Wien. Er werde oft gefragt, ob es denn in Österreich die Armen wirklich gebe, von denen er ständig spreche. „Ja, es gibt sie“, sagt Caritas-Präsident Franz Küberl. „492.000 Menschen sind manifest arm, weitere 500.000 armutsgefährdet, leben also unter der Armutsgrenze von 994 Euro im Monat. Ein schwerer Unfall, eine hartnäckige Krankheit oder plötzliche Arbeitslosigkeit, und auch sie rutschen ab in Armut und Elend.“
Grund genug, um im November die Caritas-Inlandshilfe „Wärme schenken“ zu starten – eine Kampagne, in der Spenden für Not leidende Frauen, Kinder und Männer in Österreich gesammelt werden. „Armut macht krank und einsam. Manche Menschen müssen mit ein paar Euro pro Tag für Essen, Kleidung und Hygieneartikel auskommen“, so Küberl beim Startschuss der Initiative im Rupert-Mayer-Haus für Obdachlose in Wien. „Eine defekte Heizung kann da schon zu einer finanziellen Überforderung werden, der Schulanfang ein großes Loch in das Familienbudget reißen.“
Viele fühlten sich allein gelassen und gedemütigt. „In einem reichen Land wie Österreich muss das nicht sein“, beklagt Küberl. Wobei er nichts gegen Reiche habe. „Es muss auch Starke geben – wenn sie sich ihren Wohlstand ehrlich verdient haben. Ich will hier nicht die General-Armut ausrufen, was ich fordere, ist ein General-Lebensrecht. Und dazu müssen wir alle beitragen.“ Wenn es anscheinend nicht mehr weitergehe, könne eine kleine Spende Wärme schenken. „Ein ausführliches Gespräch in der Sozialberatung, ein Platz in einem Obdachlosenheim, ein Zuschuss zu den Heizkosten, eine kräftigende Suppe.“ Diese Zeichen der Menschlichkeit machten den Unterschied zwischen Verzweiflung und Hoffnung.
Beispielhafte Hilfsprojekte
Das Rupert-Mayer-Haus, das 66 Frauen und Männern eine vorübergehende Unterkunft bietet, sei ein Paradebeispiel für Caritas-Hilfsprojekte. Um einen Einblick in weitere bewährte Einrichtungen zu ermöglichen, begleitete Küberl Medienvertreter auch durch die Wohngemeinschaft WeGe für Haftentlassene in Wels und das Mutter-Kind-Haus in St.Pölten. Die 1993 gegründete WeGe bietet Haftentlassenen in zwölf Einzelzimmern und sechs externen Wohnungen eine zeitlich begrenzte, betreute Wohnmöglichkeit und die Chance auf einen Neuanfang. Sozialarbeiter stehen den Bewohnern bei Behördengängen zur Seite, unterstützen sie beim Aufbau neuer Beziehungen und beraten bei der Schuldenregulierung. 130 Euro kostet ein Zimmer pro Monat.
„Mir wurden in der WeGe neue Perspektiven für ein straffreies Leben eröffnet“, schwärmt Exbewohner Herbert. Der 60-Jährige saß wegen eines Banküberfalls neun Jahre im Gefängnis und verbrachte fast zwei Jahre in der Wohngemeinschaft, ehe er vor kurzem eine eigene Wohnung bezog. „In der Haft wird man zur Unselbstständigkeit erzogen, man verlernt, soziale Kontakte herzustellen. Hier aber wurde ich Schritt für Schritt auf mein neues Leben in Freiheit vorbereitet. Ich kann diese Einrichtung gar nicht genug loben.“
„Voller Optimismus und Lebensmut“
Auf einen Neustart im Leben werden junge Frauen auch im Mutter-Kind-Haus in St.Pölten vorbereitet. Bis zu einem Jahr werden dort in Not geratene Schwangere und Mütter von Familienberatern betreut, damit sie im Anschluss wieder ein selbst bestimmtes Leben führen können. Mütter wie die 26-jährige Karin, die eineinhalb Jahre in dem Heim gelebt hat, bis sie wieder in der mentalen Verfassung war, eine eigene Wohnung zu beziehen. „Ich habe mich während der Schwangerschaft von meinem Freund getrennt und mich fürchterlich mit meiner Familie überworfen“, erzählt die Kindergartenpädagogin. „In meiner Verzweiflung habe ich hier Zuflucht gesucht und eine zweite Familie gefunden. Die Lebensgeschichten von Leidensgenossinnen haben mich sehr berührt.“ Ihr sei klar geworden, dass es andere Frauen noch härter getroffen habe als sie. „Meine Wertigkeiten haben sich während meines Aufenthalts hier verändert. Als ich das Haus verließ, war ich voller Optimismus und Lebensmut.“
Kein Verlass auf die Politik
Not sehen und unverzüglich handeln, genau darum gehe es bei Hilfsprojekten dieser Art, betont Michael Landau, Leiter der Caritas Wien. Die Menschen in Österreich hätten ein Recht auf Arbeit, von der sie leben können, eine angemessene Mindestsicherung und ausreichend Zugang zu fundamentalen Rechten wie Bildung und Gesundheitsversorgung.
Zwar wirke der Sozialstaat der Armut entgegen – durch Sozialleistungen werde die Armutsgefährdung um mehr als zwei Drittel reduziert. Aber es könne und müsse mehr getan werden. „Mit 30 Euro schenken Sie einer Familie in Österreich zwei Wochen lang eine warme Wohnung“, sagt Landau. „Helfen Sie mit, damit sich niemand mehr vor dem Winter fürchten muss.“ Man dürfe sich nicht nur auf Politiker verlassen. Diese würden zwar auffallen, „aber“, so Landau, „eher durch die Unschuldsvermutung“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2011)
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