Innsbruck/Wien. Nach der Neuausschreibung und Vergabe des Tiroler Rettungswesens vor eineinhalb Jahren an eine Bietergemeinschaft rund um das Rote Kreuz haben die Dienstbedingungen nun den Arbeitsinspektor auf den Plan gerufen. „Das Problem ist, dass die Rettungsfahrzeuge wegen der flächendeckenden Versorgung nicht mehr nur an Stützpunkten auf ihre Einsätze warten, sondern von der Leitstelle zu sogenannten Bereitstellungspunkten disponiert werden, um von dort aus so schnell wie möglich den Einsatzort zu erreichen“, sagt Amtsleiter Klaus Huber. „Oft müssen die Arbeitnehmer stundenlang in Fahrzeugen ohne Standheizung ausharren. Zudem befinden sich in der Nähe manchmal keine WCs und Waschräume.“
Auswärtige Arbeitsstellen
Rettungsfahrzeuge sind laut Huber als auswärtige Arbeitsstellen zu betrachten. Bei diesen gebe es keine konkreten gesetzlichen Bestimmungen wie bei gewöhnlichen Arbeitsstellen. „Daher führen wir derzeit Erhebungen durch und suchen das Gespräch mit den Verantwortlichen, um die Situation für die Einsatzkräfte zu verbessern“, so Huber. „Eventuell können Standorte mit einem Gasthaus oder einer Tankstelle in der Nähe gefunden werden, damit die Sanitäter aufs Klo gehen und sich bei Bedarf wärmen können.“ Er sei zuversichtlich, mit dem Roten Kreuz eine Einigung zu erzielen. „Falls es aber wider Erwarten hart auf hart gehen sollte, müssten wir Forderungen wie etwa die Ausstattung sämtlicher Fahrzeuge mit Standheizung über sogenannte bescheidmäßige Vorschreibungen durchsetzen. Das würde über die Bezirksverwaltungsbehörde laufen.“
Beim Roten Kreuz bewertet man die Situation nicht so dramatisch. „Das Problem ist nicht neu und auch nicht auf Tirol beschränkt“, beschwichtigt Geschäftsführer Ivo Habertitz. „Viele Fahrzeuge verfügen über eine Standheizung, nach und nach wird die gesamte Flotte damit ausgestattet.“ Außerdem werde die Regelung nach flächendeckender Versorgung nicht so streng ausgelegt. „Wir achten so gut wie möglich darauf, dass die Fahrzeuge nicht genau an den errechneten Punkten stehen müssen, sondern auch ein paar hundert Meter weiter weg warten können, falls sich dort in der Nähe etwa ein Supermarkt befindet, in dem unsere Mitarbeiter das WC benutzen können.“ Das sei aber nicht immer möglich. Der Beruf des Rettungssanitäters sei eben kein einfacher.
Pro Jahr rücken die Fahrzeuge des Roten Kreuzes im Übrigen rund 83.000-mal zu Rettungseinsätzen aus. Im Rettungs- und Krankentransportdienst (jährlich werden etwa 217.000 Krankentransporte durchgeführt) arbeiten 500 Angestellte, hinzu kommen 3700 Ehrenamtliche.
42 bis 60 Fahrzeuge im Einsatz
„Der Auftrag der flächendeckenden Versorgung war Teil der Ausschreibung, in Kufstein wird sie seit 1992 angewandt, in Innsbruck seit 2001“, sagt Martin Eberharter, Geschäftsführer der Leitstelle Tirol. Sie wird derzeit aufgrund von Erfahrungswerten umgesetzt und soll innerhalb der nächsten zwei Jahre EDV-gesteuert erfolgen, die neuralgischen Standpunkte werden also von einem Computer ermittelt.“ Täglich seien je nach Nachfrage 42 bis 60 Rettungsfahrzeuge im Einsatz und so verteilt, dass bei 95 Prozent aller Notfälle der Einsatzort innerhalb von 15Minuten erreicht werden könne. „Jedes Fahrzeug deckt einen gewissen Kreis ab“, so Eberharter. Das gegenwärtige Problem werde vor allem dann evident, wenn ein Fahrzeug von seinem Stützpunkt zu einem Einsatzort eilt. „Dann ist dieser Kreis nicht mehr versorgt, und ein anderes Fahrzeug muss temporär nachrücken und eine Zwischenposition einnehmen, damit sich keine ,weißen Flecken‘ bilden – insbesondere nachts, wenn keine Rettungshubschrauber im Einsatz sind.“
Während dieser Zeit könne es natürlich passieren, dass sich in der Nähe kein WC bzw. Aufenthaltsraum befinden. Aber er gehe davon aus, dass sich die Lage durch das EDV-basierte System entspannen werde. „Dann können wir uns auf ein exakt berechnetes System verlassen und Patienten wie Mitarbeitern eine optimale Lösung bieten.“
Neues System. Die flächendeckende Versorgung des Landes war eine Bedingung bei der Ausschreibung des Tiroler Rettungswesens. Demnach müssen die Rettungsfahrzeuge so positioniert werden, dass sie bei 95 Prozent der Notfälle innerhalb von 15 Minuten den Einsatzort erreichen können.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2012)
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