Kirche – Politik: Beredte Sprachlosigkeit

„Presse“-Serie. Kirche, Staat und Parteien in Österreich. Über den Bedeutungsverlust der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit.

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(c) AP (Ricardo Mazalan)

Ob der Verstorbene ein Kardinal der heiligen römischen Kirche war wie Franz König oder ein amtierender Bundespräsident wie Thomas Klestil oder ein früherer Bundespräsident und UNO-Generalsekretär wie Kurt Waldheim – das eigentliche Staatsbegräbnis für ihn findet jedenfalls im Stephansdom statt.

In der ersten Reihe sitzen der agnostische Bundespräsident und der katholische Bundeskanzler, und das Fernsehen überträgt die festliche Feier in der ihm eigenen Form des unterkühlten Pathos, die es besonders gut beherrscht. Keinen würdigeren Rahmen hat das Land für einen solchen Anlass aufzubieten als die Liturgie des Requiems in ihrer unwandelbaren Form und strengen Schönheit.

Thron und Altar also wie eh und je im Bündnis – auch unter den demokratisch-republikanischen Verhältnissen des beginnenden 21. Jahrhunderts? Die Kirche jedenfalls nimmt es gern als Bestätigung ihrer ungebrochenen Geltung in dem Land, dass der Staat nicht ohne sie auskommen kann, wenn er wirklich etwas sehr feierlich und ernst gestalten will. Das österreichische staatskirchenrechtliche System kennt keine strikte Trennung von Kirche und Staat, auch machtatmosphärisch gibt es einen vielfältigen Konnex.


Was bedeutet Äquidistanz?

Real wird das Problem der Kirche mit der Politik in ihrem Verhältnis zu den Parteien. Kardinal König hat den berühmten Begriff der „Äquidistanz“ namentlich zu den beiden großen Volksparteien geprägt. Das Wort ist häufig missverstanden worden in dem Sinne, dass die Kirche ihrerseits auf gleichen Abstand – oder auch gleiche Nähe – zu beiden halte. König wollte es, so lautet zumindest die heutige kirchliche Interpretation, umgekehrt verstanden wissen: Nähe oder Ferne zur Kirche bestimmen die Parteien dadurch, wie sich ihre Politik zur Lehre der Kirche und deren Wertvorstellungen verhält.

Dass eine Partei sich in einer weiten Distanz von der Kirche befinde, wollte kürzlich der Erzbischof von Salzburg, Alois Kothgasser, zeigen. Er wies einen hohen Orden des Landes, den ihm der Landeshauptmann, Frau Gabi Burgstaller (SP), überreichen wollte, mit der Begründung zurück, dass sie die Verantwortung trage, dass in der Landesklinik eine Abtreibungsambulanz eingerichtet wurde. Kothgasser verschärfte den Konflikt, indem er nicht zum 60-Jahr-Jubiläum der Katholischen Frauenbewegung ging, weil diese Burgstaller eingeladen hatte.

Der Fall Kothgasser wirft ein Schlaglicht auf das Konfliktpotenzial, das zwischen Kirche und SPÖ nach wie vor lauert, das aber keine der beiden Seiten ernstlich aufrühren möchte. Kothgasser bleibt ein störender Einzelfall. Man bemerkt von allen Seiten höflich, er hätte politisch geschmeidiger agieren können, anstatt einen einsamen Gewissensakt und ein ohnmächtiges Zeugnis zu setzen. Alle halten den Vorfall für eine Peinlichkeit. In der Sache hat der Erzbischof Recht: Die Straffreiheit einer (nicht zu vergessen: weiterhin schuldhaften) Abtreibung impliziert nicht das Recht darauf, sie in einer öffentlichen Einrichtung vornehmen zu lassen.

Die 1974 von der SP-Alleinregierung gegen die Stimmen der Opposition aus ÖVP und FPÖ eingeführte Fristenlösung ist nach wie vor eine „offene Wunde“ wie es Kardinal König bezeichnete. Bruno Kreisky, damals Bundeskanzler, wusste, dass er eine dauerhafte Störung des Verhältnisses zur Kirche riskierte, die er vermeiden wollte. Er musste sich aber auf dem Villacher Parteitag dem Drängen der SP-Frauenorganisation beugen.

Aber das Verhältnis der Kirche zur SPÖ ist geschäftsmäßig normal. Man könnte es eine höfliche Unbeziehung nennen. Dabei können nicht wenige SP-Politiker auf eine Jugend bei den Ministranten, der katholischen Jungschar oder in einem feinen kirchlichen Gymnasium verweisen. Bei passender Gelegenheit, nicht bei SP-Veranstaltungen, lassen sie das gern durchblicken. Das Bild des kleinen Alfred G. im Ministrantenrock verfehlt auf schlichte Gemüter gewiss nicht seine Wirkung. Manche kirchlichen Kreise halten die SPÖ wegen ihrer Betonung des Sozialen ohnehin für die bessere christliche Partei, wie umgekehrt die SPÖ die Caritas für die eigentliche, die bessere Kirche. Der eine oder andere in der SPÖ fragt sich insgeheim, wie viele „Divisionen“ der Erzbischof und die Kirche von Österreich noch aufzubieten haben und gibt sich die beruhigende Antwort, dass es nicht viele sind.

Viel komplexer ist das Verhältnis der Kirche und der ÖVP, die immerhin von rund 60 Prozent der regelmäßigen sonntäglichen Kirchgänger gewählt wird. Mit den Kirchgängern allein könnte die ÖVP nicht annähernd eine Wahl gewinnen. Immer noch finden sich vor allem in der älteren Generation von VP-Spitzenpolitikern etliche gläubige Katholiken.


Ansprechpartner fehlen

Wolfgang Schüssel ist nach dem Abgang von Andreas Khol wahrscheinlich der theologisch gebildetste Politiker. Er macht aber im Gegensatz zum gern bekennerhaften Khol kein Aufhebens davon und achtet sehr darauf, seine religiöse Praxis nicht in der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen, ohne sie aber zu verstecken. Zu Schüssels Zeit hat sich die ÖVP wieder gern christlich-sozial genannt, auch um damit die Zugehörigkeit zur „Familie“ der europäischen Christdemokraten zu betonen.

Dennoch wird von der Spitze der ÖVP geklagt, dass man kaum Ansprechpartner in der Kirche finde und die Kirche kein Interesse an einem Dialog habe. Seit jeher hat die Partei auch einen nicht-kirchlichen, vorwiegend wirtschaftsliberal gestimmten Flügel gehabt, für den es von Zeit zu Zeit Belebungsversuche gibt. Die Zeiten, wo ein durchschnittlicher VP-Funktionär zumindest irgendwie kirchlich sozialisiert war, sind vorbei. Dass die Partei in zentralen Fragen der Ethik kirchliche Positionen vertritt, ist längst nicht selbstverständlich. Der derzeitige Programmfindungsprozess kann auch als ein solcher Emanzipationsversuch von christlich-kirchlichen Bindungen verstanden werden. Man will sich vom „altmodischen Familienbild“ der Kirche trennen und „offen“ sein für andere Formen von Beziehung.

Dass die Kirche keine Parteipolitik macht, ist heute eine Selbstverständlichkeit. Es hat viel zum inneren Frieden und Ausgleich im Land beigetragen. Niemand kann und will sich mehr eine politisierende Kirche vorstellen. Das hat der Kirche die Chance eröffnet, frei und unbehindert ihre Meinung zu äußern.

Aber ein markanter Bedeutungsverlust in der Öffentlichkeit ist unübersehbar. Sogar Kardinal Christoph Schönborn hat das zugegeben. Er müsste freilich sich selbst fragen, woher das kommt. Er äußerst sich kaum je zu gesellschaftlich relevanten Fragen. Ihre politische Aufgabe hat die Kirche sozusagen an die Caritas ausgelagert. Der Grazer Bischof Kapellari hat sein Unbehagen hintersinnig so ausgedrückt: Man solle auf die Caritas, sprich ihren ehrgeizigen Präsidenten Franz Küberl, zwar hören, „aber sie ist nicht unfehlbar“. Küberl füllt die Lücke aus und übernimmt gern die Geschäftsführung ohne Auftrag.

Besonders schmerzhaft fällt die Stimmlosigkeit in sozialen und ökonomischen Fragen auf. In der Bischofskonferenz gibt es keine Kompetenz dafür. Der zuständige Bischof Ludwig Schwarz aus Linz hat sich zum Sprachrohr einzelner Gruppen im grün-katholischen Biotop machen lassen. Als er sich undifferenziert für ein Grundeinkommen aussprach, musste er von Kapellari zurückgepfiffen werden. Jetzt sagt er gar nichts mehr.

WISSEN

Äquidistanz: Definiert durch Kardinal Franz König; die Parteien bestimmen selbst durch ihre Politik Nähe bzw. Ferne zur katholischen Kirche.
Parteipräferenzen: Ungefähr 60Prozent der regelmäßigen Kirchgänger wählen ÖVP.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2007)

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