Bevor Sie Bundesgeschäftsführer der Gründen wurden, waren Sie viele Jahre Generalsekretär der Caritas. Sie sind aktives Kirchenmitglied, macht Sie der Umgang der katholischen Kirche mit den Missbrauchsfällen traurig oder zornig?
Stefan Wallner: Ich bin enttäuscht und wütend, wie viele. Und weil ich selbst drei Kinder habe, frage ich mich, was das für die betroffenen Kinder und ihre Eltern heißt. Es gibt wohl kaum Grausameres. Deshalb fordere ich von der Kirchenleitung jene Konsequenz, die sie oft von anderen fordert.
Welche Konsequenz meinen Sie?
Es braucht einen Entschädigungsfonds, gespeist von der Kirche und von anderen Trägern, die Internate betreiben. Und um jeden Geruch von Schweigegeld zu vermeiden, müssen den Fonds unabhängige Experten verwalten.
Wofür soll der Fonds sein? Für Therapien?
Es geht um eine Entschädigung für erlittenes Leid und seine Folgen. Das reicht aber nicht: Die Kirchenleitung ist dringend gefordert, eine unabhängige Untersuchungskommission einzusetzen. Und es muss eine kirchliche Selbstverpflichtung zur Anzeige geben.
Kann das allein Missbrauch verhindern?
Nein. Ich frage mich, wie das mit der Personalrekrutierung und der Ausbildung des kirchlichen Personals ausschaut.
Und spielt der Zölibat eine Rolle?
Man bekommt den Eindruck, dass der Zölibat für manche Leute, die ein unreifes, krankhaftes Sexualverhalten haben, ein Deckmantel ist, unter dem man sich verstecken kann. Der Zölibat ist ja auch nichts, was den Kern der Lehre betrifft, sondern nur eine Art, sich zu organisieren.
Sind Sie für die Abschaffung des Zölibats?
Ich kenne über die Jahre mehr Priester, die den Zölibat nicht leben, als solche, die ihn konsequent leben – in freiwilligen heterosexuellen oder homosexuellen Beziehungen. Da habe ich kein Problem damit. Ich würde mir nur mehr Ehrlichkeit erwarten. Die Leute in den Pfarren wissen sowieso, wer die Freundin oder der Freund vom Pfarrer ist. Man darf vor allem die Beziehung unter Erwachsenen nicht mit Missbrauch und Gewalt vermischen. Vielleicht verhilft ja die Dramatik der Situation zu mehr Ehrlichkeit und entsprechenden Konsequenzen.
Apropos ehrlich: Haben Sie Ihren Wechsel zu den Grünen schon bereut?
Keineswegs.
Gar so gut läuft's aber nicht, oder? Sonst müssten die Grünen doch einmal vom Absturz der SPÖ profitieren.
Wir profitieren. In Vorarlberg haben wir letzte Woche in Wahrheit dort, wo wir angetreten sind, zehn Prozent gewonnen. Aber weil wir in weniger Gemeinden angetreten sind, wurde das nicht so sichtbar. Und im Burgenland werden wir auch stärker zulegen bei dem Kurs, den Hans Niessl fährt. Er lässt ja keinen populistischen Fettnapf aus, beim Flirten mit rechts. Da sind wir ein Angebot für die Weltoffeneren in der Sozialdemokratie.
Sie fischen also im linken Wählerteich? Rechts ist wohl ohnehin weniger zu holen.
Es gibt auch viele, die über die ÖVP empört sind. Die hat sich in der schwarz-blauen Koalition offensichtlich mit dem Haider-Virus infiziert und setzt eiskalt alle Forderungen des Ausländer-raus-Volksbegehrens der Neunzigerjahre um.
Die ÖVP versucht sich zumindest im Themensetting, auch im Sozialbereich.
Der Tonfall, den Pröll und sein Generalsekretär Kaltenegger an den Tag legen, ist aber unglaublich. Sie brechen eine Sozialschmarotzerdebatte vom Zaun, operieren mit falschen Zahlen und betreiben so Gesellschaftsspaltung.
Darf man nicht nachfragen, ob sich Arbeit lohnt oder ob der Sozialstaat überbordet?
Es ist zynisch, bei dramatisch steigender Arbeitslosigkeit zu sagen, geht's arbeiten. Was denn, wo denn? Es gibt die Jobs derzeit nicht. Beim grauslichen Wettlauf um den größeren Sündenbock bleiben sich leider weder Blau, Orange, Schwarz noch Rot was schuldig.
Nur die Grünen sind die Guten?
Menschlichkeit und einen gewissen moralischen Anstand kann man doch einfordern, auch in der Asyl- und in der Ausländerpolitik.
Verschließen die Grünen nicht just da die Augen vor der Realität und den Problemen?
Nein, wir haben sie angesprochen und jahrelang klargemacht, dass im Bereich Integration zu wenig passiert. Die einzigen, die das noch nicht begriffen haben, sitzen im Innenministerium. Die Integrationspolitik gehört auch nicht in ihr Ressort, sondern ins Sozialministerium, ins Bildungsministerium oder ins Kanzleramt. Aber bei diesem Thema wurde in den letzten Jahren die politische Feigheit zum obersten Prinzip.
Was wäre denn mutig?
Zum Beispiel Investitionen in muttersprachlichen Unterricht.
Die ÖVP-Drohung „Ohne Deutschkenntnisse keine Familienbeihilfe“ ist der falsche Weg?
Das ist Rohrstaberlpädagogik, billiges politisches Kleingeld und nur eine Schlagzeile, bei der keiner nachfragt, ob solche Maßnahmen nützen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2010)
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