Die katholische Kirche der Slowakei kommt nach der Absetzung von Erzbischof Robert Bezák nicht mehr zur Ruhe. Mit Verstörung nehmen slowakische Katholiken plötzlich wahr, dass sie und ihre Kirche längst in vollkommen verschiedenen Welten leben.
„Wir möchten doch wenigstens wissen, warum Erzbischof Bezák abberufen wurde!“, flehen seit Wochen Gläubige in der historischen Kirchenmetropole Trnava wie auch im inzwischen zu einer eigenen Diözese erhobenen Bratislava. Doch die Kirchenoberen können das nicht fassen: Es sei „eine unter dem Einfluss der Medien entstandene Irrmeinung, dass der Heilige Vater seine nach reiflicher Überlegung getroffenen Entscheidungen erklären oder gar rechtfertigen müsse“, empörte sich der Sprecher der Bischofskonferenz.
Sogar der stets vatikantreue Ex-Dissident und spätere Parlamentspräsident František Mikloško war sichtbar erschüttert, als er gegenüber dem staatlichen Fernsehen die „ohne Begründung“ erfolgte Abberufung des „ehrenhaften und beliebten“ Erzbischofs kommentierte: „Die Ergebenheit gegenüber dem Heiligen Vater und dem Vatikan war seit jeher prägend für uns Slowaken. Jetzt ist eine für uns völlig neue Situation entstanden.“
Wenn sogar Mikloško irritiert ist, gilt das erst recht für einfache Gläubige der jüngeren Generation. Für die Bankangestellte Martina Dvôrska war der abgesetzte Bezák ein Symbol für die Kirchenöffnung. „Für mich steht daher außer Zweifel, aus welcher Ecke die Vorwürfe kamen, die zu seiner Absetzung führten“, sagt sie zur „Presse“. Die verknöcherten Repräsentanten der alten Hierarchie hätten gegen ihn intrigiert, ist sie überzeugt.
Entfremdung längst sichtbar
Noch dazu habe Bezák die inzwischen auch ins Visier der Staatsanwaltschaft geratene Finanzgebarung der Diözese untersuchen lassen. Da sei es nicht verwunderlich, dass ihm in einem über den TV-Sender TA3 in die Öffentlichkeit durchgesickerten ultimativen Fragenkatalog vor der Absetzung auch vorgeworfen wurde, außerkirchliche Finanzexperten als Berater engagiert zu haben. Dazu kamen Fragen wie: „Ist es wahr, dass Sie vorzugsweise Freizeitkleidung getragen und sich über Priestergewänder lustig gemacht haben?“
Kritiker weisen darauf hin, dass die Kluft zwischen der Kirche und den Gläubigen schon längst bestanden habe. Nur hätten sie die Gläubigen bisher nicht bemerkt. Sie verehrten den Papst, kümmerten sich aber nicht um seine Ansicht zu vorehelichem Geschlechtsverkehr oder Verhütung. Erst die Bezák-Absetzung habe ihnen bewusst gemacht, wie verschieden die Anschauung der Kirche von ihrer eigenen längst geworden sei.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2012)
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