Wutbürger: "Beklagen ist sinnlos – handle"

Der erste "Stammtisch für Wutbürger" in Wien war gut besucht und emotionsgeladen. Nun will man sich online vernetzen.

Symbolbild: Stammtisch
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Symbolbild: Stammtisch
(c) Clemens Fabry

[WIEN] Die Ansage beim ersten Stammtisch für Wutbürger war klar: Es sollte über jene Dinge gesprochen werden, die Bürger wütend machen, es sollten aber auch konstruktive Lösungen dafür gefunden werden. Einen Tisch für acht Personen reservierte Initiatorin und „Presse“-Kolumnistin Anneliese Rohrer für Dienstagabend, mit mehr Zulauf hatte sie nicht gerechnet. Rohrer hätte seinem Rat folgen und das Austria Center mieten sollen, sagte ein Diskutant. Denn dem Aufruf, den Rohrer am Samstag in der „Presse“ machte, waren mehr als 60 Personen gefolgt. Dicht gedrängt nahmen sie im Café Museum in Wien Platz, um zwei Stunden lang über die Ungereimtheiten in Österreich zu diskutieren.

Schon nach den ersten Wortmeldungen wurde klar: Die Wutbürger sind eine sehr heterogene Gruppe. Der Großteil ist gebildet und sichtlich gut betucht, doch mischte sich auch so manch bunter Vogel in die Menge. Von den Anliegen der Mutter, deren Sohn vom Jugendamt weggenommen worden war, bis hin zum ehemaligen Banker, der im Ruhestand eine Verwaltungsreform zu erzwingen versucht, wurden alle erdenklichen Beschwerden vorgebracht. Rohrer versuchte immer wieder einzumahnen, dass es vor allem um die Lösung der Probleme gehe. Das Allheilmittel: Eigeninitiative.

Ganz nach dem Motto: „Beklagen ist sinnlos – handle“, wie es ein Besucher auf den Punkt brachte. Und so begannen die im Kaffeehaus versammelten Wutbürger, über Möglichkeiten nachzudenken, tatsächlich etwas zu bewegen. Jene, die sich über die Ausländer beschweren, die kein Deutsch sprechen, sollten doch einfach selbst initiativ werden und einmal pro Woche in eine Schule gehen, um Kindern vorzulesen, so Rohrer. Auch Bürgerinitiativen seien eine Möglichkeit, etwas zu bewegen. Teilweise stieß das auf große Skepsis. Immer wieder kamen Wortmeldungen von Menschen, die von ihrem Engagement und ihrem Scheitern berichten. So wie etwa von dem Herren, der nach seiner Lungenkrebserkrankung für das Einhalten der Feinstaubbestimmungen kämpft. Aber das sei eben ein „unsexy Thema“, das auf nur wenig Gehör stoße. Trotz der vermeintlichen Aussichtslosigkeit verleitete eines die Anwesenden dazu, weiter zu diskutieren: die Wut.

Bewegung fernab der Parteien

Lange diskutiert wurde über die österreichischen Politiker an sich. Ist es „Dummheit oder Kalkül“, dass vieles im Land nicht umgesetzt wird? Von Nachteil sei vor allem, dass viele Politiker in der Politik groß geworden sind, und nie einen „gewöhnlichen“ Beruf ausgeübt haben. Aber auch die Auswahl der Politiker stand im Kreuzfeuer der Kritik. Selbst Lehrlinge müssten aufwendigere Bewerbungsverfahren durchlaufen als die Volksvertreter, war da etwa zu hören.

Es brauche eine neue Bewegung fernab von den „vier Parteien, die ihre Macht bereits einzementiert haben“, sagte ein Redner. Man könne sich etwa durch 10.000 Leserbriefe an die Medien und tausende E-Mails an die Politiker Gehör verschaffen. Es gehe nun vor allem darum, „die erstarrten politischen Strukturen“ aufzuweichen, so der Tenor.
Schlussendlich wurden die Wortmeldungen allerdings wirklich konstruktiv. Das ferne Ziel sei es nun, eine Plattform zu gründen. Dort sollen die vielfältigen Anliegen gesammelt und kanalisiert werden. Es sei wichtig, dass die einzelnen Aktionen nicht zersplittern. Der nächste Stammtisch der Wutbürger wird voraussichtlich am Montag, den 20. Juni stattfinden.

Bis dahin sollen auf Rohrers Reality Check diepresse.com/blog/rohrer weitere Themen und Ideen gesammelt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10. 5. 2011)

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