„Liebesentzug kann auch sehr wehtun“

Interview. Wann schlagen Eltern, wie umgehen sie es? Die Psychologin Luise Hollerer über Muster der Gewalt und die Nähe zwischen psychischer und körperlicher Gewalt.

Die Presse: In welchen Konstellationen sind Eltern anfällig für Gewalt?

Luise Hollerer: Ein Beispiel sind unvereinbare Positionen von Eltern, sie steigern den Stresspegel. Wenn ein Elternteil viel strenger als der andere ist, kann das Gefühl entstehen, alleinegelassen zu werden. Oder bei großer Belastung, wenn Eltern überanstrengt sind. Schwierig wird es, wenn Personen mit sehr wenig Impulskontrolle Kinder mit besonders viel Power haben.

Wie reagieren Kinder auf Gewalt? Ist nicht oft neben Kränkung auch Unverständnis für „Watschen“ das Problem?

Ja. Ein Kind erwartet von Eltern Bindung, die es im Leben absichert, es erwartet einschätzbare Eltern. Plötzlich ausgeübte Gewalt ist nicht mehr vereinbar mit den Worten des Elternteils, dieser wirkt gespalten, das Kind ist verunsichert. Als Reaktion entfernen sich ältere Kinder oft emotional, um sich zu schützen. Jüngere durchleben immer wieder dasselbe Muster aus Trost und Explosion – nach dem Ausbruch nehmen sie Eltern doch wieder in den Arm, irgendwann kommt wieder die Explosion. Dieses Muster internalisieren die Kinder oft und wiederholen es selbst.

Wie lassen sich Gewaltmuster brechen?

Wenn sich Erwachsene dieser Muster bewusst werden, sie reflektieren und steuern lernen, das geht im freundschaftlichen oder partnerschaftlichen Austausch. Wichtig ist, dass Eltern einander coachen und sich ein Handlungsrepertoire für schwere Situationen zurechtlegen. Gewalt passiert oft wegen Überforderung, vielen tut es ja danach leid.

Also auch wenn Gewalt nach wie vor passiert, glauben zumindest wenige an den „gesunden“ Schlag ins Gesicht?

Kaum jemand vertritt noch schwarze Pädagogik. Gewalt ist heute wirklich oft eine Übersprungshandlung. Früher gab es eher ganz klare Vorstellungen, wie ein Kind zu sein hatte, die dann oft mit Macht und Gewalt durchgesetzt wurden.

Körperliche Gewalt wird öffentlich stark diskutiert, psychische weniger. Sehen Sie da ein Ungleichgewicht?

Das muss man sehr differenziert diskutieren, aber natürlich darf der Fokus nicht nur auf Körperlichkeit liegen. Liebesentzug kann auch sehr wehtun. Ich hatte schon Menschen in der Praxis, die meinten, wäre es stattdessen nur der eine Klaps gewesen. Drohungen und Verdammungen sind genauso Affekthandlungen wie Schläge – das Gegenteil von dem, was der Auftrag an Eltern ist: Kinder beim Erlernen ihrer Impulskontrolle zu begleiten.

Sind Strafen dabei nur schlecht?

Ich würde eher sagen, ein Kind braucht logische Folgen: Wenn es mutwillig etwas zerstört, wäre es naheliegend, dass es den Schaden behebt, bevor es fernsehen kann. In Konfliktsituationen wäre es oft besser, wenn Eltern nicht groß reden, sondern warten, bis sie selbst und das Kind aus der Erregung in einen Zustand kommen, wo sie wieder Zugang zu eigenen Möglichkeiten haben. Dafür braucht man allerdings Zeit und Geduld.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2012)

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