Studie: Jeder Vierte erlebt Gewalt in Schule

Nicht nur Mitschüler zeigen aggressives Verhalten, auch Lehrer. In der AHS ist der Umgang friedlicher als in polytechnischen Schulen. Schüler mit Migrationshintergrund sind öfters Opfer der Gewalt.

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(c) Clemens Fabry

Salzburg/Wien. Schubsen, stoßen treten – immer wieder werden Schüler in Österreichs Schulen handgreiflich oder sind selbst das Opfer von Gewalt. Erst am Dienstag hatte ein zwölfjähriger Schüler aus Wels eine Drahtspule aus dem Physiksaal gestohlen – um sie einem Kollegen als Schlinge um den Hals zu legen und leicht zu spannen. Als sein ein Jahr älterer Mitschüler über Schmerzen am Hals und Taubheit in den Armen klagte, drehte ihm der Jüngere noch den Kopf ruckartig zur Seite. Der 13-Jährige wurde am Schulhof erstversorgt und in eine Klinik gebracht. Er dürfte eine Zerrung der Halswirbelsäule erlitten haben.

Jeder vierte männliche 15-Jährige wird innerhalb eines halben Jahres zweimal Opfer von Gewalt durch seine Mitschüler. Und jeder Dritte ist in diesem Zeitraum mindestens zweimal Täter. Das besagt eine Zusatzanalyse zur PISA-Studie vom Jahr 2009, die nun in Salzburg präsentiert wurde. 1500 Schüler sind dafür befragt worden.

Allgemein machen Schüler öfter Erfahrung mit Gewalt als ihre Kolleginnen: Zwölf Prozent der Mädchen und 29 Prozent der Burschen sind akut davon betroffen – sei es als Täter oder Opfer. Kinder, die in Streitereien unbeteiligt waren, schnitten beim PISA-Test auch besser ab. Allerdings: Bei Schülerinnen mindert Gewalterfahrung die schulischen Leistungen – bei Schülern konnte man hingegen keinen solchen direkten Zusammenhang feststellen.

Aggressives Verhalten zeigen allerdings nicht nur Mitschüler – auch einige Lehrer würden immer noch Gewalt anwenden: 40 Prozent der Burschen haben laut Studie nach eigenen Angaben zumindest einmal in sechs Monaten derartige Gewalterfahrungen gemacht. Außerdem schauten Lehrer oft weg: Die Schüler gaben jedenfalls an, dass 40 Prozent der Lehrer bei Gewalthandlungen nicht eingriffen.

 

Migranten sind öfter Opfer

Ein für die Autoren der Studie überraschendes Ergebnis: 15-Jährigen mit Migrationshintergrund widerfuhr überdurchschnittlich oft Gewalt. Allerdings sei dieses Ergebnis aufgrund der Stichprobenziehung „mit Vorsicht zu interpretieren“. Eine zweite Zusatzanalyse zur selben PISA-Studie zeigt einen weiteren Trend auf: An Schulen mit strengeren Zugangsvoraussetzungen (wie etwa einer AHS) wird weniger Gewalt ausgeübt als an Schulen, für die keine Zugangsvorausetzungen existieren (Hauptschulen oder polytechnische Schulen).

Dass schlechte Schüler automatisch aggressiver seien, bedeutet dies allerdings nicht: „Es gibt zwar einen Zusammenhang, aber einen derartigen Rückschluss kann man nicht ziehen“, meint Silvia Bergmüller, Co-Autorin der Studie. Eine mögliche Erklärung wäre, dass ein Lehrer in einer Klasse mit hoher Gewaltbereitschaft viel Zeit für die Disziplinierung aufbringen muss, die sonst in den Unterricht investiert werden könnte. Eine mögliche Lösung sei etwa, die Selektion im österreichischen Schulsystem nach hinten zu rücken. „Dann könnten Schüler länger als durchmischte Gruppe unterrichtet werden.“

Allerdings: Das aggressive Verhalten der Schüler hat im Laufe der Zeit nicht zugenommen. Den Teilnehmern der Studie wurden nämlich dieselben Fragen wie in einer TIMSS-Studie aus dem Jahre 1995 gestellt – mit ähnlichen Ergebnissen. Und auch knapp 60 Prozent der befragten Schulleiter gaben an, dass physische Aggression nicht zugenommen habe – was aber keinesfalls Anlass zur Entwarnung geben dürfe.

 

26 Polizeieinsätze im Vorjahr

Die Polizei musste im vergangenen Jahr in Österreich übrigens 26-mal in Schulen einschreiten. Dabei handelte es sich um Amokdrohungen oder um bedrohliches Verhalten einzelner Schüler (siehe auch unten stehenden Bericht).Von den 26 Einsätzen betrafen zwei steirische Schulen, zu den restlichen 24 rückte die Polizei in Wien aus. Die meisten Einsätze – nämlich je drei – gab es in den Bezirken Wieden, Favoriten, Döbling und Floridsdorf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2012)

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