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Muslimas: „Eine neue Generation wächst heran“

13.07.2012 | 18:32 |  von Siobhán Geets (Die Presse)

Muslimische Frauen nehmen oft anders am Alltag teil als Männer. Große Unterschiede zeigen sich zwischen den Generationen – die Jungen emanzipieren sich.

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Wien. Über wenige andere Gruppen existieren so viele Klischees und Vorurteile wie über Frauen, die dem Islam angehören. Ungebildet, unterdrückt und unterwürfig, sprechen sie kein oder nur schlechtes Deutsch, leben in einer Parallelgesellschaft – noch mehr als ihre Ehemänner – und kümmern sich hauptsächlich um eines: die Kinder.

Dass es nicht ganz so einfach ist, zeigt sich in Gesprächen mit engagierten Frauen, die tief in der muslimischen Gemeinschaft Österreichs verwurzelt sind. Die Hypothese, dass vor allem ältere Muslimas anders am öffentlichen Leben teilnehmen als Männer, wird allerdings bestätigt. „Ältere Frauen aus bildungsfernen Schichten nehmen weniger daran teil als ihre Männer“, sagt Liselotte Abid, Islamwissenschaftlerin an der Uni Wien und freie Journalistin. „Häufig sieht man sie im Park, sie spielen bei der Erziehung der Enkel eine wichtige Rolle.“ Carla Amina Baghajati von der Islamischen Glaubensgemeinschaft räumt ein, dass sich auch diese Frauen über Initiativen immer häufiger mit Frauen außerhalb der Community austauschen.

Tugba Dönmez-Aktürk, Beraterin beim Salzburger Verein Viele, gibt zu bedenken, dass Frauen, die ihren Männern nach Österreich folgen, erst arbeiten dürfen, nachdem sie die Integrationsvereinbarung erfüllt haben. Viele blieben unter sich und befreundeten sich mit Frauen aus ihrer Heimat, die einen ähnlichen Alltag haben: „Männer bauen leichter Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft auf, sie lernen die Sprache schneller, weil sie arbeiten.“ Zahlen dazu, wie viele muslimische Frauen in Österreich berufstätig sind, gibt es nicht. Bei Zuwanderern ist die Zahl der erwerbstätigen Frauen über 55 Jahren allerdings geringer als bei jenen ohne Migrationshintergrund. Türkische Frauen arbeiten am seltensten, 16 Prozent sind es bei den 55- bis 64-Jährigen (zum Vergleich: etwa 33 Prozent der 55- bis 64-jährigen Frauen ohne Migrationshintergrund sind berufstätig).

 

Jugend im Konflikt zwischen Lebenswelten

Man dürfe aber nicht vergessen, so Baghajati, dass diese Frauen im sozialen Leben oft eine zentrale Rolle spielen: „Bei Familienkonflikten übernehmen sie die Rolle der Mediatorin und bieten Lösungsansätze.“ Je älter sie werden, desto höher wird ihr gesellschaftlicher Status: „Die Frauen haben mit 50, 60 oft ein Selbstbewusstsein, das sie mit 30 noch nicht hatten.“

Einen Konflikt zwischen Tradition und Moderne gebe es bei den meisten jungen Migranten, sagt Dönmez. „Familien, die in Österreich leben, haben oft ein starkes Traditionsbewusstsein. Das liegt daran, dass sie fürchten, ihre Kinder könnten vergessen, woher sie kommen.“ Dieser Konflikt, die Widersprüche zwischen den Lebensweisen, könnte ein Grund sein, wieso sich viele keiner Kultur ganz zugehörig fühlen. Dönmez: „Man muss in beiden Welten funktionieren. Unter uns nennen wir das Zwischenkultur.“

Gerade die junge Generation reflektiert und hinterfragt den Lebensstil der Eltern stark. „Männliche Jugendliche haben in muslimischen Familien tendenziell mehr Freiheiten, auch, was die Sexualität betrifft“, sagt Abid. Viele junge Mädchen fänden es ungerecht, dass ihre Brüder mehr Freiheiten genießen als sie. „Diese Doppelmoral wird heute vermehrt kritisiert“, sagt Baghajati. Manche Verhaltensweisen würden mit Tradition gerechtfertigt. „Wir müssen aber unterscheiden zwischen dem, was die Religion vorsieht, und den traditionellen Auslegungen. Im Koran steht nicht, dass Mädchen um acht Uhr zu Hause sein müssen.“ Junge Frauen brächten diese Widersprüche heute vermehrt ein, dabei helfe religiöse Bildung. „Durch das Wissen haben junge Menschen die Möglichkeit zu hinterfragen“, sagt Baghajati. Auch die Burschen diskutierten heute mehr über die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Baghajati: „Sie interessieren sich für das Thema, und sie emanzipieren sich. Da wächst eine neue Generation heran.“

 

Islam und Feminismus: Ein Widerspruch?

Über das Thema Islam und Feminismus wurden schon Bücher gefüllt, für viele ist es ein Widerspruch, gleichzeitig Muslima und Feministin zu sein. Nicht für Dönmez, sie bekennt sich zum Feminismus: „Wie viele andere Frauen hinterfrage ich die patriarchale Interpretation des Islam und setze mich für die Gleichberechtigung der Geschlechter ein“, sagt sie. Heute gebe es regen Austausch zwischen Feministinnen und Muslimas, sagt Baghajati. „Einen aggressiven Dialog, wie wir ihn von Alice Schwarzer aus Deutschland kennen, haben wir in Österreich zum Glück aber nicht.“

In ihrer Lehrtätigkeit machte Abid die Erfahrung, dass sich junge Muslimas vermehrt mit dem Thema Feminismus beschäftigen. Viele beziehen sich dabei auf islamische Frauenrechte, die etwas anders aussehen als im Westen: „Es herrscht die Idee, dass Frauen und Männer sich auch in ihren sozialen Rollen ergänzen.“ Die Rollen seien zwar nicht starr in der Religion verankert, „eine völlige Gender-Gleichschaltung sieht der Islam jedoch nicht vor“.

Zu den Personen

Liselotte Abid, Jg. 1949, lehrt Gender Studies zur islamischen Welt an der Uni Wien. Sie trat vor 40 Jahren zum Islam über.

Carla Amina Baghajati, Jg. 1966, ist Medienreferentin der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Sie konvertierte 1989 zum Islam.

Tugba Dönmez-Aktürk, Jg. 1983, kam als 13-Jährige von der Türkei nach Österreich. Sie berät Familien im Verein Viele.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)

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10 Kommentare
Gast: press mess
14.07.2012 14:44
0 5

musliminnen

vielen österreicherinnen christlichen glaubens täte es gut,wenn sie auch nur 50% des selbstbewusstseins der musliminnen hätten!speziell der menschen-und frauenverachtende katholizismus,der hierzulande bereits mit der muttermilch eigenommem und verinnerlicht wird,verhindert dies.

Re: musliminnen

Es erfordert wirklich sehr viel Selbstbewusstsein:
um sich zu weigern, seinen Vergewaltiger zu heiraten,
sich mit 14 nicht in die Türkei abschieben zu lassen,
um gegen den eigenen Willen verheiratet zu werden,
um sich gegen die Beschneidung aufzulehnen,
um auf Schulbildung zu bestehen,
um sich gegen die Exekution wegen angeblichen Ehebruchs aufzulehnen usw.
DAFÜR brauchen diese Frauen sehr viel Mut und Selbstbewusstsein.
Ich wünsche ihnen von Herzen, dass sie eines Tages über dieses Selbstbewusstsein verfügen werden.

Gast: Onkel Hans
14.07.2012 04:26
4 0

Na fein!


Dort kann sich ja die ÖVP um Wähler umsehen.

Mich können sie jedenfalls. Und meinen Kindern werd ich auch vermitteln, wem sie welche Entwicklungen zu vermitteln haben.

Die Jungen emanzipieren sich

vielleicht in den Augen der Erzkonservativen.
So lange an Wiener Schulen 14jährige den Bildungsweg beenden müssen, weil sie in die Türkei verheiratet werden, ist das nur ein frommer Wunsch, um es freundlich auszudrücken.

Das heisst korrekt nicht "Muslima" sondern "Muslimin"

Wo soll denn das -a herkommen. Aus dem Italienischen, oder was?

Antworten Gast: FrankN
14.07.2012 21:43
0 2

Re: Das heisst korrekt nicht "Muslima" sondern "Muslimin"

Genauso ist es - "Muslima" ist sprachlicher Unfug. Muslimin ist richtig:

http://goo.gl/uCNm1

Antworten Gast: Üzi Güzi
14.07.2012 12:54
6 0

Re: Das heisst korrekt nicht "Muslima" sondern "Muslimin"

ganz egal ob mit i oder a, ich brauch beides nicht

Gast: Kurti
13.07.2012 20:27
12 0

"sie fürchten, ihre Kinder könnten vergessen, woher sie kommen"

Auf Deutsch: sie fürchten, ihre Kinder könnten so werden wie die Österreicher, von denen sie anscheinend ein sehr schlechtes Bild haben.

Und da wird's halt schwer. Weil der Österreicher wird sich auch nicht so schnell ändern. Und immerhin sind wir das Land das wir heute sind, mit unserer Kultur, unserem Wohlstand, unserer Toleranz, weil wir eben so sind wie wir sind. So schlecht können wir Österreicher also nicht sein. Wer sich in die Österreichische Gesellschaft nicht integrieren will, der hat selbst ein Problem.

Re: "sie fürchten, ihre Kinder könnten vergessen, woher sie kommen"

Die Kinder werden nicht vergessen, woher sie kommen. Die Eltern sollten ihnen aber keine Steine in den Weg legen, damit sie sich wirklich in diese Gesellschaft integrieren und sich hier zu Hause fühlen dürfen und können.

Gast: treffsicher
13.07.2012 19:58
11 0

Schon wieder eine neue Generation?

Ist das die vierte oder schon die fünfte?