Islam-Repräsentant: „In jeder Religion gibt es Mörder“

Fuat Sanac, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, wehrt sich dagegen, Terrorismus mit Religion zu verbinden.

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(c) Die Presse (Gabriele Paar)

Die Presse: Wo stehen Österreichs Muslime heute?

Fuat Sanac: Die Muslime sind hier zu Hause. Ihnen ist das bewusster geworden. Auch die Mehrheitsgesellschaft hat jetzt erfahren, dass der Islam seit 100 Jahren anerkannt ist.

Präsident Heinz Fischer spricht vom Abflachen der Islamophobiekurve. Bemerken Sie das auch?

Das kann ich bestätigen. In den letzten Monaten gibt es weniger Angriffe und Beschimpfungen. Manche haben vor dem Islam Angst, weil sie den Islam nicht kennen. Darum müssen Muslime mehr Kontakt suchen.

Worauf führen Sie zurück, dass es weniger Angriffe gibt?

Bis jetzt hat man über Integration klischeehaft gesprochen, mit Schuldzuweisungen. Jetzt redet man über Probleme und deren Lösungen, früher hat man nur über Probleme gesprochen.

Dass es Probleme gibt, ist ein Faktum.

Ja, aber wir wissen, dass das keine Integrations-, sondern Sozialprobleme sind. Man hat immer wieder gesagt, dass die Muslime Deutsch lernen müssen – aber man sieht, dass es gar nicht um Sprache geht. Viele Jugendliche, die im Gefängnis sind, haben keine Sprachprobleme. Wenn Menschen familiäre Probleme haben, keine Ausbildung, keinen Job, dann sind das die Probleme, an denen wir arbeiten müssen.

Sie meinen, dass etwa der Extremismus eines Mohamed Mahmoud nichts mit dem Islam zu tun hat?

Das hat weder etwas mit dem Islam noch mit der Sprache zu tun. Man spricht von Hasspredigern – die sprechen fließend Deutsch. Dieser Mohamed Mahmoud ist ein dummer Mensch – und mit dem werden dann alle Muslime in einen Topf geworfen. Umgekehrt hat ein Mann in Oslo 77 Menschen getötet – und kein Mensch hat die Christen beschuldigt. In jeder Religion gibt es Mörder. Aber es ist falsch, die Mörder mit ihrer Religion zu identifizieren.

Viele vermissen bei österreichischen Muslimen, dass sie zu Problemen in islamischen Ländern Stellung beziehen.

Egal, was irgendwo passiert ist, mussten sich die Muslime hier entschuldigen. Das ist doch unlogisch und unmenschlich.

Es geht nicht um eine Entschuldigung, eher um eine Verurteilung.

Die IGGiÖ ist zuständig für die österreichischen Muslime. Wir sind weder Anwalt noch Vertreter der Muslime der Welt. Wenn etwas ganz Schreckliches passiert, dann schreiben wir eine Stellungnahme. Wenn ich jetzt eine Sache verurteile, verlangen andere, dass ich es bei anderen auch mache.

Nun war kürzlich Hassan Mousa, ein Mitglied des Schurarats, in Gaza und hat zur Gefangennahme israelischer Soldaten aufgerufen.

Er hat nicht im Namen der IGGiÖ gesprochen. Er hat dort ein Interview für einen persischen Sender gegeben, da hat er 15 Minuten gesprochen. Ein anderer Fernsehkanal hat daraus ein paar Worte genommen. Seine Aussagen waren manipuliert.

Ich habe mit ihm gesprochen, da hat er gesagt, dass die Palästinenser israelische Soldaten festnehmen sollen.

Rechtlich gesehen hat er gesagt, in einem Land Soldaten gefangen zu nehmen, ist ein Recht.

Trotz allem: Kann man als Mitglied der IGGiÖ Dinge sagen, die nicht mit der IGGiÖ vereinbar sind, auch wenn man für eine andere Organisation spricht?

Gibt es keine Meinungsfreiheit? Er hat nichts Ungesetzliches gesagt. Er hat gesagt, nach internationalem Recht kann es so sein, aber ich will, dass die zwei Völker an einem Tisch sitzen.

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Grafik: Die Presse

Gehen wir zurück nach Österreich. In Ihre

m ersten Jahr als Präsident hat man in der Öffentlichkeit eher wenig von Ihnen gesehen.

Nun, ich habe ein Ramadanfest organisiert mit Beteiligung des Bundespräsidenten. Und wir hatten die 100-Jahr-Feiern. Aber abgesehen davon geht es darum, vorher die internen Probleme zu lösen.

Man hat oft den Eindruck, die einzelnen Verbände machen, was sie wollen.

Das ist richtig. Ich spreche manchmal stundenlang mit ihnen. Ich will sie motivieren, dass sie begreifen, dass wir zusammenarbeiten müssen, uns öffnen müssen. Sonst kommt immer die Frage, ob wir etwas zu verbergen haben.

Im Dialogforum Islam müssen die Muslime regelmäßig zum Rapport. Ist das nicht demütigend?

Das sehe ich nicht so. Als wir Muslime hierhergekommen sind, waren viele andere schon da. Sie haben diese Phase hinter sich, wir noch nicht. Vieles wurde in der Vergangenheit versäumt, von den Regierungen, aber auch von den Muslimen selbst. Aber damals hat keiner daran gedacht, dass sie hier bleiben würden. Jetzt, 40 Jahre später, gibt es für viele kein Zurück mehr.

Aber an der Integration scheint es an vielen Stellen dennoch zu hapern.

Seit einigen Jahren spricht man vernünftig über diesen Prozess der Integration. In ein paar Jahren wird man nicht mehr über Integration sprechen, sondern über Sozialprobleme, weil die Muslime dann Österreicher sind.

Aber fühlen sie sich als Muslime auch heimisch hier?

Auch islamisch gesehen – jeder ist verantwortlich für das Land, in dem er lebt. Das Islamgesetz, das vom Kaiser kommt, wurde auch von der Republik Österreich bestätigt. Das Jubiläum ist eine Bestätigung, dass die Muslime Teil dieses Landes sind.

Das Islamgesetz soll ja auch novelliert werden.

Wenn das Gesetz erneuert ist, sind die Muslime hier zu 100 Prozent zu Hause. Dann haben sie nicht nur alle Rechte, sondern auch große Verantwortung und Verpflichtungen. Dann können sie nicht mehr jammern, sondern müssen sich wie Muslime verhalten. Das Verhalten von Muslimen zu einem Staat muss loyal sein, wenn sie alle Rechte haben.

Zur Person

Fuat Sanac, geboren am 1.Jänner 1954 in Harput in der Türkei, ist seit 2011 Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. [Paar]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)

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