Das Downsyndrom im „Planquadrat“

Menschen mit DS gelten als Sympathieträger, aber kaum ein Kind kommt mehr damit zur Welt: Bis zu 95 Prozent werden abgetrieben. Vereine und Kirche wollen nun gegensteuern.

Szene aus „Dear Future Mom“: Die Ausstrahlung wurde in Frankreich untersagt.
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Szene aus „Dear Future Mom“: Die Ausstrahlung wurde in Frankreich untersagt.
Szene aus „Dear Future Mom“: Die Ausstrahlung wurde in Frankreich untersagt. – (c) YouTube

Wien. Im Internet sind Menschen mit Downsyndrom derzeit Stars. Eine junge Frau, die in Frankreich jüngst das TV-Wetter angesagt hat, erhielt Millionen Likes und Präsenz auf zigtausenden Websites. So wie auch Madeline Stuart, eines der ersten Models mit Downsyndrom (DS). Athleten, die in Schladming bei den Special Olympics antreten, werden für ihre Fähigkeiten gelobt, besonders jene mit DS gelten als Sympathieträger. Im Alltag ist die Situation eine andere. Kinder mit DS sieht man kaum mehr, 90 bis 95 Prozent aller Föten, bei denen Trisomie 21 diagnostiziert wird, werden abgetrieben. Das sind Schätzungen, denn Zahlen von Abtreibungen oder DS-Babys, die zur Welt kommen, gibt es nicht, kritisieren Interessenverbände.

 

„Hat man das nicht gewusst?“

Entscheidet sich ein Paar für ein Kind mit DS, höre es nach wie vor Fragen wie „Hat man das denn nicht gewusst?“, wie Anna Wieser von Down-Syndrom Österreich und Mutter einer 21-Jährigen mit DS, bei einem Symposium in Wien erzählt. Dazu hat das Institut für Ehe und Familie der Bischofskonferenz im Vorfeld des Welt-Downsyndrom-Tags am 21. März geladen. Und aus politischen Anlässen: Im Wiener Gemeinderat wurde Anfang März ein ÖVP-Antrag zur Unterstützung von Kindern mit DS, der eine Neugeborenen-Info-Box des Vereins Down-Syndrom Österreich in Spitälern beinhaltet hätte, von SPÖ und Grünen abgelehnt.

Zuletzt wurde in Frankreich die Ausstrahlung des TV-Spots „Dear Future Mom“ untersagt. Darin erklären 15 DS-Kinder einer Schwangeren, die vor der Entscheidung über einen Abbruch steht, was für ein Leben dieses Kind hätte. Es werde glücklich sein, eigenständig leben, arbeiten usw.

Der Spot wurde in Cannes ausgezeichnet und auf einigen Sendern ausgestrahlt, bis der französische Verwaltungssenat für Rundfunk entschied, er dürfe nicht im Werbeblock laufen. Er verfolge kein allgemeines Interesse und sei geeignet, Frauen, die einen Abbruch hinter sich haben, Schuldgefühle zu machen. In Österreich wäre eine solche Entscheidung nicht denkbar, sind sich Anwalt Gerald Ganzger und Michael Straberger, Präsident des Österreichischen Werberats, beim Symposium einig.

Auch Kardinal Christoph Schönborn hat sich am Freitag beim Abschluss der Bischofskonferenz in die Debatte eingeschaltet: Jüngste Entwicklungen seien für Menschen mit DS bedrohlich. Es gebe oft subtilen Druck auf Frauen bei Schwangerschaftsuntersuchungen. „Diese Tendenzen tragen zu einer latent vorhandenen eugenischen Grundhaltung bei, die zutiefst abzulehnen ist.“

Auf mitunter einseitige Beratung deuten auch die Berichte von Anita Weichberger, Psychologin am Wiener AKH, hin: Ärzte würden in der Beratung oft Defizite und Negatives betonen. Auch sei angesichts der Schocksituation nach einer Diagnose keine Entscheidung möglich. „In Deutschland sind drei Tage Frist zwischen Diagnose und Entscheidung gesetzlich festgelegt, in Österreich gibt es das nicht.“ Auch wenn am AKH etwa diese Frist trotzdem gilt.

Anna Wieser kritisiert eine Fahndung nach DS per „Planquadrat“ (aber nicht Pränataldiagnostik an sich, die auch Leben retten kann). Besonders nach OGH-Urteilen, denen zufolge Ärzte auf Schadenersatz geklagt werden können, wenn jemand ein Kind zur Welt bringt, dessen Behinderung pränatal hätte diagnostiziert werden können. Angesichts der Diagnostik „stehen wir auf verlorenem Posten“, sagt Wieser. Aber es gebe auch Positives: Wurde DS früher als schwere Bürde gesehen, seien Eltern heute viel selbstbewusster.

Und in Wien dürften wieder mehr Kinder mit DS zur Welt kommen, darauf deuten interne Statistiken der DS-Ambulanz des Wiener Krankenanstaltenverbunds hin: Dort wurden zuvor jahrelang stets 20 bis 25 Kinder betreut, 2015 schon 27, 2016 sogar 30 DS-Kinder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2017)

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