Wie Wien sein historisches Erbe (nicht) schützt

In Wien wird das „Mala Strana“-Theater unter Schutz gestellt, das Römische Bad hingegen nicht. International bewegt sich Österreich in Sachen Denkmalschutz in den unteren Bereichen.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Im Nachhinein ist es fast erstaunlich, dass es bisher so gar nicht geschützt wurde: In einer Stadt wie Wien, in der viele Gründerzeitbauten unter Denkmalschutz stehen, haben die Denkmalschützer das alte Mittersteig-Theater auf der Wieden, besser bekannt als „Mala Strana“, jahrzehntelang übersehen. Nun wird das 1910 errichtete Haus verspätet doch unter Denkmalschutz gestellt, wie der Wiener Landeskonservator, Friedrich Dahm, der „Presse“ ankündigte.

Denn als sich das Gerücht hartnäckig hielt, dass ein Supermarkt in den historischen Saal einziehen könnte, wurden die Bezirks-Grünen aktiv, alarmierten das Bundesdenkmalamt, das ausrückte und prüfte. Mit dem Ergebnis, „dass wir den Theatersaal und das Foyer als eines der letzten Wiener Vorstadttheater erhalten wollen und ein Verfahren zum Denkmalschutz einleiten“, sagt Dahm. Andere Teile des Theaters am Mittersteig12, wie die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Fassade, werden nicht als Denkmal eingestuft.

Theoretisch könnte der Eigentümer, die Firma Conwert Immobilien, gegen den Denkmalschutz Einspruch erheben. Sprecher Clemens Billek schließt dies aber aus und ist „nach wie vor zuversichtlich“, demnächst einen „attraktiven Mieter“ zu finden. Trotz der strikten Denkmalschutzauflagen. Denn große Umbauten werden in dem sanierungsbedürftigen Theater, das auch als Bordell (für alliierte Soldaten), Boxarena (von Hans Orsolics) und Konzertbühne gedient hat, nun nicht mehr möglich sein.

 

Fokus auf Gründerzeitbauten

Das Denkmalamt muss in sämtliche Umbauten eingebunden werden. Dafür vergibt es Subventionen (bis zu 40.000 Euro), weil die Sanierung denkmalgeschützter Räume meist deutlich teurer ist.

Dass in Wien zu viel geschützt und zu wenig baulicher Fortschritt zugelassen wird, glaubt der Präsident der Kammer der Architekten für Wien, Niederösterreich und Burgenland, Walter Stelzhammer, allerdings nicht. Er würde sogar noch mehr Gebäude unter Schutz stellen. Bisher sei der Fokus zu stark auf Bauten aus der Gründerzeit gelegen. „Langsam beginnt das Denkmalamt, auch das bauliche Erbe der Nachkriegszeit zu schützen.“

Auch für die „Initiative Denkmalschutz“ passiert zu wenig. Das Denkmalamt würde im Prinzip nur mehr „Feuerwehr spielen“, sagt Markus Landerer von der Initiative. Der Personalstand des Amtes würde nicht mehr Arbeit erlauben. Tatsächlich wird etwa das Römische Bad in Wien-Leopoldstadt aus dem 19.Jahrhundert nicht unter Denkmalschutz gestellt.

Dafür sei viel zu wenig erhalten geblieben, sagt Landeskonservator Dahm. Und die Teile, die erhalten sind, seien teilweise stark beschädigt. Derzeit sei auch keine „Gefahr im Verzug“. Das Bad hatte Aufsehen erregt, nachdem ein Architekturfotograf das großteils zerbombte und derzeit unter anderem als Lagerraum verwendete Bad „entdeckte“ und sich – mit Unterstützung der Facebook-Gemeinde – an das Denkmalamt wandte.

Ungewiss ist hingegen die Zukunft zweier Nebengebäude des Alten AKHs (Lazarettgassenweg) von Architekt Emil von Förster (Dorotheum). Denkmalschützer wollten, dass die Gebäude unter Schutz gestellt wird, um einen Abriss zu verhindern. Zwar stehe ein Abriss nicht unmittelbar bevor, heißt es aus dem Krankenhaus (die Gebäude werden noch benutzt), aber die Möglichkeit bestehe.

 

300 Objekte in einem Jahr

Laut Bundesdenkmalamts-Chefin Barbara Neubauer bewegt sich Österreich in Sachen Denkmalschutz europaweit eher im unteren Bereich: „Bei uns sind 1,8Prozent der gesamten Haussubstanz geschützt, international sind es rund drei Prozent.“ Das Problem dieser Vergleiche sei aber, dass die Arbeit der Denkmalämter unterschiedliche Zuständigkeiten habe (so ist das Denkmalamt hierzulande nicht für Naturschutz zuständig).

Dass in Österreich in diesem Bereich wenig passiere, könne sie aber nicht bestätigen. Insgesamt stehen hier 37.000 Objekte unter Denkmalschutz. 30.000 Anträge sind noch zu überprüfen, wobei die Zahl auf 5000 reduziert wurde, die in den nächsten Jahren bearbeitet werden. Der Prozess sei aufwendig – und mit ihren 200 Mitarbeitern könne sie 300 Objekte im Jahr bearbeiten.

Auch aus Architektensicht sei die Arbeit an denkmalgeschützten Objekten trotz der strikten Auflagen „unglaublich kreativ“ und eine „ganz wichtige Schule für Architekten“, so Stelzhammer. „Ich sehe das nicht als Last, sondern als große Chance, das Historische zu bewerten und mit zeitgemäßen Elementen zu ergänzen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2012)

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