Den Haag. Bart drückt seine Zigarette im Aschenbecher aus. Dann gibt er in seiner Haager Stammkneipe eine Runde aus und wirft seine noch halbvolle Zigarettenpackung mit großer Geste auf den Tresen. „Das war die letzte“, kündigt er öffentlich an. „Nach 38 Jahren rauchen ist jetzt Schluss.“
Draußen wartet ein Taxi. Bart verabschiedet sich von den Freunden in seiner Stammkneipe, geht nach draußen und steigt ein. Der Taxifahrer ist instruiert. Es weiß genau, wohin er mit Bart jetzt fahren muss. Das Ziel ist eine Raucherentzugsklinik.
Bart ist nicht der einzige, der sich jetzt von der Nikotinsucht befreien will. Rund 1,5 Millionen Niederländer wollen in den kommenden Tagen und Wochen versuchen, mit dem Rauchen aufzuhören. Der Grund: Am 1. Juli tritt in den Niederlanden das neue Anti-Rauchergesetz in Kraft. Es verbietet das Rauchen dann in allen öffentlichen Räumen vom Bahnhof, dem Rathaus bis zum Krankenhaus und auch in der Gastronomie. Eine eigens gegründete „Raucherpolizei“, der 200 Beamte angehören, wird in Zivil Kneipen, Cafés und Restaurants durchstreifen und kontrollieren, ob das neue Gesetz auch eingehalten wird. Wirten, die das Rauchen in ihren Lokalen weiterhin erlauben, drohen hohe Geldstrafen. Das neue Gesetz gilt landesweit.
Eigene „Kiffkammern“
Es untersagt nicht den Gebrauch von Haschisch oder Marihuana, sondern gilt allein für den Tabakkonsum in öffentlichen Räumen. Üblicherweise wird Cannabis nicht pur geraucht, sondern meist mit Tabak vermischt. Reine Cannabis-Joints können allerdings in rund 700 Coffee-Shops weiterhin geraucht werden. Manche Lokalbesitzer haben auch eigene „Kiffkammern“ eingerichtet, in denen geraucht werden darf, die Kunden aber nicht bedient werden.
Tabak rauchen in Holland nur rund 28% der Bevölkerung. Und es könnten weniger werden: „Wir haben uns auf den 1. Juli gut vorbereitet“, sagt Lies van Gennip, Direktionsmitglied der Anti-Raucher-Organisation Stivoro. Zusammen mit den Gesundheitsämtern lanciert die Stivoro am 1. Juli eine landesweite Anti-Raucher-Kampagne. Titel: „Ergreife deine Chance – jeder Raucher kann aufhören.“ Es wurde eigens eine Website eingerichtet, auf der Raucher, die aufhören wollen zu qualmen, Selbsthilfegruppen bilden können. Auch viele Unternehmen machen mit. Sie wollen ihre Mitarbeiter dazu bewegen, mit dem Rauchen aufzuhören.
Hilfe beim Nikotin-Entzug
Viele Städte und Gemeinden planen Programme. Am weitesten geht bisher die Gemeinde Vlagtwedde. Sie will die Hälfte aller Behandlungskosten für Entzugsprogramme ihrer Beamten finanzieren. Denn ab 1. September werden Raucher und Nichtraucher in der Gemeinde Vlagtwedde gleichgestellt. Dann kann der noch immer rauchende Beamte nicht mehr x-beliebig oft nach draußen laufen, um sich eine anzustecken. „Es wird zwei offizielle Raucherpausen geben, eine morgens, eine Mittags, von je fünf Minuten. Nichtraucher können sich in diesen beiden Pausen einen Kaffee holen“, erklärt Gemeindesprecherin Marianne Hofstra die neue Regelung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2008)
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