Städteflucht: Stadt, Land, Lust?

Während der Mittelstand früher auf das "Häuschen im Grünen" für die Pension sparte, zieht es heute vor allem die 25- bis 40-jährigen Städter aufs Land.

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(c) Www.BilderBox.com

Wer Martina Noé heute zuhört, glaubt gern, dass die 36-jährige Wienerin in einer Gegend ihre wahre Heimat gefunden hat, in der schon die Namen der Nachbarorte davon künden, dass sich dort Fuchs und Henne gute Nacht sagen. Zwischen Biberschlag und Fichtenhofen, zwischen Bärnkopf und Grub im Thale liegt Bad Traunstein, wo Noé zuerst gern gesehener Feriengast, dann Zweitwohnsitzerin und jetzt, im Juni – endlich! – vollwertige Gemeindebürgerin wurde.

Für sie und ihre beiden (sieben und neun Jahre alten) Kinder, schwärmt sie, sei das Leben auf dem Land der optimale Zustand, fast schon paradiesisch: Schon als der Umzugswagen nach der fast zweistündigen Fahrt von Hietzing vor ihrem neuen Wohnhaus vorgefahren ist, seien sofort zahlreiche neue Nachbarn herbeigeströmt, um sie in Empfang zu nehmen „Und die haben nicht nur kurz Hallo gesagt – die haben den ganzen Tag lang geholfen, meine Sachen in die Wohnung zu tragen“, schwärmt Noé. Als sie nach ihrer Scheidung den Wunsch geäußert habe, aufs Land zu ziehen, habe sie die Bürgermeisterin der 1000-Seelen-Gemeinde mit den Worten „Du gehörst zu uns!“ nach Kräften unterstützt, hier, im unteren Waldviertel, ein neues Leben aufzubauen – versuche das einmal jemand in der Großstadt!

Natürlich, zu ihrem neuen Arbeitsplatz als Leiterin des „Wirtschaftsforums Waldviertel“ muss sie 25 Kilometer nach Zwettl pendeln – „aber in Wien bin ich auch immer mit dem Auto zur Arbeit gefahren – und hier gibt es keinen Stau wie auf der Tangente“. Und ja, mit vielen alten Freunden in der Stadt – die entsetzt reagiert hätten, als sie von den Umzugsplänen erfuhren – habe sie nur mehr sporadisch Kontakt – „aber ich habe hier Millionen neue Freunde gefunden“, freut sich die 36-Jährige über ihr neues Zuhause.


Das Land, die neue Stadt? Erfolgsgeschichten wie diese, in denen Stadtflüchter von dem tollen Leben in der ruralen Ruhe schwärmen, umgeben von Natur und freundlichen Menschen, sind es, deretwegen man sagen könnte: Das Land ist die neue Stadt. Ein Eindruck, der auch dadurch verstärkt wird, dass zahlreiche neue Magazine dem Ideal vom Idyll huldigen, etwa dadurch, dass Prominente aller Genres sich für Homestorys nur zu gern auf adrett gepflegten Landsitzen ablichten lassen (siehe Artikel rechts).

Und tatsächlich: In der Wanderung zwischen Stadt und Land zeichnet sich ein gesellschaftlicher Wandel ab. Noch ist er nicht stark genug, um der Gegenbewegung, der Landflucht in den städtischen Raum, Einhalt gebieten zu können – aber die Zahlen in den Inlandswanderungsstatistiken sprechen für sich: Die stärkste Bewegung aus Städten aufs Land passiert heute in der Altersgruppe zwischen 25 und 40 Jahren.

„Das hat natürliche einerseits damit zu tun, dass viele junge Menschen, die es nur zum Studium in die Stadt gezogen hat, wieder aufs Land zurückkehren“, sagt Nina Sillip. Die 28-jährige Projektmanagerin muss es wissen: Sie selbst ist nach ihrem Studium wieder ins waldviertlerische Schwarzenau gezogen und hat die Plattform „Wohnen im Waldviertel“ mitaufgebaut, die auch Wohn- und Bauplätze in der häufig totgesagten Region vermittelt.

Andererseits hat sich die allgemeine Wahrnehmung des Landlebens verändert: Für die vorhergehenden Generationen der städtischen Mittelschicht war das „Häuschen im Grünen“ ein Traum, auf den man ein Berufsleben lang hinarbeiten konnte. Ein Traum, den man sich im letzten Lebensdrittel erfüllte, im Ruhestand, wenn man genug zusammengespart hatte und nicht mehr regelmäßig Kinder zur Schule bringen oder selbst ins Büro fahren musste.

Dieses Konzept hat sich grundlegend verändert: „Es nimmt der Wunsch zu, schon das Familienleben auf dem Land zu verbringen“, sagt Sillip. Mit ein Grund dafür ist auch die Landflucht, die die Struktur ländlicher Gebiete in den vergangenen Jahren geschwächt hat. Baugründe und Wohnraum sind dort dadurch so billig geworden, dass sich auch junge Familien ohne viel Erspartes ein Haus leisten können, das in der Stadt geradezu unerschwinglich wäre.


Die neue Romantik. Der deutsche Journalist und Autor Axel Brüggemann ortet in dem Wunsch vieler Familien, ihren Kindern ein Aufwachsen in einer unbelasteten, natürlichen Umgebung zu ermöglichen, eine gewisse Ironie – denn mit der Nachhaltigkeit des Landlebens sei es nicht weit her: „Dass es Familien gibt, die glauben, nach dem Umzug aufs Land ökologischer zu leben, ist ein Quatsch“ – dadurch, dass auf dem Land ungleich mehr Wege mit dem Auto zurückgelegt werden müssten, durch die Zersiedelung und durch die „draußen“ häufigste Wohnform Einfamilienhaus verbrauche eine Familie auf dem Land ungleich mehr Energie als beim Leben in einer Stadt.

Überhaupt habe sich heute ein völlig verklärtes Bild vom Landleben in den Köpfen der Menschen festgesetzt, urteilt Brüggemann, der im Frühjahr in seinem Buch „Landfrust“ mit den Fantasien abgerechnet hat, die durch beliebte Hochglanzmagazine (siehe Artikel rechts oben) verbreitet würden: „Wir leben in einer Zeit der neuen Romantik“, sagt der 40-Jährige, der sein Buch als „Liebeserklärung an den ländlichen Raum“ gelesen haben will. Er plädiert für mehr Realismus in der Betrachtung des ländlichen Raums: „Das Land als klassisch agrarisch geprägter Raum ist tot“ – wo noch vor einer Generation ein ganzer Ort von der Landwirtschaft leben konnte, könne es heute vielleicht gerade noch ein Hof, die übrigen Einwohner würden auspendeln.

Das stünde aber im krassen Kontrast zu der Vorstellung von der heilen, authentischen und bäuerlichen Welt, die viele Städter vom Land hätten, sagt Brüggemann. „Wir – die Landbewohner wie die Politik – werden uns in den kommenden Jahren überlegen müssen, was aus dem ländlichen Raum werden soll.“ Dabei würden die neuen Medien viele Möglichkeiten eröffnen: „Ein IT-Unternehmen kann aus einem kleinen Dorf genauso gut arbeiten wie aus der Stadt“, erläutert der Autor eine Zukunftsvision: Viele Branchen könnten heute schon in die Peripherie übersiedeln.


Katalysator Facebook.
Dass die Neuen Medien das Leben auf dem Land attraktiver machen, hat auch Astrid Bartl erkannt. Die Fotografin lebt mit ihrer Familie seit 2004 in Pfaffendorf im Weinviertel. Während sie selbst auf dem Land arbeitet, pendelt ihr Mann täglich nach Wien. Hinter ihrem Haus im Pulkautal genießt sie ihren eigenen Weingarten. „Es hat mich einfach hinausgezogen“, begründet die 41-Jährige ihre Entscheidung, die Stadt zu verlassen. Anfangs sei es ihr nicht leichtgefallen, ihren freien Beruf dort auszuüben, erzählt Bartl: „In Wien ist man halt oft jemandem auf der Straße begegnet, und aus dem Gespräch hat sich dann ein Auftrag ergeben“ – solche Zufallsbegegnungen sind in dem kleinen Weinort natürlich illusorisch. „Aber inzwischen ersetzt Facebook diese Ebene“, sagt die Fotografin – wodurch sie ihren Beruf auch vom Land aus ausüben könne.

Insgesamt sei sie ein Fan des Landlebens: Entgegen dem Vorurteil, dass Wiener in bäuerlich geprägten Gegenden eher auf Ablehnung stoßen würden, sei die Familie in Pfaffendorf sehr freundlich aufgenommen worden, erzählt Bartl – auch ohne, dass sie irgendwelchen Vereinen hätte beitreten müssen, hätte es regelmäßig Einladungen zu Festlichkeiten im Ort gegeben. Die Nachbarn kenne man – im Gegensatz zur Stadt – gut. Auch ihr Bekanntschaftsspektrum sei durch den Umzug gewachsen, sagt Bartl: „In der Stadt habe ich außer den Verwandten niemanden über 60 gekannt – hier lernt man Leute aus allen Generationen kennen, weil es einfach nur wenige Leute im Dorf gibt.“ Freilich, Schattenseiten gebe es auch: etwa die Kinderbetreuung. „Es ist hier noch weit verbreitet, dass die Mutter Hausfrau ist“, sagt Bartl. Dadurch sei das Angebot in der Nachmittagsbetreuung im Vergleich zur Stadt schlecht – auch, wenn das in den vergangenen Jahren stark ausgebaut worden sei.


Potenzial der Zuzügler.
Der Umzug aufs Land verändert aber nicht nur die Städter – er verändert auch die Ortschaften, in die sie ziehen: Ob es kleine Kulturfestivals in den Kellergassen sind, mondäne Lokale inmitten der Peripherie oder einfach nur die fachliche Kompetenz, die „Zuagreiste“ in das Dorfleben einbringen: Dass sich in der neuen Wanderungsbewegung Potenzial verbirgt, das die Entwicklung des ländlichen Raums in Zukunft prägen könnte, stellt nicht nur Autor Brüggemann oder der niederösterreichische Dorf- und Stadterneuerungsverein fest. Hierzulande hat sich vor einigen Wochen die Initiative „Landgestalter“ gebildet, die das kreative Potenzial des Landes aktivieren will – mit dem inhärent städtischen Medium der Vernetzung. Die Website dielandgestalter.at soll gerade jene Städter ansprechen, die aufs Land ziehen und sich aktiv in dessen Gestaltung einbringen wollen.

Thomas Kreuz schätzt den ländlichen Raum dagegen so, wie er ist: Der 41-jährige Künstler und Designer hat sich im weinviertlerischen Haugsdorf niedergelassen. Er mag es, dort „nicht den ganzen Ablenkungen der Stadt“ ausgesetzt zu sein – „gerade als Künstler ist das ein sehr angenehmes, konzentriertes Arbeiten“, sagt Kreuz. Dabei komme ihm auch entgegen, dass rund um sein Atelier Bauern lebten: „Hier regt sich niemand auf, wenn ich bei meinen Holzarbeiten die Kreissäge anwerfe.“

Ganz aufgeben will Kreuz seinen Wohnsitz in der Wiener Westbahnstraße aber trotzdem nicht – nicht zuletzt seiner beiden Kinder wegen: Zwar gebe es im Ort einen schönen Spielplatz – der sei aber fast immer verwaist. „Und da fühlt man sich doch isoliert.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2011)

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