfungen positiv eingestellt; trotzdem besteht sowohl bei der Hype Vogelgrippe als auch jetzt der Verdacht der Geschäftemacherei.

Antworten Antworten Gast: Gast
03.09.2009 08:20
0 2

Re: Geschäft

Um nicht falsch verstanden zu werden - auch ich halte die bestellten Mengen an Impfstoff für viel zu hoch.

Was ich hier kritisiere ist die unseriöse, geradezu populistische Art des Ludwig-Boltzmann Instituts mit den veröffentlichten Zahlen umzugehen.

Gast: pferdekopf
02.09.2009 21:21
3 1

danke!

endlich mal klare worte!
danke für die veröffentlichung!!

Antworten Gast: Forstwirt
03.09.2009 06:59
0 1

Re: danke!

Also wenn ich mich zurückerinnere, was sogenannte Veterinärexperten und "Veterinary public health" Experten über die Bedrohung durch BSE und Vogelgrippe-Ausbreitung von sich gegeben haben.
Schauderhaft - so viel Unwissen und Wichtigmacherei!

Gast: Konrad
02.09.2009 20:52
0 1

Was sagt bitte die WHO ?

Endlich mal was Neues. Interessant waere aber zu hoeren was die WHO - das die ganze Sache angeheizt hat - zu den Meinungen des Ludwig Boltzmann Institut sagt. Warum recherchiert Die Presse nicht statt einfach quasi vom LBI-Blatt abzulesen ?

Antworten Gast: Schiller
03.09.2009 10:35
0 1

Re: Was sagt bitte die WHO ?

Die WHO ist gekauft und lügt zum Nutzen einiger Machthaber.