Wiederansiedlung: Von Luchsen und ihren vielen Feinden

Beinahe ausgerottet, sollen sich Luchse im Nationalpark Kalkalpen ansiedeln und vermehren. Das Projekt war lang vom Pech verfolgt: Viel kritisiert, vor allem von Jägern, wurden Tiere von Wilderern erschossen oder erkrankten. Aber Artenschutzprojekte wie diese haben nicht nur Liebhaberwert, es gibt ökologische Gründe dafür. Ein Besuch im neuen Zuhause der ersten heimischen Luchse.

Erich Mayrhofer
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Erich Mayrhofer
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Einen Luchs sieht man selten. Sogar Erich Mayrhofer kennt „seine“ Luchse, für die er als Direktor des Nationalparks Kalkalpen verantwortlich ist, vor allem von den Fotos der Wildkameras und den Bewegungsprofilen ihrer Sender – und dreimal durfte er die Wildfänge aus der Schweiz aus ihren Transportboxen im Nationalpark freilassen. „Grundsätzlich kriegst du einen Luchs nicht zu Gesicht“, sagt er in einem Wald, der zum Lebensraum der Luchse im südlichen Oberösterreich gehört. Einen zu sehen? „Da hast du fast keine Chance.“ Selbst beim Auslassen der Luchse waren die „so schnell weg, so schnell kannst du nicht schauen. Blitzartig schleicht der durchs Gras, schlägt einen Haken, klettert eine Felswand hinauf und ist schon weg.“

Trotz der seltenen Begegnungen wird im Nationalpark Kalkalpen seit nunmehr bald 20 Jahren viel Energie, Zeit und Geld in die „Bestandsstützung“ und Wiederansiedelung der Luchse gesteckt. Von Beginn an ein umstrittenes Projekt – und einige Jahre lang schien es vom Pech verfolgt, fast zum Scheitern verurteilt: Jäger blockierten, ein Luchs musste wegen Krankheit eingeschläfert werden, davor sind sämtliche Kuder, die männlichen Tiere, verschwunden – begleitet von jahrelangen Gerüchten über Wilderei. Kürzlich wurde ein Wilderer verurteilt. Die jüngere Geschichte der Luchse in den Kalkalpen ist eine Geschichte von Wilderern, illegalen Machenschaften, vom ewigen Disput zwischen Jagd und Artenschutz – und, zuletzt, doch auch von Lichtblicken.


Und plötzlich war Klaus da. Aber, von Anfang an. Die Luchse waren hierzulande lang heimisch, sind aber um 1900 aus dem Alpenraum verschwunden. Ihre Geschichte ist die vieler Wildtiere: Der Lebensraumverlust, Rückgang der natürlichen Beutetiere und die direkte Verfolgung haben sie beinahe aussterben lassen. Aus dem Nationalpark Kalkalpen seien Luchse möglicherweise aber nie ganz verschwunden, sagt Mayrhofer, auch wenn man früher, vor Wildkameras und Peilsendern, nichts davon wusste. Möglich auch, dass sich jener erste Luchs aus dem Böhmerwald wieder angesiedelt hat. Jedenfalls wusste man seit 1998 von diesem Luchs, genannt Klaus. Anhand von Fährtenkartierung und Bewegungskameras stellte sich heraus, dass ein bis drei Tiere in der Region leben.

Ein Zoo, aus dem Luchse entwischen.
Eine Arbeitsgemeinschaft (Luka, Luchs in den Kalkalpen) wurde gegründet, darin waren von Landesbeamten, Jägern bis zu Tierschützern diverse Interessenträger versammelt, und in zehn Jahren entstand das Konzept, den Bestand zu stützen und zusätzliche Tiere anzusiedeln, um die Population auf eine genetisch breitere Basis zu stellen.

Zehn Jahre Dauer, das lag auch daran, dass das Projekt umstritten war. „Der Luchs ist der natürliche Nahrungskonkurrent des Jägers – zumindest, wenn der Jäger das Reh, das er schießt, auch isst. Und die Jagd und ihre Interessen sind bei uns besser geschützt als Arten“, sagt Mayrhofer – und lässt durchklingen, dass diese Rivalität nach wie vor besteht.

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(c) Die Presse

Schließlich ist die Geschichte der Luchse in Oberösterreich auch die von (vermuteten) Intrigen und offenen Konflikten: 2009 etwa wurde der zahme Luchs Pankratz (woher der kam, ist nicht ganz klar, es gab Spekulationen, er sei ein gefangenes Tier, das jemand ausgelassen hatte) von Jägern jedenfalls in der Nähe des Nationalparks gefangen und in den Tierpark Enghagen bei Windischgarsten gebracht. Mayrhofer protestierte heftig, die Jäger argumentierten, der Luchs verhalte sich nicht artgerecht, weil er einem Jäger eine Hirschkuh vom Geländewagen gezerrt hatte. Jedenfalls wurde der Luchs eingesperrt, entkam dann aber wieder aus dem Tierpark, just, als er keinen Sender trug. „Der Pankratz ist danach nie mehr aufgetaucht, vermutlich war das der erste illegale Abschuss.“

Luchs-Abschüsse gab es in der Zeit überhaupt mehr: 2010 sind in wenigen Monaten drei Luchse (unabhängig voneinander) aus ihrem Gehege im Tierpark Enghagen entkommen, obwohl der Zaun intakt war. Alle drei wurden daraufhin erschossen. Die Polizei ermittelte, es gab jede Menge Spekulationen, wer was wie manipuliert haben könnte. Geklärt hat sich das nie, der Zoo wurde später geschlossen.


Wie die Luchse verschwunden sind. In den Kalkalpen wurde 2012 der erste weibliche Luchs, Freia, freigelassen. Ein Wildfang des Partnerprojektes aus der Schweiz, wo es mittlerweile eine Population von rund 130 bis 150 Tieren gibt. 2013 sind weitere Tiere aus der Schweiz gekommen und waren, mit einem Sender ausgestattet, im Nationalpark unterwegs. Bis im Juni 2013 auffiel, dass von einem Luchs schon lang kein Signal mehr kam. „Man muss sich das wie bei einem Handy vorstellen. Die Sender senden nur bei Empfang, manchmal zweimal am Tag, dann, wenn der Luchs im Gebirge unterwegs ist, kommt Wochen nichts.“ Jedenfalls gab es die ersten Gerüchte, der Luchs Juro könnte abgeschossen worden sein. Im Nationalpark oder in den Wirtshäusern ringsum wurde viel spekuliert. „Es gab 50 bis 100 Hinweise.“ Den entscheidenden Hinweis brachte schließlich der Fasching 2014 – bis dahin waren vier Luchse, allesamt Kuder, verschwunden. Bei einem Faschingsumzug in Kleinreifling wurde nun auf einem Wagen eine Szene dargestellt, wie zwei Luchse mit Senderhalsbändern von Jägern erlegt werden. Das Landeskriminalamt ermittelte, bis schließlich in der Tiefkühltruhe eines Tierpräparators ein gefrorener Luchs gefunden wurde. Und beim Prozess, der kürzlich abgeschlossen wurde, flog auf, dass davon allerlei Leute wussten: In Steyr wurde ein 65-jähriger Jäger wegen des Abschusses eines Luchses zu einer Geldstrafe von 11.160 Euro verurteilt, zudem muss er dem Schutzgebiet 12.101 Euro ersetzen. Auch ein Tierpräparator und ein Fleischhauer wurden – unter anderem wegen Falschaussagen – zu mehreren Tausend Euro Strafe verurteilt. Die Frau des Jägers wurde schon im Jänner für einen Abschuss verurteilt – obwohl ihr Mann verdächtig war, hatte sie den Abschuss des gefundenen Tiers gestanden.

Die Staatsanwaltschaft geht aber davon aus, dass noch mehr Luchse erlegt wurden. Zwar wurden keine Kadaver gefunden, aber es gibt einige Hinweise. Beim nachgewiesenen Abschuss stützte sich die Staatsanwaltschaft etwa auf die Zeugenaussage einer Ex-Geliebten des 65-jährigen Jägers, der er detailliert von dem Abschuss erzählt und ihr entsprechende Handyfotos gezeigt haben soll. Ein weiterer Zeuge berichtete von Gerüchten, dass zudem „jemand aus dem Landesschulrat und ein Politiker“ weitere Luchse geschossen haben sollen, das ließ sich aber nicht verifizieren.

Auch ein Fleischhauer soll einem Tierarzt erzählt haben, dass er zwei Luchse in einer Tiefkühltruhe gesehen habe. Der Tierarzt meldete das dem Nationalpark. Der Fleischhauer wollte vor Gericht aber nur von zwei Luchsen in freier Wildbahn gesprochen haben, der Tierarzt will etwas durcheinandergebracht haben. Der Staatsanwalt ortete ein „gewisses Netzwerk“. „Was in diesem Verfahren gelogen wurde, ist herauszustreichen“, sagte der Richter – obwohl er einiges gewohnt sei.


„Artenschutz ist sehr teuer.“
Nationalpark-Direktor Mayrhofer hofft nun zumindest auf eine teilweise finanzielle Entschädigung, denn die „Wiederbeschaffungskosten“ eines Luchses aus der Schweiz ist teuer. Inklusive aller Untersuchungen, Transportkosten usw. legte das Gericht die Kosten mit 12.100 Euro fest. „Unsere Kosten sind aber viel höher, etwa 35.000 Euro Schaden pro Tier“, sagt er, schließlich müsse man Arbeitszeit, Kosten für Sender, für Fahrten etc. einrechnen. Die gesamten Kosten des Luchsprojekts, inklusive wissenschaftlicher Symposien, aller Arbeit in Behörden, ließen sich kaum beziffern, „aber Artenschutz ist sehr teuer. Das hört niemand gern, aber Artenschutz ist ein gesetzlicher Auftrag.“

Zahlt sich das Projekt angesichts all der Rückschläge überhaupt aus? Schließlich musste erst heuer im Frühling auch noch ein Tier, das zum Auswildern aus der Schweiz gebracht wurde, eingeschläfert werden, weil bei ihm das Feline Immundefizienz-Virus (FIV), man nennt das auch Katzen-Aids, nachgewiesen wurde.


Der Luchs hält Wild gesund. Projekte wie dieses haben nicht nur einen Liebhaberwert für Tierschützer, es gibt auch handfeste ökologische Gründe, Wildtiere wie den Luchs zu schützen und wieder anzusiedeln. „Der Luchs hat eine ökologische Schlüsselfunktion“, sagt Mayrhofer. Zum Beispiel, indem er das Wild konditioniert. „Er bewegt das Wild, treibt das Standwild herum, das wirkt sich auf den Gesundheitszustand aus. Das ist auch gut für die Vegetation. Wenn sich die Tiere bewegen, verbeißen sie nicht alles an einer Stelle“, sagt er.

Im Bayerischen Wald etwa wurde schon nachgewiesen, dass der Wildverbiss in den vergangenen Jahren dort, wo Luchse leben, zurückgegangen sei. Manche sprechen von einer Waldretterfunktion des Luchses – wenngleich man Faktoren wie hohen menschlichen Jagddruck, Änderungen im Waldbau usw. nicht vergessen darf. Und der Luchs wirke sich, so Mayrhofer, auch positiv aufs Geschlechterverhältnis des Wildes aus. Dort, wo es Jäger vor allem auf männliche Tiere, die Trophäenträger, abgesehen haben, sei das aus der Balance geraten. Wo der Luchs jagt und es keine Trophäenjagd gibt, sei es gelungen, dieses Missverhältnis wieder auszugleichen. „Der Luchs hat viele Funktionen, die man zu wenig beachtet“, sagt Mayrhofer.

Und nach all den Schwierigkeiten gibt es nun auch positive Nachrichten: Luchs Lakota, der derzeit einzige bekannte Kuder, dürfte im Frühling sein Interesse an zwei weiblichen Tieren entdeckt haben. Damit könnte bald Luchsnachwuchs im Nationalpark ins Haus stehen. Und auch die übrigen der derzeit fünf Luchse mit Sender in der Region konnten im ersten Halbjahr 2016 alle nachgewiesen werden.

Im Herbst oder Winter könnte noch ein zusätzliches männliches Tier aus der Schweiz ausgesetzt werden.


Hohe Strafen als Abschreckung. „Die jüngsten Entwicklungen sind sehr erfreulich“, sagt Mayrhofer. Wenn alle bekannten Luchse – zwei hatten schließlich mehrmals Nachwuchs, diese Generation trägt keine Sender mehr – noch am Leben sind, müssten es jetzt schon 13 bis 15 Luchse sein. Und gegen etwaige Wilderei sei man im Nationalpark nun auch besser gerüstet: Der sei dicht mit Wildkameras ausgestattet. Und auch die Berufsjäger seien täglich im Einsatz, sodass ein Abschuss nicht mehr unentdeckt bleiben würde, sagt Mayrhofer – und hofft, dass auch die hohen Strafen für den überführten Wilderer Nachahmer abschrecken.

In Zahlen

9000

bis 10.000
Luchse leben heute noch in Europa. Der Luchs ist in weiten Teilen Skandinaviens, Osteuropas und den Karpaten heimisch. Die Bestände in Mitteleuropa sind fast alle auf Wiederansiedelung zurückzuführen.

130

Luchse leben in der Schweiz, es ist die größte Population in den Alpen.

2

Regionen in Österreich sind (wieder) zur Heimat des fast ausgerotteten Luchses geworden: der Bereich des Böhmerwaldes bzw. das obere Mühl- und Waldviertel (fünf bis zehn Tiere in Österreich) und die Region Kalkalpen.

Der eurasische Luchs

Steckbrief. Zur Sicherheit (weil angeblich sogar Jäger größere Katzen mitunter für einen Luchs halten): Man erkennt einen Luchs an Haarbüscheln an den Ohren, hohen Beinen und seinem ausgeprägtem Backenbart. Luchse werden 80 bis 120 Zentimer lang, erreichen eine Schulterhöhe von 50 bis 70 Zentimetern.

Jungtiere sind etwa elf Monate alt, wenn sie ihre Mutter verlassen. Das Revier eines männlichen Tiers (sie sind Einzelgänger, und dulden in ihrem Revier keine männlichen Artgenossen) ist 120 bis 400 Quadratkilometer groß. Das Revier eines Männchens umfasst das Gebiet von ein bis zwei Weibchen.

In 46 Ländern Europas und Asiens ist der Luchs heute verbreitet. Im Alpenraum wurde er bis ca. 1900 fast ausgerottet, seit 1970 laufen Wiederansiedelungsprojekte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2016)

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