Saalfelden.Düstere Trends zeigt der gestern, Donnerstag, veröffentlichte aktuelle Europol-Bericht zur organisierten Kriminalität in Europa. Denn erstmals stellten die Behörden fest, dass gefälschte Medikamente nicht nur über das Internet angeboten werden, sondern auch den Weg in Apotheken finden. Gerald Hesztera, ranghoher österreichischer Europol-Offizier im Hauptquartier in Den Haag, berichtete bei den Österreichischen Sicherheitstagen in Saalfelden: „Dabei handelte es sich nicht um ein falsches Potenzmittel, wie es häufig über das Internet zu beziehen ist, sondern um ein Krebsmedikament.“ Gesundheitsinspektoren konnten in einem nordwesteuropäischen Staat das Arzneimittel noch rechtzeitig, bevor es an Krebspatienten abgegeben wurde, aus dem Verkehr ziehen.
Rudolf Unterköfler, Ermittler für Wirtschaftsdelikte im heimischen Bundeskriminalamt, sagt, dass man „Ende 2007 knapp 30.000 gefälschte Pillen eines Potenzmittels aus dem Verkehr gezogen“ habe. Hinweise darauf, dass der von Europol aufgezeigte Apothekenfall auch in Österreich möglich wäre, gibt es derzeit keine.
Der Europol-Bericht wagt auch die Prognose, wonach die Produktpiraterie stark im Steigen sei. Der Schaden, der weltweit jährlich durch gefälschte Markenartikel entsteht, wird auf 140 Milliarden Euro geschätzt. „Zehn Euro für ein gefälschtes Lacoste-Hemd sind zehn Euro für die organisierte Kriminalität“, so Hesztera. Größte Umschlagplätze für derartige Lieferungen, die vor allem per Container aus Asien kommen, sind die Häfen Rotterdam (Niederlande) und Constan?a in Rumänien, der wichtigste EU-Hafen am Schwarzen Meer. Die rumänische Hafenstadt etabliert sich auch immer stärker als Markt für Kokain. Während in Rotterdam, wo jährlich 10,6 Millionen Container angeliefert werden, ein ausgeklügeltes Computersystem Zoll und Polizei bei der Erkennung von verdächtigen Gütern unterstützt, gibt es in diesem Bereich in Rumänien laut Europol noch Nachholbedarf.
Umschlagplatz für Drogen, die letztendlich in Österreich ebenso ihre Endabnehmer finden, ist auch Rotterdam. Als Zentren organisierter Kriminalität werden weiters Häfen auf der iberischen Halbinsel immer bedeutender. Da die Kokainproduktion in Kolumbien immer mehr unter staatlichen Druck gerät, werde es künftig vermehrt Drogenanbaugebiete in Afrika geben. Es sei bereits jetzt bemerkbar, dass westafrikanische Staaten als Transitländer für Lieferungen von Südamerika nach Europa benutzt werden. Das zunehmende Delikt des Menschenhandels werde meist über das Baltikum und Bulgarien abgewickelt. Hier spielt auch der Handel mit Kindern eine enorme Rolle, die dann in vielen westeuropäischen Staaten als Bettler auf die Straße geschickt werden. Bulgarien sei zudem weiterhin ein Zentrum für die Fälschung von Euro-Noten.
Kriminelles „Franchise“-System
Europol stellt außerdem fest, dass Firmen mit kriminellem Hintergrund verstärkt in die legale Wirtschaft drängen. Gewinne aus kriminellen Geschäften müssen legal angelegt werden. So erkannten die Experten, dass Ruinen wie leer stehende Fabriken oder Häuser in zahlreichen Ländern billig gekauft und mit illegalen Arbeitern und auf kriminelle Weise beschafften Baumaterialien renoviert werden. Danach bieten die „Investoren“ die Immobilie sehr teuer an. „Das dient zur Geldwäsche“, so Hesztera.
Auch der Mehrwertsteuerbetrug durch den Handel mit Emissionszertifikaten ist laut EU-Polizeibehörde stark im Steigen. Es sei auch keine Seltenheit, dass organisierte Gruppierungen Experten „kaufen“, die dann gezielt die Politik infiltrieren, Polizei und Richter denunzieren, aber auch versuchen, Druck auf Medien auszuüben. Ebenfalls ein neuer Trend: Etablierte kriminelle Organisationen geben anderen, kleineren Gruppierungen nicht selten in einer Art Franchise-System ihren „Markennamen“.