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Diktat der (Nicht-)Raucher

08.09.2012 | 18:05 |  von Duygu Özkan (Die Presse)

Philosophieprofessor Peter Kampits und Gesundheitssoziologe Wolfgang Dür im Streitgesprächüber (Rauch-)Verbote und den Nichtraucher Hitler.

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Seit es das Tabakgesetz gibt, gibt es auch den „Rauchersheriff“. Angeblich geht ein Großteil der bisher eingebrachten Anzeigen auf diese eine Person zurück.

Peter Kampits: Das ist eine Art Denunziantentum, das mir missfällt.

Wolfgang Dür:Wenn jemand mehrere tausend Anzeigen einbringt, dann ist das ein psychiatrisches Phänomen und klinisch zu untersuchen. Grundsätzlich aber muss ein Nichtraucher den für ihn gesetzlich garantierten Schutz einklagen können. Die Schwachstelle des Gesetzes ist aber, dass ein Konfliktfeld eröffnet wird, weil der Gesetzgeber nicht mutig genug war, ein generelles Rauchverbot in der Gastronomie zu bestimmen. Das ist ein schlechtes Gesetz.

Kampits: Dieser Kompromiss hat schon einiges für sich. Das Grundrecht, dass ich in unserer Gesellschaft immer mehr beeinträchtigt sehe, ist das Recht auf Autonomie und Freiheit. Wir werden immer mehr zu einem Überwachungsstaat. Videokameras nehmen jede unserer Bewegungen auf, der Gang zum Bankomaten wird registriert. Der gläserne Mensch ist im Anrollen. Das Gesetz ist sicher nicht vollkommen, aber eine ganz gute Kompromisslösung.

Die Durchführung des Gesetzes weist Mängel auf, viele Lokale halten sich nicht an die Vorgaben und kein Stammgast würde das Lieblingslokal anzeigen.

Dür: Der erste Fehler des Gesetzes ist, dass der Wirt unter bestimmten Bedingungen entscheiden kann, ob er ein Raucher- oder Nichtraucherlokal führt. Der zweite Fehler ist die Umsetzung. Man sieht es an den hilflosen Versuchen der Wirte, mit Schiebeglastüren die Raucherzone abzugrenzen. Das wäre so, wie in einem Schwimmbecken eine Urinier- und eine Nichturinierzone zu definieren. Das ist nicht umsetzbar und der Staat selbst müsste sämtliche Gastwirte anzeigen. Zudem ist festgestellt worden, dass die Feinstaubbelastung und die Belastung mit Rauchinhaltsstoffen in Nichtraucherabteilen dieselbe ist wie im Raucherabteil.

Kampits: Ich halte die Schiebetüren schon für problematisch, aber das ist ein technisches Problem. Ich habe bei einer Fahrt mit der „Westbahn“ zufällig erfahren, dass die Technik so ausgereift ist, dass mit Hilfe von Messgeräten keine Belastung feststellbar war. Ich sehe aber schon ein, dass nicht jeder Wirt das installieren kann.

Meinen Sie, Herr Kampits, dass ein generelles Rauchverbot – auch in der Gastronomie – eine Einschränkung der Freiheit ist?

Kampits: Dass die Freiheit zum Rauchen ihre Grenze an der Freiheit anderer findet, ist eine Selbstverständlichkeit. Der Nichtraucherschutz soll dort gewährleistet sein, wo er von den anderen gefordert wird. Ich würde mich nie in ein Restaurant setzen, wo „Nichtraucher“ steht, und mir dort eine Zigarette anzünden. Diese Toleranz erwarte ich auch von den Nichtrauchern.

Dür: Es setzen sich meistens die Raucher durch, Kinder werden nicht gehört. Der rauchende Vater wird mit der gesamten Familie dort sitzen, wo er rauchen kann. Wenn man das Raucherproblem – nämlich, dass Rauchen zu Krankheiten führt – ernst nimmt, dann müsste man sagen: in der Gastronomie darf nicht geraucht werden.

Kampits: Ich sehe das nicht so scharf. Wenn man sich durch Rauch belästigt fühlt, geht man in ein Nichtraucherlokal und die Raucher rauchen draußen – was kein Problem ist, es sei denn, es ist Winter oder es regnet. Die amerikanische Gesetzgebung tendiert dazu, das Rauchen auf den Straßen im Freien überhaupt zu verbieten, das öffnet wiederum dem Denunziantentum Tür und Tor. Und das halte ich für eine Entmündigung des Menschen.

In Ländern wie Irland und Frankreich, wo ein generelles Rauchverbot in der Gastronomie herrscht, ist bei der Verbotsdiskussion vermutlich nicht über die Entmündigung des Menschen debattiert worden.

Dür: Ganz im Gegenteil. Reden sie mit Rauchern in Italien und Irland, sie werden Ihnen sagen, dass sie froh sind über das Rauchverbot. Dort war es eine klare Entscheidung, die demokratisch getroffen und legitimiert wurde.

Kampits: Es ist ein Diskriminierungseffekt mit dabei. Ich finde es fast jämmerlich und bedauernswert, wenn bei uns auf der Uni die Studenten in Trauben vor dem Tor stehen und Zigaretten rauchen. Ich halte die Regelung für vernünftig, dass man in Büroräumen, in denen man alleine sitzt, rauchen darf. Sitzt man zu zweit oder zu dritt, und der Nichtraucher fühlt sich belästigt, dann wird nicht geraucht, ganz klar.

Wie realistisch oder wünschenswert ist ein generelles Rauchverbot an öffentlichen Plätzen?

Dür: Das sehe ich nicht kommen. Ein allgemeines Rauchverbot am Arbeitsplatz ist was anderes.

Kampits: Ich weiß schon, das ist meine alte Leier, aber mir fallen wieder diese Verbotssituationen ein. Wenn ich an das Dritte Reich denke – damals hieß es: Die deutsche Frau raucht nicht, die deutsche Frau schminkt sich nicht, sondern bringt für den Führer anständige Söhne auf die Welt. Hitler war ja selber militanter Nichtraucher.

Dür: Das ist so unfair, diese Nazigeschichten. Das wird von der Tabakindustrie systematisch ausgenutzt. Es gab in den 1980er-Jahren von der Tabakindustrie lancierte Comics, in denen immer wieder gesagt wurde: Hitler war ein Nichtraucher – und alle Nichtraucher werden in diese Ecke gedrängt.
Kampits: Sie haben schon recht. Ich bin natürlich nach wie vor der Auffassung, dass diktatorische Maßnahmen einfach unangebracht sind.

Abgesehen vom Tabakgesetz, was halten Sie von Verboten, die harte Drogen betreffen? Heroin oder Kokain? Inwieweit kann hier gesagt werden, dass ein Drogenverbot ein Eingriff in unsere Freiheit ist?

Kampits: Ich meine, dass man es bei diesen Verboten belassen sollte – aber nicht, was Marihuana betrifft. Die Drogen sind schwer gesundheitsschädigend, das ist ja klar. Auf der anderen Seite sieht man auch, dass diese Verbote eine Schattenwirtschaft hervorrufen. Das Kokain wird ja gehandelt, Sie können Ecstasy in den U-Bahnen kaufen. Die Verbotsgeschichte ist immer eine sehr delikate. Aber ich bin inkonsequent, mir ist schon klar, dass Rauchen nicht gesundheitsfördernd ist.

Verbieten – nicht verbieten: Wo hat das seine Grenzen? Können Sie das definieren?

Kampits: Unsere Freiheit findet eine Grenze am Respektieren der Freiheit des anderen. Sagt sich leicht, da kommen Fragen hinein, die für die Philosophen auch nicht so einfach zu beantworten sind: Wie gehe ich mit Intoleranz um, wenn ich selber tolerant bin?

Dür: Man sieht heute Mütter und Väter im Auto rauchen, und hinten sitzen die Kinder. In so einem Fall bin ich dafür, dass die Eltern das Rauchen zu unterlassen haben – per Gesetz, wenn es nicht anders geht. Ich darf auf der Autobahn auch dann nicht 200 fahren, wenn nur wenige Autos auf den Straßen sind. Natürlich ist das eine Einschränkung meiner Willkür, aber nicht meiner Freiheit.

Kampits: Eine Einschränkung, die ich mir selbst auferlege, wähle ich ja frei. Ich bin der Meinung, dass wir nicht alles gesetzlich geregelt haben müssen.

Dür: Aber das ist demokratisch entschieden, es wird ihnen nicht aufgezwungen.

Zurück zum Rauchverbot in der Gastronomie: Was bringt eigentlich ein Verbot?

Dür: Die Raucherprävalenzen gehen runter. Ein Drittel der Raucher in Österreich sind dissonante Raucher, das heißt, sie würden aufhören, wenn sie könnten. Es würde ihnen helfen, wenn das Rauchen an Orten wie Arbeitsplatz, und Gastronomie verboten wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2012)

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29 Kommentare
 
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Gast: Gast Nico
10.09.2012 21:20
1 1

Höchst enttäuschend, Herr Professor!

Nicht zu glauben, aber von Herrn Philosophieprofessor Peter Kampits mit seiner beachtlichen Vita, hätte ich substantiellere Antworten anstelle von Polemik mit Ausflug in das Dritte Reich erwartet! Gerade die erste Frage sollte doch einen Philosophen dazu veranlassen, in die Tiefe zu gehen und primär nach den Ursachen Ausschau zu halten. Oberflächliches gibt es genug täglich zu lesen. Herr Dür hat bei dieser Frage zwar ebenfalls höchst polemisch, ja schon unantastbar beleidigend begonnen, dann aber, wie ich glaube, auf den sachlichen Weg zurück gefunden. Herr Kampits enttäuscht mich in Folge mit Allgemeinphrasen, Polemik, Widersprüchlichem und mit Schwammigkeit, die ich bisher nur von Politikern kannte!
Ich bin kein Befürworter für ein Rauchverbot an öffentlichen Plätzen im Freien - hier würde ich an gegebenen Orten und Situationen an die Rücksicht der Raucher appellieren - aber mit dem Ausritt von Herr Prof. Kampits ins Dritte Reich verbunden mit der assoziativen Verknüpfung von Hitler und Nichtraucher hat er sich für mich selbst disqualifiziert. Dass es auch anders geht, hat Herr Dür gezeigt! Sehr sachlich und ohne Polemik.

Gast: Patrrick
10.09.2012 13:47
1 0

Danke Scherrif ! Nur durch ihn halten sich die meisten überhapt erst daran.

Wenn die Behörden sich so offenkundig weigern geltendes Recht durchzusetzen, dann muss man sich nicht wundern, dass dies die Bürger übernehmen. Genauso war es vom Gesetzgeber gewollt.
Autos aufschreiben und Aufsteller bestrafen geht ja auch ohne Probleme. Warum dann nicht einen Blick in die Wirtschaft werfen.
Man stelle sich mal vor... Steuern zahlen, nur wenn sich jemand beschwert.
Ich habe Respekt vor dem Scherrif und wünsche ihm viel Erfolg beim festmachen der Schwarzen Schafe. Hut ab! Danke!


Re: Rauchen ist nicht schädlich, oder doch ....?

In den Augen der Hardcore-Nikotiniker sind das alles nur Lügen...

Gast: stummel
09.09.2012 18:56
0 2

Nichtraucher

Mit den Wischiwaschigesetzen in Österreich
kommt nie was anständiges heraus.
Ständig gib es Streitgespräche für und wider. In den Lokalen stinkts, im Freien werden die Tschikstummel einfach auf den Boden, Weg, Straße geworfen und alles versaut. Also entweder eine anständige Lösung oder gar nicht.

Raucher-Nichtraucher

siehe bis 23.45 TV auf Arte

Re: Raucher-Nichtraucher

Hab ich mir angesehen. War sehr unterhaltsam.

!!!

Den Tabakdreck ganz verbieten und fertig!

Apardheid! ...

Die strikte Trennung von Rauchern und Nichtrauchern im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Raum. Damit wir Raucher uns endlich wieder auf das Wesentliche konzentrieren können.

Gast: bla
09.09.2012 16:41
1 1

Inkonsequenz

Na immerhin erkennt er dass er inkonsequent ist.

Und wieso er die Situation der Studenten als jämmerlich und bedauernswert empfindet und nicht diese Studenten selbst ist auch seltsam.

Gast: Kaspar Hauser
09.09.2012 08:49
6 3

ist das Recht auf Autonomie und Freiheit.

Das Recht der Nichtraucher auf eine rauchfreie Umgebung wird hier wieder mal vergessen. Vor allem gilt das für die, die dort arbeiten müssen. Im Gegenteil zu dem, was manche behaupten, kann man sich da nämlich nicht so einfach einen neuen Job suchen. Wird einem arbeitslosen Kellner z.B. ein Job in einem Raucherlokal vermittelt, dann darf er den nicht mit der Begründung, dort werde geraucht, ablehnen!

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Re: ist das Recht auf Autonomie und Freiheit.

Das ist einfach falsch.

Ein Arbeitsloser darf die Arbeit in einem Raucherlokal ablehnen, ohne dass ihm deshalb die AMS-Bezüge gekürzt werden.

Unwissen oder bewußte Lüge?

Niemand muß in einem R-Lokal arbeiten.


Sunfs gesteuerte Themaverfehlung

Niemand sprach vom AMS!

0 3

Re: Sunfs gesteuerte Themaverfehlung

Nicht verstanden, Tischler?

"Wird einem arbeitslosen Kellner z.B. ein Job in einem Raucherlokal vermittelt, dann darf er den nicht mit der Begründung, dort werde geraucht, ablehnen! "

Re: Re: Sunfs gesteuerte Themaverfehlung

Bei gesteuerten Fehlinterpretationen kannten sich die Tabaklobbyisten immer schon bestens aus; dafür werden sie ja bezahlt :)

Abrissarbeiten und Dachausbauten ...

... in der Stadt, Verkehrsstaus täglich, 13000 Tote durch Abgase. Schulweg neben der Wienzeile. Nur ein paar Beispiele, die wichtiger sind.

Re: Abrissarbeiten und Dachausbauten ...

Nicht wichtiger, gleich wichtig! überall mit nachdruck!

Na dann, Rauchverbot in der Gastronomie muss her!

Zurück zum Rauchverbot in der Gastronomie: Was bringt eigentlich ein Verbot?
Dür: Die Raucherprävalenzen gehen runter. Ein Drittel der Raucher in Österreich sind dissonante Raucher, das heißt, sie würden aufhören, wenn sie könnten. Es würde ihnen helfen, wenn das Rauchen an Orten wie Arbeitsplatz, und Gastronomie verboten wird.

Und, es braucht keine Rauchsheriffs mehr, übrigens nicht Rauchersheriffs, denn angezeigt wurden von "Krebspatienten für Krebspatienten" nur Wirte, nicht Raucher, aber da durch rund 500 Sympathisanten und nicht einer Person, Vorsicht Herr Dürr.

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Re: Na dann, Rauchverbot in der Gastronomie muss her!

"Wolfgang Dür:Wenn jemand mehrere tausend Anzeigen einbringt, dann ist das ein psychiatrisches Phänomen und klinisch zu untersuchen."

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Na dann, 2. Anlauf

Glauben Sie nicht auch, SunF, dass Menschen die erzieherisch mit Kinder umgehen, nicht drogensüchtig sein sollen, z. B. Aufsichtspersonen bei den Pfadfindern in Hietzing. Eigentlich sollten die Eltern davor gewarnt werden!

0 2

Re: Na dann, 2. Anlauf

Keine Ahnung worauf Sie zum wiederholten Mal (wie im Standard) anspielen wollen, da ich weder irgendetwas in Hietzing zu tun habe, noch eine Aufsichtsperson bei den Pdafindern bin.

Ich vernmute dager, dass Halluzinationen zu den Symptomen Ihrer psychischen Erkrankung zählen.

Abgesehen davon, denke ich, dass Konsum des legalen Genußmittels Tabak ebenso zur Kultur unserer Gesellschaft zählt wie der Konsum von Alkohol.

Sie müssen weder rauchen noch trinken- niemand zwingt Sie - aber belästigen Sie bitte nicht Ihre Mitmenschen mit Ihrem krankhaften Missionstrieb.

Re: Re: Na dann, Rauchverbot in der Gastronomie muss her!

Eine sehr gefährliche und diskriminierende Aussage mit faschistischem Charakter. Apropos Psychiatrie: Die Nikotinabhängigkeit gilt als psychische Störung (ICD - 10,F 17)

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Re: Re: Re: Na dann, Rauchverbot in der Gastronomie muss her!

Kann nicht so schlimm sein diese "psychische Störung".

Immerhin war Helmut Schmidt trotz dieser "Störung" 8 Jahre deutscher Bundeskanzler, VdB lange Zeit Vorsitzender der Grünen, Arni Gouverneur von Kalifornien, Obama wurde sogar US-Präsident und ein Drittel aller Österreicher führt damit ein ganz normales Leben.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: meisterlampe
09.09.2012 14:24
1 0

Re: Re: Re: Re: Na dann, Rauchverbot in der Gastronomie muss her!

"und ein Drittel aller Österreicher führt damit ein ganz normales Leben. "

Der erste Grund zur Besserung wäre die Einsicht des Problems....

0 3

Re: Re: Re: Re: Re: Na dann, Rauchverbot in der Gastronomie muss her!

Sie müssen ja nicht rauchen, wenn Sie nicht wollen.

Ich habe kein Problem damit zu rauchen.

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Na dann, Rauchverbot in der Gastronomie muss her!

aber ein Problem zu ihrer (schädlichen) sucht zu stehen.
Einsicht wäre der erste weg zur Besserung!

 
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