Probstdorf: Gemeinde der "Ungehorsamen"

Der Pfarrer Helmut Schüller wünscht Reformen und ruft dazu auf, Teile des Kirchenrechts zu ignorieren. Seine Gemeinde im niederösterreichischen Probstdorf stellt sich mehrheitlich hinter ihn.

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Helmut Schüller – (c) Fabry

Ja.“ Gerti Heyberger stimmt zu. Nicht, dass man jetzt glaubt, sie wolle eine Päpstin. Aber wenn Frauen dieselbe Kirchensteuer bezahlen wie Männer und dafür „nur die Kirche putzen dürfen“, das verstehe sie nicht. Und deswegen ihre Zustimmung: Frauen sollen Priester werden dürfen. Heyberger und ihr Mann sitzen im Wirtshaus „Zur alten Mühle“, wo ein grünes Schild gutbürgerliche Küche verspricht. Gläubige Katholiken, ja, aber sie würden nicht regelmäßig in die Kirche gehen, erzählt das Paar. Das letzte Mal war Heyberger vor ein paar Wochen dort, um nach einer gelungenen Knieoperation „dem Herrgott Danke zu sagen“. Und um sich wieder einmal mit ihrem Pfarrer zu unterhalten, einer „menschennahen, nicht abgehobenen Person“.

Der letzteren Beschreibung dürften nicht alle Katholiken zustimmen. Denn der Pfarrer der Heybergers aus dem niederösterreichischen Probstdorf ist Helmut Schüller – jener Mann, der in den vergangenen Wochen für Unruhe gesorgt hat: Um Kirchenreformen zu forcieren, haben er und weitere Mitglieder der „Pfarrerinitiative“ zum „Ungehorsam“ gegenüber Rom aufgerufen. Einige ihrer Forderungen: Laien sollen predigen, wiederverheiratete Geschiedene die Eucharistie bekommen – und Frauen Priester werden dürfen. Während sich in den Medien seine Kritiker und Unterstützer abwechselnd zu Wort melden, scheint in Probstdorf selbst die Sache klar zu sein: Die 9500-Seelen-Gemeinde östlich von Wien steht mehrheitlich hinter Schüller.

Wenn Laien leiten könnten. Der Pfarrer selbst steht unterdessen auf einem holprig gepflasterten Weg vor der altrosa gestrichenen Kirche und zeigt auf eine hölzerne Bank unter dem Lindenbaum. „Probstdorf ist eine aufgeschlossene Gemeinde“, sagt Schüller und legt seinen Schlüsselbund sowie eine Biografie des kürzlich verstorbenen Freiheitskämpfers und Gewerkschafters Alfred Ströer auf die Bank. Hier, in seinem Wirkungskreis (Probstdorf, Wittau, Oberhausen, Schönau), bekomme er größtenteils positive Resonanz auf seine Arbeit. Auch deswegen, weil die Forderungen der Pfarrerinitiative den Gemeindemitgliedern nicht neu sind: Man rede hier bereits seit Jahrzehnten über Frauen als Priester und Laien als Prediger. Ohne groß zu überlegen, sagt Schüller, würden ihm mehrere Laien einfallen, die die Probstdorfer Gemeinde leiten würden, wenn sie dürften.

Eine von ihnen ist Hilde Hampapa, pensionierte Religionslehrerin und in der Pfarre aktiv „seit den Mädchenjahren“. Sie versuche, Schüller so viel Arbeit wie möglich abzunehmen, erzählt sie. Das Organisieren von Feiern gehöre dazu, auch der genaue Blick auf den Terminkalender. Vergangene Woche habe sie sogar den Wortgottesdienst im nachbarlichen Oberhausen abgehalten. „Ich hätte keine Scheu davor, die Pfarre zu leiten“, sagt Hampapa. Es waren auch die engagierten Pfarrmitglieder, die nach dem Aufruf zum Ungehorsam Unterschriften für Schüller gesammelt, einen Brief an Kardinal Christoph Schönborn geschrieben und ein großes Transparent auf dem Zuckerrübenfeld am Ortseingang aufgestellt haben. „Helmut wir unterstützen Euren ,Ungehorsam‘“, steht hier zu lesen.

Angesprochen auf das Transparent muss Schüller lachen. „Meine Probstdorfer“, sagt er. Seit seiner medialen Präsenz habe er – zu den Aktiven in der Reformbewegung – sogar eine neue Unterstützergruppe gewonnen: die älteren Schäfchen. Jene, „denen man nicht absprechen kann, dass sie ihr Leben lang mit der Kirche verbunden waren. Diese Leute“, sagt Schüller, „machen sich ehrlich Sorgen um die Zukunft der Pfarrgemeinden.“


Das U-Wort. „Ungehorsam“ sagt Schüller mittlerweile aber nicht mehr. „U-Wort“ heißt das jetzt bei ihm, vielleicht, um die Härte des Wortes ein wenig zu entschärfen – ohne dafür einen anderen Begriff suchen zu müssen. Wie auch immer es genannt wird, Loyalität an sich habe er damit nicht infrage stellen wollen. Schüller bringt das Beispiel der Benediktiner: Bei ihnen sei es selbstverständlich, dass der Abt auf die Mönche höre, selbst auf den jüngsten. Die offizielle Kirchenvertretung hingegen dulde lediglich stillen Ungehorsam. In dieser Hinsicht sehe er sich als Vorreiter, als jemand, der den Stillen eine Stimme gibt. Als Revolutionär will Schüller aber nicht gelten: „Da muss es der Revolution aber schlecht gehen, wenn ich ein Revolutionär sein soll.“

Die Forderungen sind jedenfalls gestellt, wie es aber weitergeht, vermag in Probstdorf kaum jemand zu prophezeien. „Wahrscheinlich wird sich nichts ändern“, sagt Bewohner Josef Aubrunner. Auch, wenn seiner Ansicht nach das Auftreten des Pfarrers „mutig“ und seine Anforderungen „nicht schlecht“ seien. Zölibat abschaffen? Frauen als Priester? Aumüller zögert nicht: ja und ja.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2011)

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