Lilibeth, die große, schwarz-weiß gefleckte Plastikkuh, ist eine Attraktion für die Kinder in der Umgebung. Ganz prominent steht Lilibeth neben dem Eingangstor zum Biogemüsehof, an dem die Kinder mit dem Fahrrad vorbeifahren und wo Edith Mader ein paar Mal die Woche ihren Gemüsestand öffnet. Oft schenkt sie den Kindern Karotten zum Naschen. Mit ihren anderen Kunden, die sie alle persönlich kennt, führt sie lange Gespräche – schließlich kommen sie oft und regelmäßig. Das vermeintliche Idyll trügt allerdings. Nein, gut gehe es ihrem Hof ganz und gar nicht, sagt Mader.
Noch bis vergangene Woche hatten Österreichs Biobauern ein solides Image: An regionalen Bioprodukten kann nichts falsch sein, lautete der Tenor. Deren Obst und Gemüse ist weder durch die halbe Welt geschifft noch mit diversen Chemikalien behandelt worden. Das Auftauchen der EHEC-Bakterien und die anschließende Warnung vor Gemüse aus Spanien hat aber auch Österreichs Bioläden und -produzenten (hart) getroffen. Vergangenen Sonntag gab die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit bekannt, dass 33 Biogeschäfte möglicherweise EHEC-belastetes Gemüse aus Spanien im Sortiment hätten. Mittlerweile steht zwar fest, dass die Gurke unschuldig ist, die Vorsicht vor Gemüse – auch jenem von Biobauern – ist geblieben.
Das ärgert die Familie Mader aus Wien Essling. Eigentlich habe man gedacht, sagt Edith Mader und stellt in ihrer rustikalen Stube schwarzen Kaffee auf den Tisch, dass sich die EHEC-Fälle positiv auf ihren Hof auswirken würden. „Da haben wir aber nicht gewusst, dass auch niemand österreichisches Gemüse kaufen wird.“ Keiner der Zuständigen habe gesagt, dass man regionale Produkte statt Importe kaufen soll. Und überhaupt: „Haben Sie schon einmal eine gute Werbung für Gemüse aus der Region gesehen?“, fragt Mader mit einem bitteren Lächeln, „also ich nicht.“
Die Familie betreibt einen von – laut „Bio Austria“ – drei Biogemüsebauernhöfen in Wien. Sie verkaufen ihre Produkte auf den Märkten in der Stadt und eben vor ihrem Hof bei Lilibeth. Sie haben auch Kunden, die regelmäßig Kisten mit Gemüse geliefert bekommen. Dass ihre Produkte unter dem Strich teurer sind als im Supermarkt, glaubt Mader nicht. Ein Kilo Cocktailtomaten habe sie schon um zwölf Cent verkauft. Wie der Standverkauf in den nächsten Wochen aussehen wird, kann Mader noch nicht einschätzen. Nur so viel: „Meine Standler haben gesagt: ,Bring lieber nicht viel mit, wer weiß, ob es verkauft wird.‘“
Gute grüne Paradeiser. Fest steht, dass kaum jemand mehr Gurken kauft, auch nicht bei Maders. Der Wiener Frischgemüseproduzent LGV etwa hat allein am Freitag 500.000 Gurken vernichtet; die Verkaufszahlen von Paradeisern und Salat haben sich allerdings etwas verbessert. Und wegen der Tomaten kann Edith Mader auch ein wenig aufatmen. In Begleitung ihrer zwei Hunde führt sie über den Hof, lenkt die Tiere mit Semmeln ab, damit sie über eine Gittertür in den Garten mit den Glashäusern schlüpfen kann: Auf 4000 Quadratmetern werden hier Paradeiser angebaut: „Noch grün, Gott sei Dank.“ Bis das Gemüse reif wird, hofft sie, sind die EHEC-Fälle und die damit verbundene Vorsicht bereits passé. Ein paar Schritte weiter befindet sich das etwas kleinere Glashaus mit den Gurken. „Wir bauen noch auf Erde, nicht auf Nährlösung“, sagt sie und setzt lachend nach, „wie in alten Zeiten.“
In den alten Zeiten hatten die Maders ihren Betrieb noch dort, wo heute ein Teil des Einkaufszentrums Donauzentrum steht („der Boden war wunderbar“). Im Rahmen der Vorbereitungen für die letztlich gescheiterte Expo, die im Jahr 1995 stattfinden sollte, wurde der Hof an den jetzigen Standort umgesiedelt. Seither und gerade in den vergangenen Jahren ging es mit dem Familienunternehmen bergab, erzählt Edith Mader. Lediglich ihr Mann arbeite hauptsächlich im Hof, im Winter gehe er allerdings zusätzlich schneeräumen. Sie selbst übt nebenher ihren Lehrerberuf aus. Ihr Sohn zeige zwar Interesse, den Hof irgendwann zu übernehmen, aber „er wird davon auch nicht leben können“. Es sei denn, er investierte viel Geld in neue Technik– dann wäre der Hof allerdings kein Biohof mehr.
Keine Zeit für Bio. Maders größte Konkurrenz – und das ist längst kein Geheimnis mehr – ist die Globalisierung. Glänzendes Gemüse aus dem Ausland wird kostengünstig in den hiesigen Supermärkten verkauft. Zudem hätten die Menschen keine Zeit mehr, klagt Mader. „Mir sagt eine Kundin: ,Ich kann keinen Salat mehr bei dir kaufen. Ich habe keine Zeit zum Salatblätter waschen.‘“ Zu Hause werde auch immer seltener gegessen, „außerdem“, sagt Mader mit ironischem Unterton, „muss man ja eh schlank bleiben“.
Während sich die Forscher und ganz Mitteleuropa den Kopf darüber zerbrechen, woher die EHEC-Bakterien stammen, hat Mader ihre eigene Erklärung dafür: „Das Gemüse wird zu Tode verpackt und gewaschen.“ Entspannt sich die Lage nicht bald, werden auch ihre Gurken auf dem Komposthaufen landen. Vielleicht auch die Paradeiser, eventuell auch die Paprika– je nachdem, wie vorsichtig die Konsumenten bleiben werden. Demonstrativ greift Mader zu dem Strauch mit den kleinen Essiggurken, pflückt eine ab und beißt hinein. Besser gehe es gar nicht. „Ich empfinde mein Gemüse als Werbung für Österreich.“
Die EHEC-Bakterien und die Warnung vor spanischem Gemüse hatten auch Auswirkungen auf österreichische Biobauern: Vergangenen Sonntag gab die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit bekannt, dass 33 Bioläden möglicherweise belastetes Gemüse aus Spanien im Sortiment haben. Zwar konnte das nicht bestätigt werden, aber die Konsumenten sind vorsichtig geblieben; Biogemüsebauern klagen seither über sinkenden Absatz.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2011)
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