Drogen am Steuer: Ein Delikt fast ohne Kontrolle

Das Kuratorium für Verkehrssicherheit kritisiert „einen Umgang wie vor 20 Jahren mit Alkohol“: Drogen am Steuer bleiben weitgehend ohne Konsequenz, die Dunkelziffer dürfte hoch sein.

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Wien. Ein Joint, und dann eine kurze Autofahrt? Nur der Heimweg, eine Strecke, die man gut kennt? Es bleibt gewöhnlich ohne Konsequenz. Die Zahl der Anzeigen wegen Drogen am Steuer ist gering, die Dunkelziffer vermutlich hoch. Selbst, wenn es zu einem Unfall kommt, Drogen am Steuer bleiben oft unentdeckt.

„Wir vermuten eine Beeinträchtigung bei vielen scheinbar unerklärlichen Alleinunfällen, bei denen man dann von Ablenkung spricht“, sagt Othmar Thann, der Direktor des Kuratoriums für Verkehrssicherheit und fordert mehr Kontrollen. Mit Drogen am Steuer, sagt er, gehe man heute vielfach um wie vor 20 Jahren mit Alkohol: „Es gilt die Devise: Schauen wir nicht hin, dann brauchen wir nichts machen.“

Im Vorjahr sind in Österreich jedenfalls 1491 Fahrzeuglenker wegen der Beeinträchtigung durch Drogen angezeigt worden, knapp 40 Prozent mehr Anzeigen als im Jahr zuvor. (Zum Vergleich: Wegen Alkohol am Steuer wurden 2016 in Österreich 27.896 Personen angezeigt.) Auffallend bei Drogenlenker-Aufgriffen: Die Zahl der Anzeigen wegen Drogenkonsums am Steuer ist in Wien verhältnismäßig hoch. Am Land wird man tendenziell seltener dabei überführt. Experten vermuten, dass das mit der Verfügbarkeit von Amtsärzten zusammenhängt, die Drogeneinfluss feststellen müssten. Denn während die in Wien nachts verfügbar sind, müsste man sie am Land eigens anfordern.

 

Polizei erprobt Speicheltests

Der KfV ortet in Österreich jedenfalls grobe Mängel, was die Kontrollen betrifft – und eine entsprechend hohe Dunkelziffer, so Thann. Er forderte nun den Ausbau des Pilotprojekts mit Vortestgeräten für die Polizei. Seit März stehen der Polizei im Rahmen eines Projektes neun Speichelvortestgeräte zur Verfügung. Vermutet eine Beamter eine Beeinträchtigung, kann ein Autofahrer mit dem Gerät via Mundhöhlenabstrich auf einschlägige Substanzen (bzw. auf deren Konsum in den vergangenen bis zu 24 Stunden) getestet werden. Das Vortestgerät testet dabei auf sechs chemische Hauptgruppen, darunter Cannabis, Ecstasy, Opiate, Kokain, Methamphetamine und Amphetamine. Schlägt es an, geht es abermals zum Amtsarzt, der einen Bluttest durchführt.

In Deutschland genügt bereits der Speicheltest, um eine Strafe zu verhängen. In Deutschland sind auch die Aufgriffszahlen von Drogenlenkern höher, immerhin wird auch öfter getestet: In Bayern etwa steht jeder Polizeiinspektion so ein Speicheltestgerät zur Verfügung, während es in Österreich nun eines pro Bundesland gibt. Diese werden bisher vor allem im Zuge von Planquadrat-Aktionen getestet.

Thann sprach sich für eine Erhöhung des Kontrolldrucks in Österreich aus. Außerdem sollten in Sachen Drogen im Straßenverkehr „Zahlen und Fakten auf den Tisch“ gelegt, Dunkelziffern erhoben und Korrelationen mit Unfallzahlen erstellt werden. Da gibt es für Österreich bisher kaum Forschungsergebnisse. Europäische Daten gehen jedenfalls davon aus, dass in Europa etwa vier Prozent ein Fahrzeug lenken, obwohl Drogen oder Medikamente ihr Konzentrations-, Wahrnehmungs-, Urteils-, und Reaktionsvermögen beeinträchtigen.

 

Zehn Mal höheres Unfallrisiko

Das Risiko, als Lenker verletzt oder getötet zu werden, sei laut Forschungen des EU-Projektes „Druid“ unter Drogeneinfluss zehn Mal höher sei als im nüchternen Zustand. „Und da gibt es ja nicht nur den Drogenlenker selbst, sondern meist auch weitere Unfallopfer“, sagt Thann. „Uns geht es nicht um Drogenpolitik, sondern um Verkehrssicherheit.“ Er hofft auf einen ähnlichen Effekt wie durch Einführung flächendeckender Alkoholvortestgeräte: Da wurde die Zahl der Kontrollen innerhalb weniger Jahre vervielfacht, die Zahl der Alko-Unfälle ging zurück. (cim)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2017)

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