Im Vatikan herrscht akuter Beratungsbedarf. Dass das auch noch öffentlich zugegeben wird, zeigt: Die Lage ist ernst. Vergangenen Samstag versammelte Benedikt XVI. zuerst einmal seine „Minister“ um sich, die Chefs der Kurienbehörden also. Das geschieht höchstens jedes halbe Jahr. Am Abend bestellte er, eine Neuheit, auch noch „fünf Weise“ ein: fünf Kardinäle aus aller Welt.
Der Papst, sagt Vatikansprecher Federico Lombardi, wolle auf die „durch die Veröffentlichung geheimer Dokumente entstandene Lage“ reagieren und seine „Überlegungen vertiefen“ im Kreis von Personen, „die mit ihm die Verantwortung für die Kirchenleitung teilen“. Lombardi und zuvor schon der stellvertretende Chef des Staatssekretariats, Erzbischof Angelo Becciù, räumen ein, „dass sich der Papst sehr um die Glaubwürdigkeit der Kirche und das Vertrauen gegenüber der Kurie sorgt“.
Ferner legt sich der Vatikan nun einen hochprofessionellen „Kommunikationsberater“ zu. Der amerikanische Fernsehjournalist Greg Burke (52) soll – nach direktem Vorbild der Kommunikationschefs und „Spin Doctors“ in Barack Obamas Weißem Haus – dafür sorgen, dass „Medienpannen“ wie die Veröffentlichung geheimer Dokumente nicht mehr vorkommen und dass das Erscheinungsbild von Papst & Co. in den weltlichen Medien wieder strahlend weiß wird.
Schon in den vergangenen Wochen sind auffallend viele hohe Vatikanfunktionäre mit Interviews an die Öffentlichkeit getreten, in denen sie die Geschlossenheit der Kurie um den Papst betonten oder – wie Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone – gegen eine Art Journalistenverschwörung von außen polemisierten und jeglichen internen Fehler leugneten.
Bei den Beratungen dieser Tage geht es, nicht nur in Zusammenhang mit dem Dokumentenskandal, um schwierige Personalentscheidungen: Bleibt der umstrittene Bertone? Wie lange noch? Oder braucht man den neuen „Kommunikationsberater“ auch dazu, eine Zwangspensionierung zum ehrenvollen Abschied umzudefinieren?
Die nächste Frage: Wer wird Chef der Glaubenskongregation? William Joseph Levada (76), der farb- und glücklose Amerikaner auf dem einstigen Stuhl von Joseph Ratzinger, will seit geraumer Zeit in Pension gehen.
Die Suche nach einem Nachfolger aber zieht sich bereits außergewöhnlich lange hin.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2012)
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