Wien/Stög. In einer Großstadt arbeiten und in einer „Satellitenstadt“ am Rand wohnen – dieser Trend wird auch in den nächsten Jahren anhalten. Wie eine am Dienstag präsentierte Statistik des Städtebunds zeigt, leben derzeit rund 5,5 der 8,4 Millionen Einwohner Österreichs in einer der 34Stadtregionen. Diese befinden sich rund um die Landeshauptstädte, aber auch in vermeintlich „ländlichen“ Gebieten wie Lienz, Vöcklabruck oder Weiz. Diese sogenannte „Binnenimmigration“ ins Umland werde weiter anhalten, erklärte Konrad Pesendorfer, Generaldirektor der Statistik Austria.
Einen besonders hohen Bevölkerungszuwachs weisen die Ballungszentren Wien, Graz und Linz auf. So verzeichnete die Bezirkshauptstadt Gänserndorf knapp 20 Kilometer nordöstlich von Wien von 2001 bis 2011 ein Bevölkerungsplus von 28 Prozent, die Gemeinde Vösendorf südlich von Wien ein Plus von fast 26 und das direkt an der Stadtgrenze gelegene Gerasdorf ein Plus von 23,4Prozent. Ähnlich ist die Entwicklung in der Stadtregion Graz: In Seiersberg – mit knapp 7500 Einwohnern eines der größten „Dörfer“ Österreichs“ – wuchs die Bevölkerung von 2001 bis 2011 um 22, in Gratkorn um 13 Prozent. Am Stadtrand von Linz wiederum legte Leonding, an jenem von Innsbruck Hall/Tirol besonders zu.
Graz ist nicht „Pensionopolis“
Weniger erfreulich ist die Lage in den ehemaligen steirischen Industrieregionen. Hier gibt es einen Bevölkerungsschwund. Die Stadt Eisenerz zählte 2001 noch knapp 6500 Einwohner, 2011 waren es nicht einmal mehr 5000. Zum Vergleich: 1950 lebten noch ca. 13.000 Menschen in Eisenerz. Aber auch anderen steirischen Städten wie Mariazell (-12,5 Prozent) oder Murau (-10,1) geht es nicht besser. Ein Sorgenkind in puncto Abwanderung ist auch das nördliche Waldviertel: Litschau und Heidenreichstein verzeichnen ebenfalls starke Bevölkerungsrückgänge.
Das obersteirische Eisenerz hält aber auch einen anderen Rekord: Mit 51,4 Prozent hat die Stadt den geringsten Anteil an Personen im klassischen Erwerbsalter (20 bis unter 65 Jahre). Jene Landeshauptstadt mit dem höchsten Anteil an Einwohnern im erwerbsmäßigen Alter ist das vielfach als „Pensionopolis“ gescholtene Graz. Die steirische Metropole hat zudem mit einem Bevölkerungsplus von 15,6Prozent in den vergangenen zehn Jahren am stärksten zugelegt. Dagegen ist St. Pölten die Landeshauptstadt mit dem höchsten Anteil an Pensionisten. Vorarlbergs politisches Zentrum Bregenz ist mit einem Anteil von 21,5 Prozent der 0- bis 19-Jährigen die „jüngste Landeshauptstadt“ Österreichs.
Menschen mit Migrationshintergrund lassen sich bevorzugt in Großstädten nieder. Wenig überraschend hat daher auch Wien mit einem Anteil von 21,5 Prozent, gemessen an der Wohnbevölkerung, den höchsten Ausländeranteil, gefolgt von Salzburg und Bregenz. Am geringsten ist dieser in Klagenfurt (10,6) und Eisenstadt (9,4).
Analysiert wurden auch Ausgaben der Städte, vor allem in puncto Bildung. „Die Bereitstellung von Bildungs- und Kinderbetreuungseinrichtungen gehört zu den wichtigsten Infrastrukturleistungen der Städte“, erklärte Städtebund-Generalsekretär Thomas Weninger. So beliefen sich die jährlichen Pro-Kopf-Ausgaben für vorschulische Erziehung 2010 in Landeshauptstädten auf durchschnittlich 5700 Euro pro Kind, beim allgemeinbildenden Unterricht bei 3300 Euro pro Schüler.
Für das laut Weninger „städtische Investitionsprogramm schlechthin“, einen Bildungscampus, sieht er aber schwarze Wolken aufziehen: Im Rahmen des Konsolidierungspaketes sei die Möglichkeit des Vorsteuerabzuges für Bildungseinrichtungen eliminiert worden. Dadurch würden sich Investitionen für Bauprojekte um 20Prozent verteuern.
Bruck, Kapfenberg fusionieren
Unterdessen wurde am Dienstag bekannt, dass die obersteirischen Städte Bruck/Mur und Kapfenberg fusionieren. Die Zusammenlegung soll 2015 erfolgen, aus der jetzt dritt- und viertgrößten Stadt würde dann die zweitgrößte Stadt der Steiermark entstehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2012)

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