Muslime werben Mitglieder – mit allen Mitteln

Die Vertretung der österreichischen Muslime braucht registrierte Gläubige zur Legitimation. Dafür spannte man auch Lehrer ein, die in den Schulen für die Registrierung von Schülern und Eltern sorgen sollten.

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(c) Reuters (SHANNON STAPLETON)

Wien. Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) braucht Mitglieder. Offiziell werden alle rund 500.000 Muslime Österreichs in Glaubensfragen von ihr vertreten. Doch geht es um tatsächliche Mitgliederzahlen, wird IGGiÖ-Präsident Anas Schakfeh immer wieder erstaunlich zurückhaltend. Vorwürfe von Kritikern, dass die Glaubensgemeinschaft gerade einmal 300 Mitglieder zählen würde, konnte Schakfeh nie durch Zahlen oder Mitgliederlisten nachhaltig entkräften. Und damit war eine Flanke offen, mit der die Legitimität der IGGiÖ als Vertretung aller Muslime trefflich angegriffen werden konnte.

Religionslehrer als Keiler

Mit der im Vorjahr vom Kultusamt abgesegneten neuen Verfassung und den nun anstehenden Neuwahlen kämpft die IGGiÖ nun darum, endlich so etwas wie eine verbindliche Mitgliederliste vorlegen zu können – um damit zu beweisen, dass sich zumindest eine größere Zahl an Muslimen von ihr vertreten fühlt. Bei diesem Unterfangen zeigt Schakfeh durchaus Härte. So forderte er etwa im September die islamischen Religionslehrer in einer Rede unmissverständlich dazu auf, in den Schulen Mitgliedsanträge für die Schüler, aber auch für deren Eltern und Geschwister, selbst auszufüllen und sie den Schülern zum Unterschreiben nach Hause mitzugeben.

Schakfehs Rechnung: 55.000 Schüler seien im islamischen Religionsunterricht angemeldet. Dazu kämen Eltern und Geschwister – insgesamt laut Schakfeh also ein Potenzial von 250.000 bis 300.000 Muslimen. All diese Menschen würden sich – bewusst oder unbewusst – zur Glaubensgemeinschaft bekennen. Nur müsse man das eben auch mit einer Mitgliedschaft dokumentieren.

Mit dieser Aufforderung an die Lehrer reagierte der IGGiÖ-Präsident darauf, dass sich bis dahin nur sehr wenige Menschen registriert hatten. Eine „Mentalität der Nachlässigkeit“ sei das, die die Muslime aus dem Orient mitgenommen hätten. Eine Aussage, zu der Schakfeh im Gespräch mit der „Presse“ nach wie vor steht. „Dafür schäme ich mich nicht, das ist eine innere Kritik.“

Und diese neue Härte will der Präsident der Glaubensgemeinschaft auch tatsächlich leben. Ohne Registrierung, so droht er an, würde keinem Moslem mehr eine Bestätigung ausgestellt, etwa für Militärdienst, Ehe, Scheidung – sogar für das Begräbnis auf einem islamischen Friedhof.

Keine Leistung ohne Registrierung

„Alle diese Bestätigungen werden nur mehr auf Grundlage der Registrierung ausgestellt“, so Schakfeh. Auch den islamischen Religionslehrern stellte der Präsident in seiner Rede die Rute ins Fenster: So würden Islamlehrer, deren Familie nicht registriert ist, ihren Posten verlieren. „Wer nicht Mitglied der Islamischen Glaubensgemeinschaft ist, kann nicht Religionslehrer sein.“ Eine Drohung, die innerhalb der Lehrerschaft für einigen Unmut sorgte, sogar von Erpressung war die Rede. Schakfeh spricht dagegen von drei Lehrern, die sich vorher bei Postenvergaben benachteiligt gefühlt hätten. Und lediglich die hätten in der Öffentlichkeit schlechte Stimmung gemacht.

Immerhin, die Mitgliedschaft bei der Glaubensgemeinschaft ist kostenlos. Es geht lediglich um die Erfassung der Namen – und da man keine Taufe wie in der katholischen Kirche habe, müsse man es eben auf diesem Wege machen.

Neben der Registrierung als Mitglied geht es aber auch um eine zweite Form der Mitwirkung – nämlich die Berechtigung, bei den kommenden Neuwahlen der Glaubensgemeinschaft mitstimmen zu dürfen. Wer aktiv und passiv wahlberechtigt sein will, muss eine Kultusumlage von 40 Euro im Jahr entrichten, Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren 20 Euro.

Gerade diese Registrierungen zur Wahl mussten rechtzeitig erfolgen – in allen Bundesländern außer Wien war spätestens am 24. Oktober Schluss. Wie viele Wahlberechtigte es exakt gibt, will Schakfeh am Montag bei einer Pressekonferenz verkünden – zumindest für Kärnten und Salzburg, wo am 21. bzw. am 28. November gewählt wird. In den anderen Bundesländern seien die Zählungen noch im Gang.

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Ziel: 50.000 Wahlberechtigte

„Wir sind mit dem Rücklauf auf jeden Fall zufrieden“, so Schakfeh. Jeder Verein und jede Moschee sei besetzt, insgesamt hätten sich bisher rund 25.000 Muslime für die Wahl registriert. Damit hat man auf jeden Fall die für die Anerkennung einer Religionsgemeinschaft erforderliche Zahl von 16.000 Mitglieder überschritten. In Wien, wo die Wählerlisten erst im Frühjahr erstellt werden, rechne man mit weiteren 25.000 registrierten Wählern. Am Ende soll ein Wählerverzeichnis mit 50.000 Namen stehen – etwa einem Zehntel aller österreichischen Muslime.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2010)

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