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Nach Bologna & Co.: Wie bebensicher ist Wien?

29.05.2012 | 18:16 | GEORG RENNER UND CHRISTINE IMLINGER (Die Presse)

Bis zu 300 Beben registriert die Zamg jedes Jahr in Österreich. In Wien muss man alle 70 Jahre mit einem Beben rechnen, das Schaden anrichtet. Selbst stärkere Erdstöße würde Wien nicht in Schutt legen.

Wien. In Norditalien haben am Dienstag Erdbeben mehr als ein Dutzend Tote gefordert – zu spüren waren die Erdstöße bis ins niederösterreichische Waldviertel. Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (Zamg), die in Österreich für die Bebenbeobachtung zuständig ist, verzeichnete gestern rund 1000 Meldungen im ganzen Land. In Wien war unterdessen nichts von der Katastrophe zu bemerken – weil die Stadt geologisch in einer anderen Zone liegt.

Tatsächlich ist es in der Bundeshauptstadt schon eine Weile her, dass ein Erdbeben wahrnehmbar war: Am 11. Juli 2000 sorgten Erdstöße, deren Epizentrum bei Ebreichsdorf lag, auch für Meldungen aus der Wiener Bevölkerung. Noch weiter zurückgehen muss, wer nach einem Beben sucht, das in der Stadt Schäden verursacht hat: am 16. April 1972 – damals litt Seebenstein am stärksten – brachen während eines Bebens der Stärke 5,2 nach Richter etwa 20Meter der Balustrade der Universität Wien ab, die Feuerwehr verzeichnete rund 800 Einsätze. „Todesopfer gab es wahrscheinlich nur deswegen nicht, weil gerade Sonntag war“, vermutet Wolfgang Lenhardt, Leiter der Geophysik-Abteilung der Zamg: „Dadurch war gerade niemand in der Uni.“

 

Alle zehn Jahren bebt es spürbar

Generell, sagt Lenhardt, müsse man in Wien alle zehn Jahre mit einem „spürbaren“ Beben rechnen, alle 70 Jahre mit einem, das Schäden verursacht. Entstehen würden solche Ereignisse durch einen geologischen Bruch, der entlang der Linie Semmering-Seebenstein-Wiener-Neustadt-Ebreichsdorf-Schwadorf verlaufe – weswegen in der Hauptstadt spürbare Beben ihr Epizentrum häufig im Wiener Becken hätten. Neben dem Inntal und dem Mürztal zählt das Becken zu den am häufigsten betroffenen Zonen – dazu kommt der Süden Kärntens, der oft Erdstöße mit Epizentren in Slowenien und Italien abbekommt.

Statistisch werden in Österreich jährlich zwischen 30 und 60Erdstöße wahrgenommen – von der Bevölkerung zumindest. Denn die 30 Sensorstationen der Zamg registrieren im Jahr rund 600 Erschütterungen, von denen eine Hälfte auf Sprengungen, die andere auf Beben zurückzuführen ist.

Mit jenen Naturkatastrophen, die Todesopfer fordern und Städte in Schuttberge verwandeln, haben diese kleinen Erschütterungen freilich wenig gemein. Was aber wäre, wenn ein Erdbeben wie jenes in Italien Wien erschüttert? Welchen Erdstößen halten die Gebäude stand? „Grundsätzlich sind die Altbauten und historische Gebäude auf gar nichts ausgerichtet“, sagt Hannes Kirschner von der Wiener Baupolizei. Erdbebensicher werde erst seit gut zwei Jahrzehnten gebaut. „Baurechtlich ist es aber so, dass alte Bauten bestehen dürfen wie bisher.“

Das ÖIBI (Österreichisches Institut der Sachverständigen für bautechnische Immobilienbewertung) hat erforscht, wie Wien nach einem Beben von bis zu 6,5 nach Richter aussehen würde. Das Resultat: Es würden kaum Gebäude einstürzen (siehe Interview). Besonders die Gründerzeitbauten gelten als robust. Zumindest, wenn in der Vergangenheit nicht gepfuscht wurde, etwa Zwischenwände willkürlich herausgerissen wurden.

 

Neue Normen für Dachausbauten

Mittlerweile gelten da ohnehin strenge Regeln. Erst Anfang 2009 ist eine neue baurechtliche Erdbebennorm in Kraft getreten, der Eurocode 8. Demnach müssen Neubauten (oder Altbauten, die umgebaut werden) Beben standhalten, wie sie statistisch alle 475 Jahre vorkommen. Das letzte Beben der Stärke sechs hat sich in Wien 1590 ereignet (siehe unten). Während Neubauten heute standardmäßig solchen Erdstößen standhalten, müssen Altbauten bei jedem Umbau, wenn etwa Wohnungen eines Gründerzeithauses zusammengelegt werden oder ein Dachgeschoß ausgebaut wird, analysiert und erdbebensicher gemacht werden.

Die Befürchtung, diese Norm bedeute das Ende der Dachgeschoßausbauten, war grundlos. Die Zahl der Dachgeschoßausbauten wuchs in den vergangenen Jahren trotzdem, zeigt die Statistik.


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