Rituelle Beschneidung: Ärzte fordern Klarstellung

25.07.2012 | 18:17 |   (Die Presse)

Gesundheitsminister Stöger hält die Diskussion um die Beschneidung für „nicht wichtig“. Laut Justizministerium ist die Rechtslage klar. Trotzdem herrscht in der Praxis Verunsicherung.

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Wien/Graz/Bregenz/Uw/Apa. Geht ein Arzt, der eine rituelle Beschneidung durchführt, ein Rechtsrisiko ein? Das Urteil des Kölner Gerichts, das die religiös motivierte Entfernung der Vorhaut bei kleinen Buben als Körperverletzung qualifiziert, verunsichert nun auch österreichische Mediziner. In den Vorarlberger Landeskliniken werden vorläufig keine rituellen Beschneidungen mehr durchgeführt, genauso in der Grazer Kinderchirurgie. Angeheizt wurde die Debatte zuletzt vom Vorarlberger Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP), der den Ärzten im westlichsten Bundesland einen OP-Stopp empfahl – und ein Schreiben mit Bitte um Klärung der Lage an seine Parteikollegin im Justizministerium, Beatrix Karl, abschickte.

Dort findet man jedoch: „Es gibt keinen Klarstellungsbedarf und daher auch keine Debatte“, wie der Abteilungsleiter für Strafrecht, Christian Manquet, erklärt. Beschneidungen seien mangels Tatbestand nicht strafbar. Punkt. Auch Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) ließ am Mittwoch ausrichten: Das sei eine „aufgesetzte Diskussion“, das Ganze „nicht wichtig“. Und weiter: Für konkrete Entscheidungen seien die Landeskliniken selbst zuständig.

Die Länder hingegen hätten ganz gern Antworten vom Bund. Der Tiroler Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) appellierte an Stöger, bundesweite Standards für Beschneidungen festzulegen. Derzeit ist die Lage in Österreich generell uneinheitlich: In den Kliniken in Niederösterreich, Tirol, Salzburg, Oberösterreich und dem Burgenland werden Beschneidungen nur aus medizinischen Gründen durchgeführt. In Kärnten fordert Landeshauptmann Gerhard Dörfler (FPK) überhaupt ein bundesweites Verbot.

Die Ärzte selbst sehen nicht erst seit dem Urteil Handlungsbedarf: „Das Problem ist alt“, sagt Reinhold Kerbl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. „Wenn mich ein Arzt fragt, ob er eine Beschneidung vornehmen soll, wenn er auf der sicheren Seite sein will, würde ich abraten. Was ist, wenn später jemand klagt?“ Laut Ärztekammer ist es eine Gewissensentscheidung des Arztes, den Eingriff durchzuführen. Zwang gibt es keinen.

Genährt wird Kerbls Skepsis vom Verfassungsexperten Heinz Mayer (Uni Wien): Zwar sei die Religionsfreiheit von der Verfassung geschützt, aber ein Gesetzesvorbehalt erlaube Beschränkungen, etwa wenn es um die Gesundheit geht. Mayer bezweifelt, dass die Zustimmung der Eltern den nicht medizinisch gebotenen Eingriff rechtfertigt.

Auch die Grazer Kinderchirurgie und die Vorarlberger Landeskliniken trauen dem Justizressort offenbar nicht: „Wir warten die Stellungnahmen unserer Rechtsanwälte ab“, sagt der stv. Vorstand der Grazer Kinderchirurgie, Amulya Saxena. Auch Wolfgang Bohner, zuständig für das Qualitätsmanagement der Vorarlberger Landeskliniken, wartet auf eine „Klärung durch Experten“.

 

Diagnose als Vorwand?

Wie die aussehen soll, ist offen: Günter Fasching, Präsident der Gesellschaft für Kinderchirurgie, ist zwar nach anfänglichen Zweifeln überzeugt, dass die Ärzte abgesichert sind, erwartet aber „dringend“ eine ausführliche Stellungnahme des Justizministeriums. Kerbl hingegen hofft auf eine explizite gesetzliche Regelung. Auch der Religionsrechtsexperte Richard Potz von der Uni Wien, der Beschneidungen für gerechtfertigt hält, „weil es ein geringer, weltweit häufiger Eingriff ist, der durch die Religions- und Erziehungsfreiheit der Eltern gedeckt ist“, glaubt, dass man der Verunsicherung eventuell mit einer Gesetzesbestimmung begegnen muss. Die Frage sei aber: „Schreibt man dann hinein, dass nur Ärzte beschneiden dürfen?“ Denn in der jüdischen Gemeinde erledigen das eigene Fachleute.

Kerbl wäre dafür, den Eingriff Medizinern vorzubehalten. Für eine Klärung der Lage spricht sich auch Fuat Sanac, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, aus: „Wenn die Ärzte verunsichert sind, braucht es eine Klarstellung der Politik.“ Zwar hätten Muslime kein Problem, Ärzte für OPs zu finden, aber: „Mir ist lieber, wenn Beschneidungen im Spital durchgeführt werden.“ Wobei die „Initiative gegen Kirchenprivilegien“ die Frage aufwirft, ob rituelle Beschneidungen immer so tituliert werden – oder nicht unter dem Deckmantel der Diagnose einer Vorhautverengung vorgenommen würden. Mit dem Effekt, dass die Sozialversicherung die Kosten übernehme. So hätten Buben in Vorarlberg – wo der muslimische Bevölkerungsanteil hoch ist – laut Statistik Austria ein dreifach höheres Risiko, an Vorhautverengung zu erkranken. Im „Ö1“-Mittagsjournal wehrte sich der Hauptverband der Sozialversicherung gegen den Verdacht. Kerbl jedoch kann sich vorstellen, dass Ärzte mitunter eine medizinische Indikation vorschieben. Um sich rechtlich abzusichern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2012)

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107 Kommentare
 
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Erst bei Auszug.

Wie habt Ihr es hier mit euren 16 Jahren? In Deutschland gelten 14 für Religionsmündigkeit.
Ich denke aber, es sollte erst unabhängigen Erwachsenen erlaubt sein. Besonders in den Autoritären islamischen Familien wäre die Wahlfreiheit sonst Augenwischerei.

Gast: saubersagich
26.07.2012 20:18
2

sauber sag ich

wenn das nur die moslems durchführen würden wäre das ganze schon längst verboten

mit der beschneidung werden 2 grundrechte des kindes verletzt, zum einen die körperliche unversehrtheit und zum anderen die religionsfreiheit

religionsfreiheit bedeutet nicht dass man dem anderen seine religion aufzwingen darf, sondern dass das individuum seine religion ohne zwang selbst bestimmen und ausleben darf

Re: sauber sag ich

"wenn das nur die moslems durchführen würden wäre das ganze schon längst verboten"

Ganz genau! So sehe ich das auch. Herr Muzicant spricht in Zusammenhang mit der aktuellen Beschneidungsdebatte gar schon wieder von einem "neuerlichen Versuch, das Judentum vernichten zu wollen" und scheut selbst den direkten Vergleich mit der NS-Propaganda nicht.

Damit führt er die Diskussion ganz bewusst in eine Richtung, in der sie unmöglich weitergeführt kann, da ja wohl niemand mit dem Holocaust in Verbindung gebracht werden will.

Eine unmögliche Form, sich der Problematik zu verstellen, dass wir bestimmte Riten einfach nicht mehr dulden wollen: Wir schieben das Thema ins Völkermord-Eck und dürfen dort erwarten, dass es verstummt.

Re: sauber sag ich

"wenn das nur die moslems durchführen würden wäre das ganze schon längst verboten"

Ganz genau! So sehe ich das auch. Herr Muzicant spricht in Zusammenhang mit der aktuellen Beschneidungsdebatte gar schon wieder von einem "neuerlichen Versuch, das Judentum vernichten zu wollen" und scheut selbst den direkten Vergleich mit der NS-Propaganda nicht.

Damit führt er die Diskussion ganz bewusst in eine Richtung, in der sie unmöglich weitergeführt kann, da ja wohl niemand mit dem Holocaust in Verbindung gebracht werden will.

Eine unmögliche Form, sich der Problematik zu verstellen, dass wir bestimmte Riten einfach nicht mehr dulden wollen: Wir schieben das Thema ins Völkermord-Eck und dürfen dort erwarten, dass es verstummt.

Antworten Gast: ungeliebter Heike
27.07.2012 10:48
0

Weltweit

sind ca ein Viertel aller Männer beschnitten, sagt der Netdoktor.

Bis zum Ende der 70er-Jahre wurden in den USA fast 90 Prozent der neugeborenen Jungen beschnitten. Seit damals ist jedoch ein rückläufiger Trend zu beobachten. Weltweit kann man davon ausgehen, dass jeder vierte Mann beschnitten ist.
http://www.netdoktor.de/Magazin/Die-Beschneidung-beim-Mann-228.html

und:
In den letzten Jahren entscheiden sich auch in Europa zunehmend mehr junge Männer für eine Beschneidung, obwohl keine medizinische Notwendigkeit vorliegt. Vielfach spielen dabei ästhetische und auch hygienische Gründe eine Rolle.

Gesundheitsminister Stöger soll

zu weiblichen und männlichen Genitalverstümmelungen Stellung nehmen!

Gast: Und umgekehrt?
26.07.2012 16:15
0

Warum eine Diskussion nicht mehr möglich ist!

Beide Seiten haben Totschlagargumente, sogar in einer Dimension die nicht mal in der Atomindustrie zu finden ist!

Dagegen:
Es ist eine Körperverletzung, die körperliche Unversehrtheit wird nicht mehr gewahrt, Schönheitsoperationen unter 16 Jahre sind verboten!

Dafür:
Es ist ein Eingriff in die Religiöse Freiheit, es ist Rassismus, da nur jüdische und arabische Bevölkerungsschichten betroffen ist, es ist eine Jahrtausendalte Kultur, es wird in die Illegalität abgedrängt mit schwersten Folgen.

Fazit:
Genau diese Totschlagargumente führten dazu das auch heute noch Jährlich 100.000ende Mädchen eine Genitalzerstörung durchgeführt werden und sehr, sehr viele dieses Verbrechen unter grausamsten Bedingungen nicht überleben.

Das ist Faktum, jedes Argument dafür und dagegen ist unter solchen Bedingungen sinnlos und löst keine Probleme, und bitte mir nicht Dinge zu unterstellen dabei, die so definitiv nicht stimmen!

Antworten Gast: Karl Huber
26.07.2012 19:17
2

Re: Warum eine Diskussion nicht mehr möglich ist!

Was redens denn da für einen Cay daher?!
Da gibt es nur EIN Argument und Bestrafung!
Schwere Körperverletzung! Punkt. Aus!

Gast: il consigliere
26.07.2012 15:25
0

Landeshauptleute

und Bundesländer haben mit der Frage der gerichtlichen Strafbarkeit einer Beschneidung wohl nichts zu tun, mit Fragen der Religionsausübung noch weniger.
Die Privatmeinung von "Landeskaisern" interessiert daher bereits zu Themen der christlichen Religion nicht, noch weniger zu Themen anderer Religionen.

Gast: can. iur.
26.07.2012 14:33
0

Faktum ist,

dass es keiner Klarstellung bedarf, da es sich in Österreich um keinen strafbaren Tatbestand handelt. Die Debatte wäre auch problematisch, hätte in Österreich nicht die Anlassgesetzgebung Tradition, wenn der mediale Druck gross genug ist oder Wahlen vor der Tür stehen.

Gast: Bert12
26.07.2012 13:50
3

Kurpfuscherei

was sind das für Eltern, die ihre Kinder ohne deren Einwilligung lebenslänglich stigmatisieren und verstümmeln? Es ist eine vollkommen unnötige Operation mit lebenslangen Nebenwirkungen (schmerzende Narben!), oftmals auch nicht von Ärzten sondern von Kurpfuschern durchgeführt! In Youtube gbit´s Videos mit den erlittenenen Qualen zu sehen.

Antworten Gast: nixda
26.07.2012 14:39
0

Re: Kurpfuscherei

Narben? Schmerzen? Bei mir nichts dergleichen.

Re: Re: Kurpfuscherei

Vatürlich kein Wunder.
Sie sind nicht beschnitten.

Antworten Antworten Antworten Gast: nixda
28.07.2012 12:37
0

Re: Re: Re: Kurpfuscherei

Doch, bin ich.

Antworten Antworten Gast: gast89
26.07.2012 15:14
3

Re: Re: Kurpfuscherei

und welcher mann würde zugeben impotent zu sein??

die frage ist, bist du überhaupt beschnitten??

Re: Re: Kurpfuscherei

Keine Narben nach einer Opation?
Ein Wunder oder eine Lüge.
Medizinisch ist das nicht möglich.

Gast: Salzburgbeobachter
26.07.2012 13:40
0

Landeshauptfrau Gabi Burgstaller gegen die Abtreibung

"zwingenden Bestandteil" von Religion.
Warum fuer die eine Religion eintreten, fuer die andere aber nicht? Wenn die Babies ueberleben, koennen sie von mir aus soviel Haut amputieren, wie sie wollen.

Gast: Richter2012
26.07.2012 12:48
0

Ihr seid ja alle Anwälte und Richter

ist das eigentlich euer Problem, das mit den Beschneidungen????? habt ihr echt nichts besseres zu tun?? ihr würdet ja sowas mit euren kindern nie machen, oder??? ja?? dann braucht ihr da auch nicht großartig was schreiben, intolerant und respektlos gegenüber allen weltreligionen der erde sein. PS: Ich meine nur Beschneidungen von jungen!! Beschneidungen bei Frauen oder Mädchen dürfte es nicht geben!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Antworten Gast: Bruder Kain
26.07.2012 13:14
5

und Jungen spüren keinen Schmerz, oder wie?

ein sauberer Richter.

Re: Ihr seid ja alle Anwälte und Richter

Warum bei Buben schon und bei Mädchen nicht? Erklär mir das mal!

Antworten Antworten Gast: zuersteinmal
26.07.2012 14:41
0

Re: Re: Ihr seid ja alle Anwälte und Richter

Zuerst erklären Sie uns allen hier die Ähnlichkeit.

Gast: sorini
26.07.2012 12:37
3

@Urbin

Glaubst du das wirklich?

Gast: Asteroid
26.07.2012 12:09
0

Was stimmt bitte??


Landeshauptfrau Gabi Burgstaller zur Beschneidung:

- "zwingenden Bestandteil" von Religion.

Poster vierohla:

- "daß die Beschneidung lediglich empfohlen wird und eher rituellen Charakter hat"

Kann mir bitte jemand Kompetenter erklären wer recht hat.

Evolution

Ich selber spüre jede Impfung meiner Kinder bis ins Knochenmark. Wie kann man seinem Kind etwas wie eine Beschneidung antun. Da muss man doch geistig zurückgeblieben sein und null Empathiefähigkeit aufweisen.
Diese Ritualmenschen sind so verbohrt, dass ihnen offenbar nur von außen geholfen werden kann ihre Angst vor der Wirklichkeit zu überwinden.
Also an die Verantwortlichen:
1. Ja, du bist offenbar das Opfer eines global organisierten Vereins!
2. Ja, es ist unnötig seitdem es Seife gibt!
3. Ja, es ist natürlich Kindesmisshandlung!
4. Ja, es tut sowohl körperlich als auch seelisch höllisch weh!
5. Ja, du solltest besser selber anfangen zu denken!

Antworten Gast: impfungderzecke
26.07.2012 14:43
2

Re: Evolution

Sie spüren jede Impfung Ihrer Kinder? Sie sind sich aber schon Im Klaren, dass sie nützlich sind und warum?

Antworten Gast: oooooh
26.07.2012 14:42
0

Re: Evolution

Sie sind ja so 'aufgeklärt'.

 
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