Die Stunde der Cyberkrieger

Cyberwar. Die Schlachtfelder der Zukunft wandern in den virtuellen Raum – mit realen Folgen. Dabei gewinnen Nachrichtendienste weiter an Bedeutung – auch in Österreich arbeitet man daran.

Der Soldat des 21. Jahrhunderts trägt nicht zwangsläufig Nachtsichtgerät, Splitterschutzweste und Sturmgewehr. Die Zukunft gehört anderen Typen. Typen wie M. zum Beispiel, smart im Auftreten, zivil gekleidet und äußerst verschwiegen. M. trägt als Standardwaffe nicht das StG 77 am Riemen, sondern einen Laptop unterm Arm. M., der sich grundsätzlich nur mit seinem Vornamen vorstellt, ist einer der ersten Cyberkrieger Österreichs und Bediensteter des Abwehramts, eines militärischen Nachrichtendienstes, dessen Auftrag – hauptsächlich, aber nicht nur – der Eigenschutz des Bundesheeres ist.

Spezialisten wie M. sind gefragt. Nachrichtendienste passen im Wettstreit um die besten Köpfe die Taktik dem Lagebild an: Während die IT-Branche mit hohen Gehältern lockt, werben die Militärs mit dem Nimbus des Verborgenen und einer Arbeit, die sonst verboten ist. Anders als die Industrie setzen Dienste weniger auf fertige Experten, sondern auf Talente, denen sie jene schmutzigen Tricks beibringen, die es für den Job braucht. Was Cyberkrieger wie M. tun?

Da hinter konventionellen Konflikten (Stichwort: Drohnen) heute gewaltige IT-Infrastrukturen stehen, versuchen Gegner, diese zu stören. Gleichzeitig ist das Internet eine Propagandamaschine, die Militärs im Rahmen hybrider Kriegsführung manipulieren. Und zuletzt wurden kritische Infrastrukturen wie Energie oder Telekommunikation mit der Vernetzung zu Zielen.

Beispiele: Kürzlich wurde bekannt, dass die deutsche Bundeswehr in Afghanistan die erste offensive Cyberoperation durchgeführt haben soll (Hack eines Mobilfunknetzes). Das US-Cyber-Command bekämpft im Netz seit April die Propaganda des Islamischen Staats. Und Russland, das schon vor Jahren Erstschläge gegen die IT-Netze von Estland und Georgien geführt haben soll, liefert sich derzeit mit der Ukraine eine Auseindersetzung im Cyberraum: Die Palette reicht von Webseiten-Hacks bis zum Angriff auf die Stromversorgung.


CDC: Österreichs Offensivwaffe

Da der Cyberraum keine Grenzen kennt und dort die Angreifer nicht immer eindeutig zu identifizieren sind, ist der Krieg im Netz wie geschaffen für Nachrichtendienste. Auch die Hemmschwelle, ihn zu führen, scheint zu sinken. Timo Kob, weltweit einer der führenden Experten auf dem Sektor und Berater der deutschen Bundesregierung, wies vor wenigen Wochen in einem „Presse“-Interview darauf hin, dass die Vernetzung die Grenzen des Krieges massiv ausweite. „Man muss seinem Gegner nicht immer gleich Panzer schicken, aber auf die Idee, stattdessen Hacker anzusetzen, könnte schon der eine oder andere Staat kommen.“

„Auch Österreich braucht dafür zumindest ein offensives Instrument“, sagt Rudolf Striedinger, Offizier im Generalsrang und Leiter des Abwehramts. „Nur die Hemmschwelle, darüber auch zu sprechen, war bisher groß.“ Das ändert sich gerade. Der vom 55-Jährigen geführte Dienst baut mit dem Cyber Defence Center (CDC) gerade Kapazitäten dafür auf. In welcher Größe, das fällt in die Kategorie Betriebsgeheimnis. Wobei in wohl kaum einer anderen Waffengattung Qualität mehr als Quantität zählt. Derzeit laufen Verhandlungen über die Ressourcen mit dem Bundeskanzleramt. Cyberkrieger M. gehört zu den ersten Mitgliedern eines Teams, das bereits jetzt in Teilbereichen einsatzfähig sei.

Einsätze des CDC sind nicht nur geheim, sondern streng reglementiert. „Tatsächlich erledigen diese Soldaten im Einsatz Aufgaben, die im Frieden verboten sind“, sagt Striedinger. Losgelassen wird die Cyberwaffe nur bei von der Regierung festgestellten Angriffen auf den Staat und Attacken gegen militärische Einrichtungen. Über einen möglichen dritten Einsatzfall, nämlich ein Cyberangriff auf eine kritische Infrastruktur Österreichs, wird hinter den Kulissen debattiert.

Auf einen Blick

Cyberwar nennt man über Computernetze geführte Angriffe auf den Staat. Die Digitalisierung hat nicht nur die Mittel, sondern vor allem die Zahl der potenziellen Ziele vervielfacht. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen konventionellen und hybriden Konflikten, weil moderne konventionelle Streitkräfte nur mit riesigen IT-Infrastrukturen funktionieren, die wieder Ziele von meist verdeckten Cyberangriffen sein können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2016)

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