Drogentote: Lügt die Statistik?

187 Drogentote jährlich weist der aktuellste Bericht für Österreich aus. Gemeldet wurden 363 Verdachtsfälle. Ein Teil landet ohne genaue Untersuchung auf dem Friedhof.

Drogentote Luegt Statistik
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Drogentote Luegt Statistik
(c) APA (HELMUTH FOHRINGER)

Wien. Einmal jährlich veröffentlicht das Gesundheitsministerium die Zahl der Drogentoten des Vorjahres. Dabei ist die Zahl alles andere als aussagekräftig. Recherchen zeigen, dass die Statistik Lücken hat. Wie groß sie wirklich sind, liegt im Dunkeln. „Die Presse“ ging auf Spurensuche.

Amtlich und verbrieft sind aktuell 187 Opfer, die das Österreichische Bundesamt für Gesundheitswesen (Öbig) für das Jahr 2009 ausweist. Der Drogenbericht für 2010 wird erst im heurigen Herbst erscheinen.

Die Zahl der von den zuständigen Behörden gemeldeten Verdachtsfälle ist jedoch fast doppelt so hoch, betrug für den gleichen Zeitraum bundesweit 363. Davon stammen 230 allein aus dem Bereich der Wiener Polizei. Allerdings: In der Statistik 2009 ist „nur“ von 82 Drogentoten in der Bundeshauptstadt die Rede.

Die Differenz ist so groß, dass sie der Arzt und FP-Nationalratsabgeordnete Andreas Karlsböck zum Teil einer parlamentarischen Anfrage an Gesundheitsminister Alois Stöger (SP) machte. Karlsböck vermutet, dass die 187 bestätigten Drogentoten nicht die ganze Wahrheit sind.

 

Kostendruck senkt Qualität

Minister Stögers Antwort: In die Statistik gelangen nur Fälle, bei denen der vermutete Drogentod gutachterlich bestätigt wurde. Was der Ressortchef nicht dazu sagt, ist, dass das umgekehrt nicht immer gilt. Oder im Klartext: Der medizinische Gegencheck aller ausgeschiedenen Fälle erfolgt nicht lückenlos. Wie das geht?

In der Praxis ist es meistens die Exekutive, die zu einem Todesfall gerufen wird. Vor Ort entscheiden ein Beamter, ein Polizeiarzt und ein Jurist, ob der Tote an Drogenmissbrauch verstorben sein könnte. Liegt der Schluss nahe, ist der Staatsanwalt am Zug. Der entscheidet dann, ob die Leiche zur Obduktion, in die Pathologie oder direkt zur Bestattung geht.

Wie viele Verdachtsfälle bereits an dieser Stelle auf den Friedhof gehen, ist nicht bekannt. Die Staatsanwaltschaft Wien, sie bearbeitet bundesweit die meisten Fälle, führt nicht Buch darüber. Das Justizministerium übrigens auch nicht. Gesichert ist nur, dass die Zahl aller durchgeführten Obduktionen (also nicht nur bei Drogenverdachtsfällen) von 31.000 im Jahr 1985 auf zuletzt 13.000 sank. Grund ist der Kostendruck, denn wenn die Staatsanwaltschaft einen Gerichtsmediziner beauftragt, muss sie diesen auch bezahlen.

Ein mit der Materie Vertrauter sagt der „Presse“ (Name der Redaktion bekannt): „Die Statistik der Drogentoten ist wertlos.“ Und er begründet das so: Lehnt der Staatsanwalt die Obduktion ab, landet die Leiche beim Pathologen. Erhärtet sich für ihn beim ersten Blick der Verdacht auf einen Drogentod, sei es gängige Praxis, dass er sich wieder an den Staatsanwalt wendet, aus finanziellen Gründen, denn auch die Untersuchungen der Pathologen kosten Geld, dieses Mal die Länder oder Gemeinden. Also: Zurück an den Start.

„Wie groß das Interesse des Staatsanwalts ist, eine Leiche, die er als Akt schon einmal auf dem Tisch hatte, erneut zum Pathologen zu schicken, können Sie sich vorstellen“, sagt der Gerichtsmediziner. Also werde der Tote dann ohne weitere Untersuchung zur Bestattung freigegeben.

 

Streit der Ideologen

Wie viele Leichen so „verschwinden“, erfasst die Justiz ebenfalls nicht. Das Gesundheitsministerium spricht von 19 Fällen.

Diese Unschärfe nährt nun Spekulationen in den unterschiedlichen ideologischen Lagern. Verfechter repressiver Drogenpolitik meinen, dass die wahre Dimension des Problems vertuscht werde. Andere sagen, dass die Polizei möglicherweise zu oft den Verdacht auf Drogentod in die Akten schreibe. Beide Theorien sind kaum überprüfbar.

Für die Gesundheitsbehörden selbst sind die Krankengeschichten der Verstorbenen ohnehin wertvoller als eine ungenaue Todesstatistik. Die Wiener Drogenhilfe betreibt derzeit ein Projekt, in dessen Rahmen die Krankenakten bestätigter Drogentoter analysiert werden. Zwischenergebnisse zeigen, dass die meisten Opfer in ihrer Wohnung am Konsum mehrerer Substanzen gleichzeitig versterben und nicht in Behandlung waren. Drogenkoordinater Michael Dressel hofft, mit Hilfe der Studie Gefährdungsprofile für Risikokonsumenten erstellen und damit künftig den einen oder anderen Todesfall verhindern zu können.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2011)

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