Mordprozess

Eifersuchtsmord oder Unfall?

Einst war er Vorstandsmitglied einer österreichischen Privatbank. Dann traf eine Pistolenkugel seinen Stiefbruder in den Kopf. Nun steht S. wegen Mordes vor Gericht.

 Die Exfrau des Beschuldigten ist Staatsanwältin in Wien. Weil die Justiz dort befangen sein könnte, übersiedelte der Prozess ans Landesgericht Korneuburg.
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 Die Exfrau des Beschuldigten ist Staatsanwältin in Wien. Weil die Justiz dort befangen sein könnte, übersiedelte der Prozess ans Landesgericht Korneuburg.
Die Exfrau des Beschuldigten ist Staatsanwältin in Wien. Weil die Justiz dort befangen sein könnte, übersiedelte der Prozess ans Landesgericht Korneuburg. – (c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)

Es ist einer der spektakulärsten Mordprozesse des Jahres. Schauplatz: das Landesgericht Korneuburg (Niederösterreich). Die Besonderheit der Strafsache: Die handelnden Personen entstammen den sogenannten höheren Kreisen der Gesellschaft. Der heute, Montag, startende Prozess ist für drei Tage anberaumt. Der Angeklagte, S. (45), saß im Vorstand einer österreichischen Privatbank. Das Opfer, zwei Jahre jünger als S., war im höheren Management eben dieser Bank beschäftigt. Noch zwei Komponenten kommen dazu, die Stoff für einen Roman böten. Der Erschossene war der Stiefbruder von S. Und: Die Exfrau des Angeklagten ist eine Wiener Staatsanwältin.

Vor dem Schuss floss Alkohol

Dieser Umstand ist der Grund, warum die Justiz sowohl mit den Ermittlungen als auch mit der Gerichtsverhandlung nach Korneuburg übersiedelte. In Wien wären praktisch alle Staatsanwälte und auch alle Richter befangen gewesen – zumindest wäre der Anschein der Befangenheit vorgelegen. Was war geschehen? In der Nacht auf den 18. September 2015 fällt ein Schuss. Ort der Szene: Die in Wien-Währing liegende Wohnung des Topbankers S. Frontal in den Kopf getroffen sackt der auf einem Barhocker an der Küchentheke sitzende Stiefbruder von S. in sich zusammen und stirbt. S. räumt seine Waffe, eine Glock 22 Gen4, in den Tresor. Dann versucht er seine Exfrau, die Staatsanwältin, telefonisch zu erreichen. Dies gelingt aber nicht. Dann, etwa 20 Minuten nach Schussabgabe, ruft er die Polizei an.

Es sei ein tragischer Unfall gewesen, sagt S. seither. Er und sein Stiefbruder seien zusammen gesessen, hätten vorher gegrillt und reichlich Bier und Wein getrunken. Seine Exfrau sei auch eingeladen gewesen, aber nicht gekommen. Er müsse unbedacht mit der Waffe hantiert haben, er habe nicht gewollt, dass sich ein Schuss löst. Also – ins Juristische übersetzt: „Fahrlässige Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen“, Strafdrohung: bis zu drei Jahre Haft. „Mein Mandant hatte auch gar kein Motiv“, erklärt der Wiener Anwalt Rudolf Mayer, einer der bekanntesten Strafverteidiger Österreichs.

Die Korneuburger Staatsanwältin Gudrun Bischof geht mit einer völlig anderen Position in den von Richterin Anna Wiesflecker geleiteten Geschworenenprozess. S. habe sehr wohl ein Motiv gehabt, ein klassisches Motiv: Eifersucht. Und sie fügt in ihrer Anklageschrift noch ein Detail an: „Bei (...) Auswertung des Apple iPhone 6 Plus des Beschuldigten wurde festgestellt, dass sämtliche Telefonprotokolle vom 17. 9. 2015 und 18. 9. 2015 aus dem Telefonspeicher gelöscht waren, sodass davon auszugehen ist, dass der Beschuldigte nach Schussabgabe und vor seiner Verhaftung sämtliche Telefongespräche (...) bewusst gelöscht hat.“

Obszöne Nachricht am Handy

Aber warum Eifersucht? Weil S. laut einem Informatikgutachten die iMessages, „die Nachrichten“ (Zitat Gutachten), die seine Exfrau mit ihrem Smartphone „verschickte und empfing“, mitlesen konnte. Das Smartphone von S. und jenes von der Staatsanwältin seien „synchronisiert“ gewesen. Und tatsächlich fand sich am Smartphone der Frau eine reichlich anzügliche Nachricht des später Getöteten. Führte diese Nachricht zu einem Eifersuchtsmord? Die Verteidigung bestreitet, dass S. diese obszöne Nachricht überhaupt gelesen habe. Und Bekannte und Angehörige von S. erklären, ihnen sei nichts aufgefallen, das auf ein mögliches Verhältnis zwischen der Staatsanwältin und dem Stiefbruder hingedeutet hätte. Unbestritten ist, dass S. seine Exfrau nach wie vor liebt. „Bei mir ist es so, dass ich noch meine Exfrau liebe und an ihr hänge“, sagte der einstige Topbanker im Zuge einer Tatrekonstruktion.

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