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Kurse für Stadt-Radfahrer: Eine Mutinjektion

03.04.2010 | 18:03 | von Andreas WEtz (Die Presse)

Immer mehr wollen, trauen sich jedoch nicht mit dem Fahrrad in das tägliche Chaos des Stadtverkehrs. Sonja Debenjak und Alec Hager versuchen, in Kursen den Ängstlichen die Angst zu nehmen.

Ich fahre regelmäßig bei Rot“, gestand der in Wien arbeitende Verkehrspsychologe Ralf Risser jüngst im Radmagazin „Velosophie“. In der „Presse am Sonntag“ präzisierte er sein Verhalten. Nein, er tue das nicht, weil er lebensmüde sei, sondern so als Radfahrer oft sicherer über eine Kreuzung komme als bei Grün. Für Stadtbiker besonders gefährliche Rechts- und Linksabbieger würde er mit dieser Taktik meiden. Sein Motto lautet: „Ich fahre dann, wenn ich mich absolut sicher fühle.“ Folglich auch bei Rot, aber nicht wenn Kinder zuschauen, und nicht aus Prinzip. „Das hat rein pragmatische Gründe.“

Die Fragen für das Interview damals stellte Alec Hager. Der 38-Jährige ist das, was man am besten als hauptberuflichen Rad-Lobbyisten beschreiben könnte. 15 Räder stehen in seinem Keller, seit Jahren setzt sich der ehemalige Autofahrer für mehr Radverkehr in der Stadt ein. Um sein Ziel zu erreichen, will er nun – mit Unterstützung von Sonja Debenjak – Rissers Grundgedanken an Alltagsradfahrer in Wien weitergeben. Nicht den mit der roten Ampel. Der Rad-Lobbyist und die 28-jährige Sportwissenschaftlerin möchten Alltagsradlern in Kursen das Selbstvertrauen vermitteln, das nötig ist, um sich im Großstadtdschungel vom übermächtigen Kfz-Verkehr jenen Raum zurückzuholen, der ihnen zusteht. Mit falsch verstandenem Ehrgeiz habe das nichts zu tun. Es gehe um Sicherheit und Unfallvermeidung. Und um ein bisschen Weltverbesserung. Denn eine Stadt, in der immer mehr Menschen vom Auto aufs Rad umsteigen, sei einfach lebenswerter. Jedenfalls sehen das Hager und Debenjak so.


Radfahren ist weiblich. Die Zahl derer, die im Nahverkehr das stählerne Vier- gegen das muskelbetriebene Zweirad tauschen wollen, steigt. In Hagers Büro der IG-Fahrrad gehen täglich Absichtserklärungen ein. Viel zu oft, so erzählt er, bleibe es jedoch dabei. In den meisten Fällen nämlich macht die Furcht vor motorisierten Verkehrsteilnehmern den ursprünglichen Gedanken wieder zunichte. „Die Menschen haben Angst davor, sich auf einem wackeligen Rad gegen vermeintlich rücksichtslose Autofahrer behaupten zu müssen.“ Und das, obwohl die meisten von ihnen selbst Autofahrer sind.

Hauptzielgruppe für die Sicherheitskurse (siehe Kasten) sind Frauen. Die nämlich, sagt Hager, würden sich im Gegensatz zu Männern viel eher trauen, ihr Unbehagen zuzugeben und nach Hilfe zu fragen. Und überhaupt sei das Radfahren in der Stadt eine durch und durch weibliche Fortbewegungsart: Schnell, praktisch, umweltschonend. Kurzum: intelligent.

Was die Stadtplanung der vergangenen Jahre nicht immer war. Radwege wurden – anstatt sie auf der Fahrbahn zu platzieren – hinter parkenden Autos auf Gehsteigen versteckt. Ihre Benutzer kamen so erstens Fußgängern ins Gehege und gerieten zweitens in die ungleich größere Gefahr, auf unübersichtlichen Fahrbahnquerungen von Autofahrern übersehen zu werden.

In den Kursen, die Ende April starten, wollen Hager und Debenjak auch Erfahrungswerte vermitteln, die auf diese und andere Gefahrensituationen vorbereiten. Auf plötzlich aufgehende Türen parkender Autos etwa, oder auf die gefürchteten Haltestellen-Kaps, die, wenn man nicht rechtzeitig auf die Fahrbahn ausschert, für Radfahrer zur Falle werden. Auch die „Königsdisziplin“, das Linksabbiegen bei Gegenverkehr, soll vermittelt werden.

Basis für ein sicheres Fortkommen auf der Straße ist der Mut, sich auch mit dem Rad den Platz auf der Fahrbahn zu nehmen, den man braucht. Auch wenn der Hintermann hupt. Wer dabei ruhig bleibt, tut allen Beteiligten etwas Gutes.

Der Verkehrspädagoge Fritz Menzl erklärt das Phänomen. Radfahrer, die ständig am äußersten Rand und nahe der Bordsteinkante fahren, müssten zwangsläufig damit rechnen, laufend mit gefährlich wenig Seitenabstand überholt zu werden. „Beansprucht man jedoch seinen Platz weiter links auf der Fahrbahn, wird man ihn auch von den Überholenden bekommen.“ Dass unterm Strich alle davon profitieren, zeigt eine Studie der Technischen Universität Dortmund. Demnach ist Radfahren in der Stadt sogar sicherer als auf dem Land. Voraussetzung: Man fährt richtig.

Ein Argument, das vor allem Eltern mit Kindern beruhigen könnte. Die nämlich, sagt Sonja Debenjak, seien in Wahrheit weniger gefährdet, als man glaubt. „Das Problem ist, dass Kinder in Wien Radfahren meist fernab des Verkehrs auf abgesperrten Plätzen lernen.“ Geht es dann raus auf die Straße, siegen meist der Respekt vor dem Kraftverkehr und die Fürsorge der Eltern: Letztendlich wird der Schulweg dann doch oft mit dem Auto bewältigt.

Klima wird besser. Auf die Radfahrmoral der Wiener hat das fatale Auswirkungen. Trotz Millioneninvestitionen in Imagekampagnen und Radwegeausbau sowie klimatisch und topografisch gar nicht so schlechter Bedingungen grundelt der Gesamtanteil des Radverkehrs seit Jahren an der Fünf-Prozent-Marke. Die in Wien als Provinz geschmähten Bundesländer-Hauptstädte Graz und Salzburg sind mit jeweils 16Prozent deutlich weiter. Dabei haben sich die Bedingungen für Biker in den vergangenen Jahren verbessert. „Das Klima auf der Straße ist viel freundlicher geworden“, bricht Hager eine Lanze für die Autofahrer. Nicht alles, was auf vier Rädern fahre, sei automatisch böse. Und komme es doch einmal zu Unflätigkeiten, sei gar nicht so selten ein Radfahrer mit schuld.

Die Radlobby IG-Fahrrad veranstaltet ab Ende April Verkehrssicherheitskurse für Radfahrer. Zielgruppe sind Menschen, die das Rad in der Stadt als Verkehrsmittel nutzen wollen, sich aber ein sicheres Fortbewegen im Verkehr noch nicht zutrauen.

Derzeit sind drei Kursblöcke geplant: 24.4./8.5./29.5.; dann ein Spezialkurs für Eltern mit Kind am 27.4./4.5./11.5. sowie ein dritter am 12.6./19.6./26.6. Kosten: jeweils 90 Euro. Ermäßigungen möglich. Mehr Informationen unter:
www.fahrsicherrad.at


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