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Gastronomische Aufwertung für den Stadtrand

10.02.2012 | 18:39 |  KARIN SCHUH (Die Presse)

Kleine, nette Cafés, die man eher im siebten Bezirk oder rund um den Karmelitermarkt vermuten würde, machen die einst biederen Bezirke Währing und Döbling für die junge, urbane Mittelschicht interessant.

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Wien. Sie heißen Himmelblau oder Café Nest, erinnern ein bisschen an private Wohnzimmer und passen perfekt zum Zeitgeist – und auch in die Gegend. Die einst so biederen, um nicht zu sagen altbackenen Bezirke Währing und Döbling werden zunehmend für die urbane, junge Mittelschicht – einst nannte man sie Bobos – interessant. Was schon vor zehn Jahren in New York passierte und vor etwa fünf Jahren Berlin veränderte, ist jetzt mit der üblichen Verspätung auch in Wien angekommen. Immer mehr kleine, nette Lokale, die man eigentlich im siebten Bezirk, im Freihausviertel oder um den Karmelitermarkt vermuten würde, eröffnen am Stadtrand – und beleben ihn dadurch.

Vor zwei Wochen hat etwa Nicole Ott das Himmelblau am Kutschkermarkt in Währing eröffnet. Rosarote Lampen, eine himmelblaue Wolke an der Decke und hausgemachte Venusküsschen, Zitronenkuchen und Gugelhupf unter hübschen Glasglocken machen sofort deutlich: Hier soll man sich wohlfühlen. Alles, was nicht zur heilen Welt gehört – etwa Zigarettenrauch – muss draußen bleiben.

 

Glückliche Damen dank Patisserie

„Das Feedback ist wirklich gut. Ich höre immer wieder, dass das Café den Markt belebt und dass so etwas hier gefehlt hat“, sagt Ott, die an das Kaffeehaus auch gleich einen kleinen Shop namens „Tischlein deck dich“ angehängt hat. Dort können die Kunden – bis jetzt haben vor allem Mütter um die 30 und Damenrunden um die 50 das Lokal für sich entdeckt – Gewürze, Kochbücher, Taschen und Textilien in Pastellfarben kaufen. Im Kaffeehaus gibt es neben einer Frühstückskarte und einem wöchentlich wechselnden Mittagstisch auch eine Reihe an Süßigkeiten aus der hauseigenen Patisserie.

Auf Süßes haben sich auch die drei Bildhauer spezialisiert, die das 12 munchies am Aumannplatz betreiben. In dem kleinen Shop werden amerikanische und englische Mehlspeisen wie Brownies, Cup Cakes oder Scones verkauft, ein paar Tische laden zum Verweilen ein. „Wir wohnen ums Eck. Freunde fragen mich immer wieder, warum wir das nicht im siebten Bezirk gemacht haben, aber dort gibt es schon genug“, sagt Betreiber Ernst Koslitsch, der damit seine Wohngegend beleben wollte.

Das hat sich auch Maximilian Berggold gedacht, der vor wenigen Wochen mit seiner Frau Alice das Café Nest in Sievering eröffnet hat. Dort, wo bis 1970 die Straßenbahnlinie 39 endete (heute müssen die Sieveringer auf den Bus umsteigen), betreiben die Berggolds nun ein kleines, schlichtes Kaffeehaus. „Ich bin hier aufgewachsen und in den letzten 20 Jahren hat hier ein Geschäft nach dem anderen zugesperrt“, sagt Maximilian Berggold, der das angesichts der zahlreichen im Bau befindlichen Wohnhäuser nicht verstehen kann. Tatsächlich wirbt vis à vis ein Bauträger mit „sieben exklusiven Dachgeschoßwohnungen“, die dort gerade gebaut werden.

 

Fritz Cola und Makava Eistee

Berggold beschreibt sein Konzept als „möglichst unaufgeregt“, die Farben Rosa, Himmelblau und Lila sucht man hier vergeblich. Neben Kaffee, Biotee und kleinen Snacks gibt es – wie in jedem hippen Café am Karmelitermarkt auch – Astra Bier, Fritz Cola und Makava Eistee. Die Sieveringer nehmen das Angebot gern an, die lediglich 25 Plätze sind selten leer. Im Sommer soll es, ebenso wie im Himmelblau, einen kleinen Gastgarten geben.

Jörg Wagner sieht das gelassen. Das kleine Café Nest ist für ihn ebenso wenig eine Konkurrenz wie das benachbarte 12 munchies oder die neue Patisserie Hill in der Gentzgasse. Seit April betreibt er das stets gut besuchte Aumann, das Café, Restaurant und Bar in einem ist. „Im Grätzel tut sich derzeit einiges“, meint er. Die junge, urbane Mittelschicht, vor allem Mittdreißiger, die schon Familie haben, lassen sich hier nieder. Die Mieten sind – je nach Lage – noch leistbar, die Lebensqualität hoch. Und endlich gibt es auch schicke Cafés, in denen man sich treffen, auf einen Latte Macchiato oder ein Astra Bier gehen kann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2012)

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13 Kommentare
DerMike
13.02.2012 10:31
0 0

Na servas

dann sitzen die Proleten in "einem etwas schöneren Lokal", daß ändert nichts an der Gesellschaft

Gast: Kutschkerfan
11.02.2012 22:04
2 0

Endlich

Dem Kutschkermarkt hat so etwas wie das Himmelblau wirklich gefehlt! Endlich ein Ort zum Wohlfühlen. Hoffentlich ist das ein Anreiz für mehr Leben im Grätzl.

Antworten Gast: Rofl
12.02.2012 09:23
0 0

Re: Endlich

sehr lieb und charmant, eine gastronomische Belebung des Grätzls kann nur positiv sein

Antworten Gast: Rofl
12.02.2012 09:16
0 0

Sehr lieb


Gast: addendum
11.02.2012 13:57
2 1

Stadtrand? Der Kutschkermarkt ist Nähe Gürtel und grad einmal

3 Straßenbahnstationen vom 1. Bezirk (Schottentor) entfernt.
Und bevor "Immobilienentwickler" das charmante Grätzl entdeckten, war es auch schon eine nette, aber keinesfalls biedere Gegend.
In den letzten Jahren aber hat teilweise eine dezente soziale Entmischung stattgefunden - z.B. alte Mieter raus -> "Luxussanierungen" -> Besserverdiener/Bobos rein in die sanierten und nun teureren Wohnungen.
Aber es gab ein Leben vor der Gentri.fizierung - das Kutschkergrätzl empfand ich als eine gewachsene, heterogene Gegend mit einer Mischung von Menschen aller sozialen Schichten- von typischen Bürgerlichen, einfachen Haklern bis zu Studenten und Migranten die Vielfalt urbanen Lebens spiegelnd. Das verändert sich nun langsam in Richtung "soziale Homogenisierung", ein Verdrängungsprozess findet imho statt.

Solche Phänomene kennt man - wenn auch in stärkerem Ausmaß- von Berlin (Prenzlauer Berg - wo in 10 Jahren 90% der Bevölkerung ausgetauscht wurde)

Was sich zu einem Teil hinter der neuen, schnuckeligen Fassade der upgegradeten Gegend abgespielt/hat, interessiert nicht so sehr - Hauptsache, Bobos mit Familienanhang fühlen sich wohl.
Darunter wohl auch die Sorte "Wähle Grün, bin ach so korrekt und schaue auf HC-wähler in sozialen Brennpunkten herab" - aber selber lieber fern von sozio-kulturellen Problemen in einer "neu geschaffenen" heilen Parallelwelt Zuflucht suchen - Speckgürtel reloaded?
Was mit einigen Altmietern passiert ist, tangiert die Herrschaften wahrscheinlich nicht..

Re: Stadtrand? Der Kutschkermarkt ist Nähe Gürtel und grad einmal

Solange die vorhandene Bausubstanz genutzt wird und die Infrastruktur nachzieht, wie in ihrem Beispiel, ist das eben das genaue Gegenteil vom tristen Speckgürtel.

Um das zu objektiv zu beurteilen, muss man die Bobo-Lebenseinstellung nicht mögen.

Antworten Antworten Gast: addendum
11.02.2012 14:50
3 0

nein, es ist die urbane Analogie zum Speckgürtel

Dort steigen die Immobilienpreise seit Jahren- so ist es auch in den von G.entrifizierung betroffenen städtischen Gebieten. Altmieter müssen wegziehen, weil sie sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten können. Wie das in der Praxis ausschaut, konnte ich bei ehemaligen Hausbewohnern sehen.
Man muss sich einen guten Rechtsanwalt leisten können, um dem Druck standzuhalten und das kostet nicht nur Geld, sondern auch Nerven.

Eine Infrastruktur gab es auch schon VOR der schleichenden "sozialen Entmischung" der Kutschkergegend (und keine schlechte). Vor allem gab es mehr soziale Vielfalt. Nach mehr als 2 Jahrzehnten im Viertel kann ich das beurteilen.
Die Motive, in die NEU geschaffene "heile Welt" zu ziehen, entsprechen im großen und ganzen jenen der Speckgürtel-Flüchtlinge. Weg von sozio-kulturellen Problemen in eine Parallelwelt eintauchen, wo man gerne unter seinesgleichen ist. Darauf läuft die Entwicklung hinaus.


Gast: adlerauge
11.02.2012 01:22
2 0

Zeitgeist bedeutet auf Zeit - gewachsen bedeutet Nachhaltigkeit

Leider nur kurz erwähnt wurde die Ende letzten Jahres eröffnete Patisserie Hill. Durch sie wurde eine uralte, traditionsreiche Konditorei vor dem Zusperren bewahrt und das vorhandene Interieur von geschmacklosem aus den 80er Jahren bereinigt. War ja schauderhaft. Mobiliar aus den 50er, 60er und 70er Jahren wurde so umgebaut, dass man sich zwar in die Lilienporzellan-Ära der 60er Jahre zurückversetzt fühlt aber die Entwicklung des Hauses vom Ende des 19.Jhdt. bis in die 60er Jahre sieht und spürt. Geschmacklose Vertäfelungen aus bedruckten Hartfaserplatten wurden durch klassische Holzvertäfelungen ersetzt. Die Liebe zum Detail macht dieses Lokal so sympathisch - Nachhaltigkeit pur! Übrigens war eine ganze Seite im Kurier. Echt super. Nur Top Kritiken! Übrigens die Torten und Pralinen auch!
Das Himmelblau dürfte die Hill Patisserie genau in Augenschein genommen haben, aber die Liebe zum Detail fehlt dort etwas und es sind zu viele Stilbrüche vorhanden, halt nicht gewachsen, sondern zeitgeistig inszeniert. Aber trotzdem gut, dass sich etwas bewegt, wo doch alleine im letzten halben Jahr 4 "alt-eingesessene" Geschäfte alleine in der Gentzgasse zugesperrt haben.

Gast: Altkater1
11.02.2012 00:01
2 0

Bonobos!! Bonobos!!

"die urbane, junge Mittelschicht – einst nannte man sie Bobos – interessant"

Wieso nicht mehr Bobos?
Erinnert vielleicht zu sehr an Bonobos?

Gast: Bobohausen revisited
10.02.2012 21:54
3 2

Hauptsache, den geschichtsträchtigen, charmanten "Wilden Mann"

- ein UrWähringer Traditionskaffeehaus in der Währingerstraße/Nähe Hans-Sachs-Gasse- ist zugesperrt worden.
Diese Institution hätte eigentlich unter Denkmalschutz gehört.

Re: Hauptsache, den geschichtsträchtigen, charmanten "Wilden Mann"

Und ums Schopenhauer trauere ich auch.

Antworten Antworten Gast: addendum
11.02.2012 14:51
0 0

Re: Re: Hauptsache, den geschichtsträchtigen, charmanten "Wilden Mann"

nicht nur sie...

Gast: Juhu, endlich alles boboisiert
10.02.2012 21:24
3 0

Im Gegenteil, in der Gegend um den Kutschkermarkt wird eine post-urbane

Spießigkeit zelebriert, man könnte fast sagen, das Biedermeier feiert fröhliche Urständ' - durch die "Gentrifizierung" der umliegenden Straßenzüge ist ja jetzt genügend Nachfrage für dvorhanden.
Da hat mir der Kutschkermarkt bis Mitte der 2000er besser gefallen, der war zwar nicht glanzpoliert und auf "Idyll" getrimmt, dafür aber authentischer.
Die Ökoschwaben vom Prenzlauer Berg lassen anscheinend grüßen.